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Finanzkrise in Island:Einige warnen, es nicht wieder zu weit zu treiben

Als Már Guðmundsson vor neun Jahren seinen Job in der Schweiz aufgab, um Islands Zentralbank zu leiten, hätte er nicht damit gerechnet, dass es so gut läuft. Nun sitzt er in der Chefetage vor dem Panoramafenster mit Blick auf die Konzerthalle Harpa. Die haben Staat und Stadt trotz allem gebaut - ein Zeichen auch für isländischen Trotz. Das Bruttoinlandsprodukt ist heute höher als vor der Krise. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Löhne sind fast bedenklich schnell gestiegen. Haben jene Recht, die davor warnen, es nicht wieder zu weit zu treiben?

In einer so kleinen Wirtschaft gehe es immer auf und ab, sagt Már Guðmundsson. Die Hauptsache sei, in guten Zeiten für die schlechten vorzusorgen. "Und das haben wir getan." 2008 werde sich nicht wiederholen. Auch sei Islands Finanzsektor heute viel kleiner und konzentriere sich nicht mehr auf riskante internationale Geschäfte wie vor der Krise.

Finanzkrise Zehn Jahre Finanzkrise - welche Lehren man heute ziehen kann
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Zehn Jahre Finanzkrise - welche Lehren man heute ziehen kann

Es dauerte lange, bis selbst Experten 2007 die fatalen Auswirkungen der Immobilienpleiten in den USA begriffen. Heute wüssten sie zwar vielleicht, was zu tun ist - doch der Mensch macht sich gerne etwas vor.   Von Nikolaus Piper

Noch etwas ist anders: Die roten Linien sind deutlich sichtbar. Dafür hat Ólafur Hauksson gesorgt, ein Mann wie ein Schrank, der heute als Staatsanwalt für Schwerverbrechen in Reykjavík zuständig ist. Zuvor war seine Aufgabe, kriminelle Banker vor Gericht zu stellen. Seine Bilanz: Verurteilungen in zwölf Fällen von insgesamt 38 Personen. Vier weitere Fälle sind in der Berufung. Nur in drei hat er keinen Schuldspruch erreicht. Ólafur Hauksson hat Geschäftsführer aus allen großen Pleitebanken hinter Gitter gebracht.

Dabei fühlte er sich zunächst gar nicht zum Sonderermittler berufen, kannte sich nicht aus mit Finanzgeschäften. Ólafur Hauksson hat als Staatsanwalt im Örtchen Akranes kleinere Drogendelikte verfolgt, Belästigungsfälle. Er lebt dort immer noch mit seinen fünf Kindern, auf der anderen Seite der Bucht. Von seinem Büro mit Meerblick kann er den Weg nachzeichnen, den er jeden Tag nach Reykjavík fährt. Erst als 2009 niemand anderer den Posten übernehmen wollte, hat er sich beworben: "Die kleinen Fische zu verfolgen und sich nicht um die größeren Fälle zu kümmern, das schien nicht richtig."

Es wurde viel größer als gedacht. Zeitweise waren ihm mehr als hundert Mitarbeiter unterstellt. Welche Deals waren kriminell, welche nicht? Die meisten Taten lagen in einer Zeit allgemein verbreiteter Gier und Risikoblindheit. Die beiden häufigsten Vergehen waren Marktmanipulation und illegale Vergabe zu riskanter Darlehen. Die Ermittler konnten bis an die Spitze der Banken gehen, sagt Ólafur Hauksson, weil sie Beweise hatten, Mails, Telefongespräche, Zeugenaussagen. "Manchmal war die Frage: Hast du das entschieden?" Oft hätten die Befragten dann auf ihren Vorgesetzten gezeigt.

Manche sagen, die Bankenkrise sei ausgestanden, die politische Krise nicht

Offiziell ist der Job erledigt. Hauksson sagt aber, er könne erst abschließen, wenn über alle Fälle entschieden ist. Mit jedem Urteil werden viele Isländer an ihren persönlichen Absturz erinnert. Sie hätten keine Geduld mehr mit Missetätern, sagt Ólafur Hauksson. "Die Zündschnur ist viel kürzer", die Leute gingen schneller auf die Straße. So wie 2016, als sie ihren Premierminister wegen verheimlichter Offshore-Gelder aus dem Amt jagten.

Manche sagen, die Bankenkrise sei ausgestanden, die Finanzkrise auch, die politische Krise jedoch nicht. Weil ihre Regierungen über Skandale stolperten, haben die Isländer zwei Mal innerhalb eines Jahres vorzeitig gewählt. Nur leider immer dieselben korrupten Leute, sagt Autor Hallgrímur Helgason, der auch protestiert hat, Gedichte schrieb und Reden hielt über die Raffgier politischer Eliten. "Ich habe sieben Jahre dieser Wut gewidmet", sagt er. "Aber wenn nichts dabei rauskommt, widmest du dich irgendwann anderen Dingen."