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Finanzwirtschaft:Gutes Geld

Sylke Schröder war Sekretärin bei einer Volksbank in Thüringen. Dann hatte sie eine Idee: Eine Bank zu gründen, die den gesamten Betrieb nach ethischen Kriterien ausrichtet. Mittlerweile hat sie als Chefin der Ethikbank die Mutterfirma überholt. Trotzdem geht manchen das Wachstum zu schnell.

Grau und etwas verlassen wirkt Eisenberg. Dass hier, in dieser ostthüringischen 11.000-Einwohner-Stadt, ein Kapitel moderner Wirtschaftsgeschichte geschrieben wurde, ist nicht zu vermuten.

1999 wurde die Bahnverbindung stillgelegt, die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Altersdurchschnitt steigt. Doch da gibt es ein besonderes Geldinstitut, eine Ethikbank. Sylke Schröder, die Chefin, führt zum Gespräch in einen kleinen Besprechungsraum, alles frisch renoviert. Helles Holz, viel Licht, ein Werbeplakat. Der schlichte Auftritt zeigt: Mehr braucht es nicht. "Dass die Ethikbank gerade in Eisenberg gegründet wurde, hat eigentlich nur einen Grund: Wir waren eben hier", erzählt Sylke Schröder.

Kurz nach der Wende hatte die heute 46-Jährige als Sekretärin bei der Volksbank Eisenberg angefangen und sich schnell ins Thema Soziale Verantwortung eingearbeitet. So konnten die Kunden mit einem Teil ihrer Zinsen den Bau eines Kinderheims in Bulgarien unterstützen. Diese Seite des Bankgeschäfts gefiel Schröder, die in der Zwischenzeit zur Bankkauffrau und Bankbetriebswirtin ausgebildet wurde und zur Prokuristin aufgestiegen war. Sie wollte es nicht bei Einzelprojekten belassen.

Kriegswaffen und Atomkraft sind tabu

Wer es wirklich ernst meine mit der sozialen Verantwortung, müsse den gesamten Betrieb nach ethischen Kriterien ausrichten, findet sie. Kriegswaffen, Atomkraft, Kinderarbeit sollten tabu sein. Bei Klaus Euler, dem Vorstandschef der Eisenberger Volksbank, stieß die Bankerin auf Gehör. Nach Feierabend diskutierten die beiden, wie das Geschäft mit dem Geld neu auszurichten sei.

Vorbilder für derartige "Gutbanken" gab es schon. Die GLS Bank aus Bochum wurde 1974 gegründet. Warum sollte nun eine kleine Ost-Volksbank in das schwierige Geschäft einsteigen? Aus politischer Überzeugung, das Richtige zu tun, sagt Schröder.

Nachdem sie Euler für ihre Idee begeistert hatte, überzeugten die beiden gemeinsam den Aufsichtsrat. Das Gremium "hat uns machen lassen. So riskant war das Ganze nun auch nicht", erinnert sich Schröder. 2002 startete die Ethikbank, als Tochter der Volksbank Eisenberg, ihre Geschäfte. Von Anfang an war klar, dass die Ethikbank online als Direktbank funktionieren und Kunden in ganz Deutschland ansprechen sollte - den lokalen Markt bediente ja bereits die Eisenberger Volksbank.

500 neue Konten jeden Monat

Zehn Jahre später hat die Ethikbank das Mutterhaus überholt. Sie ist zu einer etablierten Größe auf dem - immer noch kleinen - Markt der ethisch ausgerichteten Banken geworden. 16.600 Konten führt die Bank im Moment, 500 neue Konten werden jeden Monat eröffnet. Das Geschäftsvolumen: 135 Millionen Euro.

Mit diesem Geld unterstützt die Ethikbank ökologische Projekte sowie Firmen, die den Tabu-Kriterien genügen und sich aktiv für die Gesellschaft engagieren, aber auch Insolvenzschuldner, die sonst kaum eine zweite Chance bekommen. Eine großartige Rendite können die Anleger nicht erwarten - 0,5 Prozent Zinsen erhalten sie derzeit aufs Tagesgeld, bei der Konkurrenz gibt es mehr als das Dreifache. Seit ein paar Monaten hat die Ethikbank eine Presse-Beauftragte, auch sie ist aus Überzeugung dabei. "Ruinösen Preiskampf lehnen wir ab", kommentiert sie die Zahlen, auch die Zinsen seien "marktüblich" und, vor allem, "sicher".

Erfolg in der Krise

Im Vergleich zur Deutschen Bank, die 2011 eine Bilanzsumme von 2164 Milliarden Euro hatte, wirkt all das sehr klein. Und doch geht das Wachstum in Eisenberg manchem fast zu schnell. Nancy Ahlendorf arbeitet seit 2005 für die Eisenberger Volksbank, inzwischen verantwortet die heute 25-Jährige den Kundenservice der Ethikbank. Allein 2011 stieg die Zahl der Konteneröffnungen um 37 Prozent, "das ist natürlich auch mal stressig", räumt die junge Frau ein. Doch die Arbeit macht ihr Spaß.

Die Kunden, das sind vor allem Großstädter wie Caspar Hübinger aus Potsdam. Der Web-Designer ist seit einigen Monaten Ethikbank-Kunde. Die handgeschriebene Begrüßungspostkarte sei "so toll und persönlich" gewesen, dass er nun im Bekanntenkreis Werbung für die Bank mache, erzählt er. Lange hatte Hübinger darüber sinniert, dass er mit seinem Geld auch Kriege unterstütze, Atomkraft oder Tierversuche. Das wollte er ändern. Die Homepage der Eisenberger überzeugte ihn.

Dort ist aufgelistet, wo die Bank investiert und wo nicht. Dass hinter der Ethikbank nur 14 Mitarbeiter stehen, ist überraschend. Die Organisationsleistung sei möglich, weil es kurze Wege, flache Hierarchien und klare Ansagen gebe, erklärt Chefin Schröder. Sie ist keine, die unnötig viele Worte macht. Doch was sie sagt, meint sie ernst.

"Wir wünschen uns eine andere Gesellschaftsordnung"

"Natürlich verfolgt die Ethikbank politische Ziele", holt Schröder zu einer ihrer seltenen längeren Erklärungen aus. Der Kapitalismus in seiner jetzigen Form führe auf den Holzweg, das sei jedem klar, der Karl Marx gelesen habe: "Wir wünschen uns eine andere Gesellschaftsordnung." Nachhaltiger solle sie sein, "die Ausbeutung des Südens durch den Norden, die immer größere Spreizung zwischen Arm und Reich, die Dominanz des Kapitals", all das gelte es zu bekämpfen. Die Bankkauffrau lebt auf.

"Greenwashing" oder Geschäftemachen mit den Gewissenskonflikten überspannter Großstädter, diesen Vorwurf will sie von vornherein entkräften. Ihr geht es um die Sache. Erst später spricht Schröder über sich selbst. Ihr erster Westkontakt, "die Frau, die uns damals das Begrüßungsgeld auszahlte", arbeitete bei einer Volksbank in Franken: "Im Nachhinein war diese Freundschaft wirklich so etwas wie ein Zeichen." Erst nach und nach begriff die junge Frau Anfang der 1990er Jahre, welche Chancen sich ergaben. Sie begann, sich zu bewerben, "einfach um mich auszuprobieren" - und landete schließlich in Eisenberg.

Auch die Ethikbank will Wachstum

2009 wurde Schröder in den Vorstand der Ethikbank berufen. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden Euler, der 1992 nur für drei Monate zur Sanierung der Volksbank von Hessen nach Thüringen gekommen war, dann hängen blieb und vor kurzem sein 20-jähriges Jubiläum feierte, repräsentiert sie die Bank. Privat lebt sie in Weimar, etwa 50 Kilometer von Eisenberg entfernt, und ist auf der Suche nach einem historischen Haus mit "wildromantischem Garten". Das Haus werde ihr nächstes ökologisches Projekt.

Spätestens seit der Finanzkrise geht es mit der Ethikbank steil bergauf. Auch in der Euro-Krise sehen die Eisenberger gut aus - Griechenland, die USA und Spanien stehen auf dem Index, hier wurde nie investiert. Vorhersagen, wonach 2020 mehr als zehn Millionen Deutsche ihr Geld nach ethischen Kriterien anlegen könnten, hält Sylke Schröder für überzogen. Dennoch: Ziel der Bank ist es, 2012 um zwanzig Prozent zu wachsen. Und das erinnert an frühere Erwartungen der Großbanken.