Finanzmärkte Signale für die nächste große Krise

Bankentürme in Frankfurt: Eine Finanzkrise beginnt häufig im Bankensektor.

(Foto: dpa)
  • Die Märkte für Aktien, Anleihen, Währungen und Rohstoffe zeigten sich im Oktober sehr nervös. Große Schwankungen sind oft Ausdruck dafür, dass die Anleger Angst um ihr Geld haben.
  • Experten warnen, dass sich eine große Wirtschafts- und Finanzkrise wie zuletzt ab 2008 wiederholen könte.
  • Fest steht aber auch, dass Banken anfallende Verluste heute viel besser verkraften können als vor der Finanzkrise.
Von Meike Schreiber und Markus Zydra, Frankfurt

"Es gibt jede Menge Schulden" in der Welt, und die Generation der heute 50-Jährigen werde noch "mindestens zwei Finanzkrisen" erleben. Diese Prognose wagte der frühere amerikanische Notenbankpräsident Paul Volcker vergangene Woche und warnte: Ein Jahrzehnt nach der Pleite von Lehman Brothers machten sich "in der Finanzwelt wieder alte Gewohnheiten breit, mit Täuschungsmanövern und Lobbyismus, um die Regulierung aufzuweichen", sagte er der Financial Times.

Seine Worte und seine Memoiren, die bald erscheinen, sind das Vermächtnis eines erfahrenen Notenbankers. Volcker, 91, hat in den 1980er-Jahren durch unpopuläre Leitzinserhöhungen erfolgreich die Inflation besiegt. Die strengen US-Gesetze zur Bankenregulierung, die 2008 nach Ausbruch der Finanzkrise eingeführt wurden und unter US-Präsident Donald Trump nun aufgeweicht werden, tragen seinen Namen: "Volcker rule".

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Was ist los in der Finanzwelt? Die Märkte für Aktien, Anleihen, Währungen und Rohstoffe zeigten sich im Oktober sehr nervös. An der US-Aktienbörse sind zum Beispiel die Kurse am Dienstag vergangener Woche morgens stark gefallen und abends wieder gestiegen. Große Schwankungen sind oft Ausdruck dafür, dass die Anleger Angst um ihr Geld haben. Der Dax könnte in diesem Jahr erstmals seit 2011 einen Verlust machen. Damals wütete die Euro-Schuldenkrise. In den USA wächst die Wirtschaft bereits seit zehn Jahren. Die Wahrscheinlichkeit des Abschwungs steigt mit jedem Tag, an dem die Konjunktur gut läuft. Die fast schon biblische Regel, dass auf einen Aufschwung irgendwann immer auch ein Abschwung folgt, wurde schließlich noch nie außer Kraft gesetzt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der US-Aktien ist im historischen Vergleich fast so hoch wie in den Finanzkrisenjahren 1929 und Anfang 2000. Danach kam der Crash.

Einige Umstände erinnern an die Zeit vor der Lehman-Pleite, etwa die Verschuldung, der Hang zum Risiko und der Herdentrieb. So sind die Schulden der Unternehmen, Privathaushalte und Staaten weltweit heute höher als im Jahr 2007. Darüber hinaus vergeben die Banken wieder zu vergleichsweise laschen Konditionen Kredite. Einige Schwellenländer sind angeschlagen: In Argentinien droht erneut ein Staatsbankrott, das Vertrauen in die türkische Währung Lira ist erschüttert. Die italienische Regierung gibt mehr Geld aus, als sie hat, und fordert all jene Investoren heraus, die bisher italienische Staatsanleihen gekauft haben. An der Wall Street steigen die Boni der Banker.

"Pleiten in der Finanzwirtschaft werden schnell vergessen", schrieb der Harvard-Ökonom John Kenneth Galbraith vor fast 30 Jahren. Es gebe nur wenige Bereiche menschlichen Handelns, in denen die Geschichte so wenig zähle wie in der Welt des Geldes, wo "ähnliche Umstände von einer jungen, neuen und selbstbewussten Generation als geniale Entdeckung gepriesen werden", so Galbraith. Ist es wieder so weit?

Banken können Verluste heute viel besser verkraften als vor der Finanzkrise

Die volkswirtschaftliche Abteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel genießt einen guten Ruf. Ihr einstiger Chefökonom William White war es, der 2005 vor dem Kollaps an den Finanzmärkten warnte. Damals wollte niemand auf ihn hören. In ihrem jüngsten Bericht zeigen sich die Experten der BIZ nun wieder sehr besorgt. Die niedrigen Leitzinsen der Zentralbanken haben "Zombiefirmen" erzeugt, die bei einem normalen Zinsniveau kaum überlebensfähig seien. Die Welt habe sich an das billige Geld gewöhnt. Das Ende dieser "exzessiven Stimulation" werde alles andere als glatt verlaufen. Die jüngsten Verwerfungen an den Börsen seien Ausdruck von "Entzugserscheinungen eines Patienten". Insgesamt gebe es "zu viele Schulden", warnte die BIZ.

Die Zahlen sind erschreckend: Zwischen 2008 und 2018 ist der globale Schuldenstand von 210 auf 250 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. Die Banken und Investoren saßen 2017 mit 2,5 Billionen Dollar auf doppelt so hohen Forderungen gegen unsichere Kreditnehmer (Leveraged Loans und High Yield Bonds) wie 2007, warnt Howard Marks, Chef des Hedgefonds Oaktree. Gleichzeitig sei das Volumen von Krediten mit gelockerten Klauseln (Covenant-lite) im Vergleich zu 2007 von 97 auf 375 Milliarden Dollar gestiegen. Lockere Klauseln bedeuten, dass die Kreditnehmer weniger Sicherheiten für ihre Kredit geben müssen oder keine Sicherheiten nachliefern müssen, wenn der Gewinn der Schuldner stark sinkt.

Viele halten diesen Zustand für gefährlich, mancher ist entspannter. "Das wieder um sich greifende Phänomen der gelockerten Kreditklauseln ist an sich noch längst kein Krisensignal", sagt Michael Hünseler, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Assenagon. Er warnt vor Panikmache. Die Banken hätten die Standards zwar wieder gelockert, um ihre Kredite leichter loszuwerden, aber das heiße noch lange nicht, dass die Unternehmen, die sich das Geld liehen, weniger stabil seien. "Die Ertragslage europäischer Unternehmen ist nach wie vor sehr gesund; der Verschuldungsgrad seit Jahren rückläufig", sagt der Experte für Unternehmensanleihen. "Käme es zu einer Krise, würden die gelockerten Kreditklauseln bestenfalls schadenbegrenzend wirken. Dann würden Banken überschuldeten Unternehmen zur Vermeidung einer Insolvenz in der Regel ohnehin entgegenkommen, Klauseln hin oder her."

Eine Finanzkrise beginnt meist im Bankensektor

Fest steht, dass Banken anfallende Verluste heute viel besser verkraften können als vor der Finanzkrise. Das neue Regelwerk Basel 3 schreibt deutlich höhere Eigenkapitalpuffer vor. "Problematisch hingegen wird es, wenn die Erträge der Banken sinken und gleichzeitig die Kosten, etwa durch zunehmende Kreditverluste, steigen", sagt Hünseler. Danach sehe es derzeit aber nicht aus.

Jede Weltregion hat ihre spezifischen Probleme. In China sind es die Schulden der Gesamtwirtschaft, in den Schwellenländern die Fremdwährungsdarlehen in Dollar, in den USA die ökonomische Überhitzung und in Europa die Fragilität der Euro-Zone sowie die Staatsschulden. Die EZB wird den Leitzins wohl 2019 erstmals nach der Finanzkrise erhöhen. Können Verbraucher danach ihre Immobilienkredite noch zurückzahlen? Eine Finanzkrise nimmt wegen der Kreditausfälle meist im Bankensektor Fahrt auf. In Europas Bankbilanzen lagern viele Altlasten an faulen Krediten, mehr als 700 Milliarden Euro. Sobald die Konjunktur schwächelt, fallen weitere Kredite aus. Problematisch in diesem Zusammenhang: Die Risikomodelle der Banken sind meist auf wenige Jahre ausgerichtet - in denen lief es gut. Damit unterschlagen sie die Risiken steigender Zinsen, warnte unlängst die EZB-Bankenaufsicht.

Es gibt also einige Krisensignale. Droht eine ähnliche Katastrophe wie 2008? "Die Geschichte wiederholt sich nicht", so ein Bonmot des Schriftstellers Mark Twain. "Aber sie reimt sich."

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