Finanzkrise in Island Wie die Krise die Isländer verändert hat

Für Ásthildur Þórsdóttir ist das nicht so einfach. Sie lebt mit ihrem Mann in Garðabær, einem Vorort von Reykjavík, mit Blick auf den Snæfellsjökull-Gletscher. Im Wohnzimmer sitzen sie zusammen, die Führungsriege des Vereins isländischer Hausbesitzer, verschuldeter Privatleute, mit mehr als 8500 Mitgliedern.

Die meisten isländischen Kredite sind an die Inflationsrate gekoppelt. Wenn die wie 2009 um mehr als 18 Prozent steigt, steigt die Kreditsumme um genauso viel. Dazu kommen die Zinsen. Dieses Konstrukt halte die Leute in "ewiger Verschuldung", sagt Guðmundur Ásgeirsson, der Rechtsexperte des Vereins. Irgendwann gab es eine Alternative: den Fremdwährungskredit. Man lieh sich Schweizer Franken oder Yen und zahlte die Schulden in isländischen Kronen zurück. Einen solchen Kredit haben Ásthildur Þórsdóttir und ihr Mann 2007 aufgenommen, 30 Millionen Kronen (heute 242 000 Euro) für den Hauskauf geliehen, 25 Millionen selbst mitgebracht. Als die Krone abstürzte, waren ihre Schulden plötzlich mehr als doppelt so hoch, die monatlichen Raten unbezahlbar.

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Sie wollten das Haus schon aufgeben, da erklärte der Oberste Gerichtshof die Fremdwährungskredite für unrechtmäßig. Ihr Kredit wurde umformuliert, war nicht mehr an den Wechselkurs gekoppelt. Stattdessen sollten sie 18 Prozent Zinsen zahlen, Krisenniveau. "Dafür hätten wir nie 30 Millionen geliehen, das ist verrückt", sagt der Ehemann. Die Bank wollte inzwischen 45 Millionen Kronen von ihnen haben. Sie haben daraufhin gar nichts mehr bezahlt.

Andere, sagt die Frau, wären Deals mit Banken eingegangen, hätten ihre Hausschlüssel abgegeben, um ihre Sorgen loszuwerden. Vielen wurden Schulden erlassen. Der Verein schätzt, dass mehr als 10 000 Isländer und isländische Familien ihre Häuser verloren haben. Letztes Jahr wurde auch das Haus von Ásthildur Þórsdóttir zwangsversteigert. Ein "schreckliches" Gefühl sagt sie. Ausgezogen sind sie nicht, sie zahlen nun Miete. "Wir bleiben dabei: Wir haben einen Anspruch gegen den isländischen Staat für all unsere Verluste", sagt der Mann. Weil der diese Art von Krediten überhaupt erst zugelassen hat.

Die Krise habe die Isländer verändert, sagt Autor Hallgrímur Helgason. Sie hätten ihre Unschuld verloren, ihre Naivität, den großen Optimismus. Nach der Krise hätten sie sich stärker auf sich selbst konzentriert, auf alte Werte, Bücher, Poesie, Musik. Doch die Gier ist noch da. Das Geschäft mit den Touristen ist für Helgason ein Indiz dafür.

Die nächste Enttäuschung wird kommen, da ist sich der Autor sicher. Vielleicht wenn Touristen wegbleiben. Was wird dann aus den vielen neuen Hotels? "In zehn oder 20 Jahren leben wir alle in Hotelzimmern, schauen Auszüge von alten Fußballspielen an und erinnern uns an die guten Zeiten", scherzt er. Vielleicht sind die besten Zeiten gerade jetzt.

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