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Finanzminister beraten über Schuldenkrise:Woher das Geld für Griechenland kommt

Die Menschen auf Griechenlands Straßen stehen unter Strom, die Regierung kann ihren Strom nicht mehr zahlen - und in Brüssel verhandeln die Euro-Finanzminister die Zukunft des überschuldeten Staates. Doch die Rettung wird teurer als gedacht. Und der Weltwährungsfonds will sogar seinen Anteil drastisch herunterfahren. Ein Überblick über den Milliarden-Poker.

Jannis Brühl

Nicht einmal die griechische Regierung bezahlt ihre Stromrechnungen noch: Allein die Ministerien schulden dem nationalen Stromkonzern 180 Millionen Euro, berichtete eine griechische Zeitung am Wochenende. Das Land braucht Geld, und an diesem Montag sollen die Finanzminister der Euro-Gruppe es bei ihrem Treffen in Brüssel bewilligen.

Das neue Hilfspaket hat ein Volumen von 130 Milliarden Euro. Aber wer zahlt wie viel? Welche Rolle spielt der Internationale Währungsfonds IWF? Und wonach richtet sich der deutsche Anteil? Ein Überblick über die Milliardensummen, um die es geht.

30 Milliarden Euro werden in Form von Anleihen der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität EFSF an die privaten Gläubiger ausgehändigt - als süßer Anreiz dafür, dass sie beim Schuldenschnitt auf einen Großteil griechischer Staatsanleihen verzichten. Statt ursprünglich 200 Milliarden dürften sie dann nur noch 70 Milliarden Euro in Papieren des Landes halten. Insgesamt entspräche das einem Verzicht auf die Hälfte des Geldes, das Banken und Versicherungen Griechenland über die Jahre hinweg geliehen haben.

Doch es ist fraglich, ob Griechenland damit das Ziel erreichen kann, 2020 seine Schuldenlast auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesenkt zu haben, wie es die internationalen Geldgeber fordern. Deshalb ist mittlerweile ein Schuldenschnitt von deutlich mehr als 50 Prozent im Gespräch, möglicherweise bis zu 70 Prozent.

Damit hätte sich der Anteil, auf den die privaten Gläubiger verzichten, auf mehr als das Dreifache der im Juli 2011 ausgehandelten Summe erhöht. Dass die Banken dadurch plötzlich in Schieflage geraten würden, ist aber nicht gesagt: Vor allem die großen internationalen Geldhäuser haben längst hohe Beträge auf ihre griechischen Staatsanleihen abgeschrieben - also ihren Wertverlust teilweise eingepreist. Verärgert sind die Banklobbyisten darüber, dass sich die Europäische Zentralbank (EZB), Griechenlands größter Gläubiger, nach wie vor weigert, als öffentliche Institution ebenfalls einen Schuldenschnitt hinzunehmen.

Die restlichen 100 Milliarden Euro kommen aus zwei Quellen. Zum einen stellt der IWF Griechenland Geld aus seinen Devisenreserven zur Verfügung. Zuletzt wurde bekannt, dass der Internationale Währungsfonds weniger zahlen will als beim letzten Rettungspaket von 2010. Damals übernahm die Institution aus Washington 30 Milliarden Euro von insgesamt 110 Milliarden. Diesmal will Chefin Christine Lagarde einem Bericht des Wall Street Journal zufolge nur 13 Milliarden Euro lockermachen - und statt fast 30 Prozent wie 2010 nur zehn Prozent der Gesamtlast tragen. Die Helfer aus Washington sollen sich davor fürchten, sich mit zu viel Geld der Krise in Europa auszusetzen und sich so selbst in Gefahr zu bringen.

Zum anderen garantieren die Euro-Staaten für die Kredite, die der EFSF mit seinem guten Bonitätsrating am Markt aufnimmt und dann als Kredit an Griechenland vergibt. Wie viel die Staaten der Euro-Gruppe genau zahlen müssen, bemisst sich aus dem Anteil, den der IWF übernimmt. Sollte der sich bei den Verhandlungen am Montagabend durchsetzen, könnten 87 Milliarden Euro fällig werden. Davon übernimmt Deutschland gemäß seinem Anteil am Rettungsfonds EFSF etwa 29 Prozent. Dieser Anteil berechnet sich nach dem Anteil der einzelnen Länder an der Europäischen Zentralbank EZB. Deutschland steuert zum Kapital der Notenbank zwar nur etwas mehr als 18 Prozent bei, der Anteil am EFSF liegt jedoch aus zwei Gründen höher.

Teurer als gedacht

Erstens sind an der EZB auch die EU-Staaten beteiligt, in denen gar nicht mit dem Euro bezahlt wird. Großbritannien hält etwa mehr als 14 Prozent des EZB-Kapitals. Die Staaten ohne gemeinsame Währung machen beim EFSF aber nicht mit, dadurch steigt der Anteil der Euro-Staaten - und der Deutschlands. Vorerst fließt aber kein Geld aus dem Bundeshaushalt nach Athen. Dazu müssten erst die EFSF-Ausleihen ausfallen, für die Deutschland mit geradesteht.

Zweitens gibt es die sogenannte Stepping-out-Klausel: Empfängt ein Euro-Land selbst Hilfe durch den EFSF, braucht es selbst nicht mehr zu garantieren oder einzuzahlen. Beim ersten Hilfspaket übernahm Griechenland als Hilfsempfänger logischerweise keine Garantien. Mittlerweile sind auch Irland und Portugal unter dem Rettungsschirm, auch sie garantieren keine EFSF-Kredite mehr. Dadurch ist der Anteil an den Kreditgarantien für die anderen Staaten gestiegen - und damit auch der Deutschlands.

Doch all diesen Zahlen sollte man skeptisch gegenüberstehen. Schließlich hat sich bei den Hilfssummen in der Griechenlandkrise vor allem eins gezeigt: Die Rettung wird immer teurer als zunächst gedacht. Journalisten der Financial Times berichten unter Berufung auf interne Dokumente, dass noch mal sechs Milliarden Euro mehr als die bisher veranschlagten 130 Millliarden benötigt werden. Weil sich reiche Staaten wie Deutschland oder die Niederlande weigern, noch mehr Geld bereitzustellen, soll jetzt die EZB ihre Gewinne aus Staatsanleihen in den Hilfspool pumpen.

© Süddeutsche.de/bbr/rus

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