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Finanzmarkt:Zu viel Ruhe macht unruhig

Die Anleger warten, was die Notenbanken als Nächstes tun - und werden immer nervöser.

Der Leitzins in der Euro-Zone liegt seit einem halben Jahr bei null, zusätzlich pumpt die Europäische Zentralbank über ihr Anleihen-Kaufprogramm Woche für Woche Millionensummen in den Markt. Auch das britische Votum zum EU-Austritt hat die Wirtschaft besser verkraftet als befürchtet, bisher jedenfalls. Und in den USA ist die letzte, vorsichtige Zinserhöhung nun auch schon wieder neun Monate her. Der nächste Schritt scheint hier zwar sicher, der Zeitpunkt aber ist ungewiss. Alles beim Alten also. Trotzdem, so scheint es, sind die Finanzmärkte verunsichert wie lange nicht, agieren die Investoren kopflos und widersprüchlich.

Schwankung tut den Märkten gut, sagen Ökonomen. Die Investoren gehen sonst zu hohe Risiken ein

Die ganze Situation ist paradox: Gerade weil sich so lange nichts getan hat, warten die Investoren offenbar umso gespannter auf etwas Neues. Deshalb deuten sie alles, was die mächtigen Notenbanker in Washington und Frankfurt sagen - oder eben nicht. "Die Märkte wurden extrem durch geldpolitischen Stimulationen getrieben - und jetzt sind sie abhängig davon", sagt Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt bei Allianz-Vermögensverwalter Global Investors.

Janet Yellen, Stanley Fischer, Bill Dudley

Was Fed-Chefin Janet Yellen da wohl mit ihren Kollegen Stanley Fischer (li.) und Bill Dudley (re.) beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole besprochen hat? Viele Investoren wüssten es nur zu gern.

(Foto: Brennan Linsley/AP)

Wie sehr, das demonstrierte am vergangenen Donnerstag EZB-Präsident Mario Draghi: Eine Ausweitung des Anleihen-Kaufprogramms sei "nicht diskutiert" worden, sagte er nach der Ratssitzung. Das Programm läuft sowieso noch bis März, und nach wie vor kauft die EZB jeden Monat Anleihen für rund 80 Milliarden Euro auf.

Trotzdem sei da durchaus etwas Fundamentales passiert, sagt Felix Hüfner, Deutschland-Chefvolkswirt der UBS: "Die EZB hat sich eben nicht auf die Fortsetzung des Anleihen-Kaufprogramms verpflichtet und war damit rigider als erwartet." Der Markt hatte offenbar mit einer Verlängerung schon jetzt gerechnet. Die ist zwar keineswegs vom Tisch, trotzdem herrscht seitdem die Verunsicherung: Die Kursschwankungen bei deutschen und US-Aktien legten deutlich zu, Banker sprechen von gestiegener Volatilität.

Zugleich kletterte aber auch die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe nach der EZB-Sitzung am 8. September wieder ins Positive (siehe Grafik). Eigentlich ein Widerspruch: Steigt die Unsicherheit an den Aktienmärkten, müssten Anleger in die als sicher geltenden Staatsanleihen investieren. Deren Kurs würde steigen, die Rendite fallen. Dass es nun andersherum läuft, habe "sicher viel mit der EZB zu tun", sagt Hüfner. "Die gesamte Entwicklung hier ist nur durch das Kaufprogramm getrieben." Weil es nicht verlängert wurde, könnte die Nachfrage nach Staatsanleihen in Zukunft vielleicht einmal sinken - und deshalb sei der Kurs eben gefallen. Zugleich suchen Anleger aber in Gold Sicherheit, die Nachfrage ist auf Rekordhoch. Inzwischen lagern mehr als 100 Tonnen bei der Deutschen Börse, ein Plus von 70 Prozent seit Jahresbeginn.

Und auch demnächst dürfte keine Ruhe einkehren. Denn wenn kommenden Mittwoch die US-Notenbank Fed zur nächsten Sitzung zusammenkommt, könnten die Leitzinsen wieder etwas steigen - vielleicht. Dass die Fed die Schraube demnächst irgendwann anzieht, gilt als ausgemacht. Darauf deuten die Aussagen einiger Notenbank-Gouverneure hin. Zudem sprächen die guten Nachrichten im Jahresbericht des US-Statistikamts - deutlich höhere Einkommen in der Mittelschicht, weniger Arme - für eine Zinserhöhung. Trotzdem hielt sich Fed-Chefin Janet Yellen zuletzt beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole über den Zeitpunkt bedeckt. UBS-Ökonom Hüfner hält den Dezember nach wie vor für das wahrscheinlichste Datum. Das Geld bliebe damit auch in den USA vorerst unverändert billig. "Wenn es jetzt im September schon passiert, wäre das sicher eine Überraschung. Wie heftig die Verwerfungen dann wären, lässt sich aber nicht vorhersagen."

Da ist sie wieder, die Unsicherheit. Insgesamt seien die Notenbanker zuletzt eben nicht gerade eindeutig gewesen, sagt Hofrichter. "Die konnte man in die eine oder andere Richtung interpretieren." Nur eines scheint klar: "Der Zins wird in den USA angehoben, nicht in Europa." Dass die EZB Rücksicht auf die gebeutelten Banken nimmt, glaubt er nicht. Die Geldhäuser leiden unter dem Nullzins, zusätzlich müssen sie Gebühren zahlen, wenn sie ihr Geld bei der EZB parken. Deshalb verloren auch ihre Aktien zuletzt an Wert, allerdings weniger als der Gesamtmarkt. Gut möglich, dass zumindest hier ein bisschen Hoffnung beim Warten auf die Fed herrscht.

Insgesamt rechnen die Ökonomen mit künftig wieder stärkeren Schwankungen am Markt. Zu viele wichtige Entscheidung stehen an: neben den Sitzungen von EZB und Fed beispielsweise das Verfassungsreferendum in Italien, an das Premier Matteo Renzi seine politische Zukunft geknüpft hat. Schlimm sei das aber nicht, findet Hofrichter. "Volatilität ist an sich nichts Dramatisches, sondern sogar gesund." Derzeit sei sie unterdurchschnittlich und "noch zu gering". Das fördere nur exzessive Risikobereitschaft.