Süddeutsche Zeitung

Finanzkrise in Zypern:Russlands großer Bluff

Die russische Regierung hat die mächtige Rolle genossen, die dem Land im Fall Zypern international attestiert wurde. In Wahrheit aber ist Moskaus Interesse an einem stabilen Euro größer als das Streben nach Einfluss. Und wer hätte den Russen erklärt, dass man mit ihren Steuern ein Land rettet, in dem der Lebensstandard weit über ihrem eigenen liegt?

Von Julian Hans

Dmitrij Medwedjew hat einen Ruf als anpassungsfähiger Politiker und als Schöpfer rhetorischer Glanzleistungen ("Freiheit ist besser als Unfreiheit"). Als am Montag die Einigung auf ein Rettungspaket bekannt wurde, lieferte der russische Regierungschef in seiner ersten Reaktion einen neuen Beleg für beide Qualitäten:

Vom "Diebstahl dessen, was bereits gestohlen wurde" sprach Medwedjew und schaffte es so, in nur einem Satz die reichen Russen, die ihr Geld nach Zypern gebracht haben, zugleich anzuklagen und zu verteidigen. Es zeigt, wie groß der Spagat ist, den Russland in der Zypernfrage halten muss - und wie wenig begründet die Schreckensszenarien waren, die zuletzt im Westen gezeichnet wurden.

Der Präsident Wladimir Putin könnte die Chance nutzen, um als Weißer Ritter aufzutreten, hieß es, Moskauer Banken die taumelnden Kreditinstitute auf der Insel übernehmen, Gazprom sich das Gasfeld vor der Küste unter den Nagel reißen, die russische Marine einen Stützpunkt im Mittelmeer eröffnen. Noch am Montag spekulierte ein Analyst der Nachrichtenagentur Reuters gar, Putin könnte in letzter Minute mit einem spektakulären Angebot aus der Deckung kommen und in Zypern den Rubel einführen. Da war die Einigung zwischen Nikosia und Brüssel längst erzielt.

Gefährliches Spiel

Ohne Frage wird Wladimir Putin die mächtige Rolle genossen haben, die ihm und seinem Land von der ganzen Welt zugeschrieben wurde. Die Realität sah allerdings weit profaner aus: Nach drei Tagen reiste Zyperns Finanzminister Michalis Sarris mit leeren Händen aus Moskau ab. Seine russischen Verhandlungspartner erklärten, man habe die Angebote geprüft, aber kein russisches Unternehmen habe Interesse gezeigt. Als dann das neue Rettungspaket vorgestellt wurde, wies Putin die Regierung an, die Bemühungen der Euro-Gruppe zu unterstützen. Die Bedingungen für einen Kredit über 2,5 Milliarden Euro, den Russland Zypern 2011 erteilt hatte, werden gelockert. War alles nur Bluff?

Jedenfalls überwog Russlands Interesse an einem stabilen Euro am Ende dem Interesse an größerem Einfluss auf Zypern. Etwa 40 Prozent seiner Reserven hat Russland in der europäischen Einheitswährung angelegt. Eine Rettung Zyperns mit Geld aus der russischen Staatskasse auch nur öffentlich zu erwägen, wäre zudem ein gefährliches Spiel gewesen, das niemand im Kreml oder in der Regierung riskieren wollte.

Zwar hat Russland genug Geld auf die Seite gelegt, um die fraglichen Summen auf einen Schlag zu begleichen - etwa 130 Milliarden Euro schlummern in einem Krisenfonds; doch wer hätte den Russen erklärt, dass man mit ihren Steuern ein Land rettet, in dem der Lebensstandard weit über ihrem eigenen liegt? Es hätte ausgesehen, als hätte Putin seinen treuesten Unterstützern - den einfachen Arbeitern und Beamten in der Provinz - den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt.

"Ich kenne nicht einen einzigen Millionär, der sein Geld auf Zypern liegen hat"

Das wirklich große Geld ist schon fort

Für russische Unternehmen aber ist Zypern gerade deshalb interessant, weil es in das europäische Finanzsystem eingebunden ist und Rechtssicherheit bietet. Seit den Neunzigerjahren transferieren sie Ihr Geld dorthin, um es vor dem Zugriff von Kriminellen oder der Willkür der Behörden in Sicherheit bringen. Als Auslandsinvestition kann es dann mit Vergünstigungen wieder in der Heimat fließen, in die Schweiz oder an die Londoner Börse.

Wie stark die beschlossene Abgabe auf Vermögen über 100.000 Euro nun Russlands Reiche und Supperreiche wirklich trifft, ist umstritten. Auf bis zu zehn Milliarden Euro schätzt Zyperns Zentralbank die Einlagen russischer Staatsbürger. Andere Schätzungen gehen vom Doppelten und mehr aus. Wem ein Vermögen wirklich gehört, ist wegen des Bankrechts auf der Insel schwer festzustellen; gerade das sollen die Briefkastenfirmen ja verschleiern. Sie existieren nur als Hülle, als deren Besitzer möglicherweise ein Einheimischer eingetragen ist.

Nach Einschätzung russischer Finanzberater haben zudem die wirklich Vermögenden ihr Geld bereits in einer frühen Phase der seit Monaten dauernden Krise in Sicherheit gebracht. "Ich kenne nicht einen einzigen Millionär, der sein Geld auf Zypern liegen hat", sagte ein Angestellter einer Moskauer Steuerberatungsfirma dem russischen Dienst der BBC. Die hätten vielleicht einige Hunderttausend auf dem Konto, bestimmt keine Millionen.

Dem Bild, auf Zypern seien überwiegend illegal erworbene Vermögen russischer Oligarchen versteckt, trat Vize-Premier Igor Schuwalow ausdrücklich entgegen. Der Anteil illegalen Vermögens sei "äußerst unbeträchtlich", sagte er am Montag und äußerte zugleich die Hoffnung, die Krise könne eine Kapitalflucht in die andere Richtung auslösen - mit Russland als Ziel. Die "Renationalisierung" russischen Kapitals hat Wladimir Putin jüngst als eine Priorität seiner Politik formuliert.

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Quelle:
SZ vom 27.03.2013/sst
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