Finanzsektor im Wandel Neue Geschäftsmodelle gesucht

In zehn Jahren werden Banken keine Filialen mehr haben, die Kunden Zahlungen und Überweisungen mobil erledigen, sagen Experten voraus.

(Foto: United Archives)

Vier von fünf Banken könnten bis 2030 verschwinden. Schuld ist die Ahnungslosigkeit vieler Institute in der digitalen Welt.

Von Christine Demmer

Den Stresstest der europäischen Bankenaufsicht EBA haben die deutschen Kreditinstitute zwar bestanden. Mit ihrer Eigenkapitalausstattung seien sie besser für eine neue Wirtschafts- und Finanzkrise gerüstet als noch vor einigen Jahren, lobt die Behörde. Allerdings, und das ist die schlechte Nachricht, sind sie nicht profitabel genug, um eine länger anhaltende Talfahrt durchzustehen. Wenn man sieht, wie viele Unternehmen noch immer unter der Finanzkrise von 2008 leiden, dann wird die schlechte Nachricht zur Existenzbedrohung. Vier von fünf Banken werden bis 2030 in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, sagt das US-Beratungsunternehmen Gartner voraus. Die Ursache sei weniger die Verschuldung der Banken, sondern die Trägheit vieler Institute, sich neuen Geschäftsmodellen in der digitalen Welt zuzuwenden. Management-, IT-, Personal- und Rechtsberater können den Weg nur vorzeichnen. Gehen müssen ihn die Banken allein.

Strategieberatung

"In zehn Jahren wird es in Deutschland keine Bankfiliale mehr geben", sagt Christoph Rachor, Geschäftsführer der Insignion Managementberatung in Frankfurt, voraus. "Sie sind zu teuer, und keiner geht mehr dahin." Die meisten Kunden tätigten ihre Bankgeschäfte online. Kaum jemand marschiert noch mit einem Arm voller Ordner in die Filiale und erbittet eine persönliche Beratung. Und ihre Stammdaten aktualisieren die Kunden selbst am PC oder über die App im Handy. Darüber könne man auch auf den Bedarf zugeschnittene Angebote versenden. "Für die Bank ist das kostengünstig und für die Kundschaft komfortabel", sagt Rachor. Berater seien überflüssig. Wenn Personal aufgebaut werde, dann solches, das es verstehe, "Daten aus verschiedenen Informationsquellen zu integrieren und erst in Marktchancen und dann in Geschäft zu verwandeln". Soll heißen: Bankkunden, die bei Facebook, Linkedin oder Google Plus auch nur andeuten, eine Gelddienstleistung zu wünschen, dürfen sich nicht wundern, wenn sie künftig von ihrer Bank mit Angeboten zugeschüttet werden. "Die sehen aus den Kontobewegungen, dass jeden Monat feste Geldbeträge an eine Versicherung, einen Mobilfunkanbieter oder an den Fitnessklub fließen", sagt Rachor. "Also werden sie mit solchen Anbietern Vertriebskooperationen eingehen: Ihr habt das Angebot, wir haben die Kunden, lasst uns das zusammenbringen." Was ist dann noch die Leistung einer Bank? "Die Marke", sagt Rachor und zeigt auf Apple, das wertvollste Unternehmen der Welt, das fast nur fremdproduzieren lässt. "Es gibt kein Gesetz, wonach die Produktion unbedingt in die Wertschöpfungskette gehört." Den größten Beratungsbedarf hätten Banken, die alles aus einer Hand anbieten wollten. Das wiederum werde heute vom Berater erwartet: von der Idee bis zur Umsetzung.

IT-Beratung

"Die Banken tun schon viel", lobt Sandra Ficht, für Digitalisierung zuständige Vizepräsidentin bei Capgemini Invent in Frankfurt. "Aber das ist nicht immer zielführend." Es genüge nicht, einfach weiter an der IT herumzuschrauben. Vielmehr müsse ein klares Zielbild her, das sich an der Geschäftsstrategie ausrichtet und die Digitalstrategie diktiert. "Der Weg, den die Banken hier noch zu gehen haben, ist sehr, sehr lang." Spät und halbherzig sei die erfolgsverwöhnte Branche auf den Digitalisierungszug aufgesprungen, sagt Ficht. Sie seien viel zu langsam in der Umsetzung. "Banken tun sich extrem schwer, alte Zöpfe abzuschneiden." Ist die Regulatorik ein Bremsklotz? "Nicht nur. Gewiss schränken die strengen Vorschriften die Handlungsfreiheit der Finanzbranche ein. Auf der anderen Seite zwingen sie die Banken zur Digitalisierung und zur Öffnung gegenüber anderen Akteuren im Markt." Kunden fragen ihre Bank nach Geldanlagemöglichkeiten oder Darlehen. Berater stellen andere Fragen: Wie will sich die Bank in Zukunft positionieren? Was soll ihr USP sein? Welchen Mehrwert will sie den Kunden anbieten? Und wie kann sie ihn überzeugen, dass er seiner Bank treu bleiben soll? "Diese Erkenntnis ist mittlerweile angekommen", sagt Beraterin Ficht. Kürzlich hat sie mit ihrem Team das Geschäftsmodell einer großen Privatbank neu definiert. Sie weiß: "Banken haben nur noch eine Chance am Markt, wenn sie dem Kunden mehr als klassische Geldgeschäfte bieten. Nicht nur ihre eigenen Produkte, sondern auch ergänzende Produkte und Services von Fremdanbietern." Unternehmenskunden könnte die Bank beispielsweise Buchhaltungsdienste nahelegen. "Die Daten dafür sind ja schon da", sagt Ficht und verweist auf die Kontobewegungen der Kunden, aus denen die Geldinstitute vieles herauslesen könnten, was sie datenrechtlich sogar dürfen, wenn sie denn smart genug wären, es zu wollen. Sandra Ficht: "Die Banken werden aus dem Sichtfeld der Kunden verschwinden, wenn sie es nicht schaffen, ihnen zusätzliche Angebote zu machen."

HR- und Personalberatung

Auch in den HR-Abteilungen der Banken geben sich die Berater die Klinke in die Hand. Das In-Thema ist Diversity, Vielfalt. "Früher hat man die Unterschiede herausgestellt und versucht, es jedem Mitarbeiter recht zu machen: Männer und Frauen, Gesunde und Behinderte, Bio- und Neudeutsche, Heteros, Schwule und Lesben, Karrieristen und Schluffis", weiß Bernhard Schelenz, Kommunikationsberater für Arbeitgeber in Großkarlbach. Heute schauten die Unternehmen auf das Verbindende, sagt der Berater. "Man will den Betrieb als Mikrokosmos der ganzen, bunten Gesellschaft herausstellen." Und da nicht jeder Personalchef das Rad neu erfinden will und kann, sind Berater unentbehrlich. "Künftig werden die Banken wie andere Unternehmen auch Pflichtveröffentlichungen zu Diversity und Inklusion vorlegen müssen", sagt Schelenz und identifiziert ein neues Beratungsfeld. Ein schon länger bestehendes ist der notwendige Personalaustausch. "Die Banken benötigen neue Mitarbeiter mit anderen als den vorhandenen Kompetenzen", erklärt Gregor Ghirmay, Personalberater bei Mercuri Urval in Wiesbaden. Der Grund sei die Digitalisierung - und der Brexit: "Er bedeutet für die Banken eine Veränderung ihrer Personalstruktur und -stärke an den Standorten in Großbritannien und der EU." Wobei erschwerend hinzukommt: "Das Image der Banken hat sich in den letzten zehn Jahren getrübt", sagt Martin von Hören, Partner bei der Beratungsgesellschaft Kienbaum in Köln, "und finanziell wachsen die Bäume auch nicht mehr in den Himmel angesichts der verschlechterten Ertragslage. Der Arbeitsmarkt stellt sie damit vor besonders große Herausforderungen."

Rechtsberatung

Ob es um die Erfüllung der erhöhten Anforderungen an die Identifizierung von Gruppen verbundener Kunden geht, um rechtliche Tücken bei der Umsetzung der EU-Zahlungsdienste-Richtlinie, die Einführung vertragsrechtlich wasserfester Sofort-überweisungen (Instant Payment) oder die Auslegung des neuen Geldwäschegesetzes: "Die Umsetzung zahlreicher regulatorischer Neuerungen stellt die Banken weiter vor große Herausforderungen", weiß Peter Körner, Direktor beim Rechtsmarktforschungsunternehmen Corporate Legal Insights (CLI) in Frankfurt. Damit zu tun haben nicht nur die Juristen der Banken, sondern auch Hunderte von Rechtsberatern in meist großen Kanzleien, die sich auf Bank- oder Kapitalmarktrecht spezialisiert haben. "Externe Rechtsberatung ziehen Banken auch bei Haftungsfragen hinzu", ergänzt Körner, "insbesondere dann, wenn der Schadenseintritt strittig oder die Schadenshöhe exorbitant hoch ist. Erfahrene Berater mit Spezialwissen im jeweiligen Rechtsgebiet werden hier immer nachgefragt."