bedeckt München

Griechischer Finanzexperte zur Schuldenkrise:"Stadium eines wirtschaftlichen Völkermordes"

Panagiotou: Die sozialen Unruhen haben bereits begonnen. Obwohl die Maßnahmen, die die Troika Griechenland auferlegt hat, so viel Verarmung mit sich gebracht haben, wünscht die überwältigende Mehrheit der Griechen nach wie vor, in der Eurozone und der EU zu bleiben. Die Griechen haben in dieser Krise ihre europafreundliche Gesinnung und ihren Glauben an den europäischen Traum unter Beweis gestellt. Wenn sich die Situation allerdings noch weiter verschlimmert, erreichen wir das Stadium eines wirtschaftlichen Völkermordes. Dann könnten die bereits bestehenden sozialen Turbulenzen katastrophale Formen annehmen. Das muss um jeden Preis vermieden werden.

SZ.de: Wie kann Schlimmeres verhindert werden und wie soll Griechenland innerhalb der EU gesunden, wenn es seine Währung nicht abwerten kann?

Panagiotou: Ein aktueller Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) zum Thema "Entwicklung und Austerität" zeigt, dass drastisches Sparen in wirtschaftlich schwachen Ländern wie Griechenland langfristige Schäden in der Wirtschaft hinterlässt. Dieser Bericht kommt zu dem Schluss, dass bei solchen Staaten die Umsetzung der Sparmaßnahmen erst erfolgen sollte, sobald die Wirtschaft wieder im Aufschwung ist, und nicht während einer Rezession. Eine solche Form der "Entwicklungsausterität" scheint eine realistische Lösung für Länder wie Griechenland zu sein, die ihre Staatshaushalte in Ordnung bringen müssen. Sie ist ohne Abwertung der Währung möglich. Allerdings braucht es hierzu den politischen Willen in der EU. Gerade wird in der EU eher übersehen, dass Griechenland das einzige Land weltweit ist, das ohne parallele Entwertung seiner Währung in so kurzer Zeit sein Haushaltsdefizit so weit reduziert hat.

SZ.de: Wer ist für die Krise in Griechenland verantwortlich - Griechenland oder die EU?

Panagiotou: Ich will die riesige Verantwortung der griechischen Regierungen und Banken für die Probleme nicht kleinreden. Aber man muss berücksichtigen, dass bei Ausbruch der Krise 2009 auch eine Reihe externer Faktoren die griechische Wirtschaft strapazierten: die US-Bankenkrise, der Börsencrash, der Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarktes. Der hat auch den griechischen Markt angesteckt. Und Immobilien sind einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche unseres Landes. Außerdem stieg der Ölpreis zwischen 2002 und 2008 um 600 Prozent. Griechenland importiert 98 Prozent seines Öls sowie den Großteil seiner Nahrungs- und Konsummittel.

SZ.de: Deutschland war denselben weltwirtschaftlichen Einflüssen ausgesetzt, steht aber stabil da.

Panagiotou: Zum einen hat Deutschland eine weltweit führende Industrie, zum anderen hat der Euro lange auch als Rettungsprogramm für die deutsche Wirtschaft fungiert - zu Lasten der südeuropäischen Staaten. Während einer Phase weltweiten Aufschwungs wurden die Zinsen der EZB auf einem historischen Rekordtief gehalten, um Deutschlands schwächelnde Exportwirtschaft zu stabilisieren. Als die Rezession begann, hob die EZB die Zinsen an. In den südeuropäischen Staaten führte diese Zinspolitik erst zu Aufschwungsblasen und danach zu finanzieller Erstickung. Als 2000 die Technologieblase platzte, folgte eine finanzwirtschaftliche Krise. Investitionskapital floss aus Deutschland ab, das Land rutschte in eine Rezession - auch die Wiedervereinigung war teuer. Auch die USA war in der Rezession, China noch in der ersten Phase des Imports von Gütern aus dem Westen. In den meisten europäischen Staaten außerhalb der Euro-Zone war die große Frage, wie die deutsche Wirtschaft sich wieder stabilisieren konnte.

SZ.de: Südeuropa hat Deutschland gerettet?

Panagiotou: Um diese Krise zu überwinden, hat Deutschland zugelassen, dass in sehr kurzer Zeit so viele Staaten wie möglich in die Euro-Zone aufgenommen wurden. Die EZB hat die neuaufgenommen Länder mit billigem Geld vollgepumpt, so dass sie sich deutsche Produkte leisten konnten. Im Rahmen dieser Politik hat die EZB in den Jahren 2003 bis 2006 ihre Zinsen auf zwei Prozent abgesenkt, entgegen der makroökonomischen Bedürfnisse der Eurozone.

SZ.de: War die Zinspolitik tatsächlich gezielt auf Deutschlands Bedürfnisse zugeschnitten?

Panagiotou: 2005 wies der Finanzdirektor der Investmentfirma Nomura einen führenden Beamten der EZB darauf hin, dass es unfair sei, die südeuropäischen Staaten ohne ihr Wissen zur Rettung Deutschlands heranzuziehen. Der Beamte antwortete: "Das ist der Zweck einer Währungsunion: Weil Deutschland als eine Ausnahme ohne Hilfe von außen seiner Wirtschaft kein stärkendes Paket verabreichen kann, hat es keine andere Wahl sich durch eine entsprechende Währungspolitik der ganzen Union helfen zu lassen."

SZ.de: Das hieße, dass Deutschland mehr vom Euro profitiert hat als andere Länder. Lässt sich das mit Zahlen belegen?

Panagiotou: 1998, also vor dem Eintritt in den Euro hat Griechenland Waren im Wert von 7,7 Milliarden Euro, aus Deutschland importiert. Zehn Jahre später waren es Waren im Wert von 21,5 Milliarden Euro. Parallel haben die Importe Deutschlands aus Griechenland abgenommen: vor dem Eintritt in den Euro lagen sie bei 2,2 Milliarden Euro, im Jahr 2002 waren es bereits nur noch 1,7 Milliarden Euro. Die gestiegenen Importe deutscher Produkte hätten im Süden Europas vielleicht nicht so ein großes Problem verursacht, wenn Deutschland den Gefallen erwidert hätte. Aber Deutschland hat das Gegenteil gemacht, nämlich seinen Markt durch eine Politik der Desinflation geschützt.

SZ.de: Trägt Deutschland deswegen besondere Verantwortung für die Rettung der südeuropäischen Staaten?

Panagiotou: Auf jeden Fall. Ich erkläre das mit einem Bild: Wenn wir die europäische Währungsunion mit einer Planetenkonstellation vergleichen, dann spielt Deutschland in dem System die Rolle der Sonne, die mal weniger und mal mehr brennen muss, um die übrigen Staaten weder verbrennen noch erfrieren zu lassen. Aber durch die Politik der EZB hat Deutschland in den ersten Jahren der Währungsunion den Süden überhitzt und anschließend eingefroren. Bis heute profitiert Deutschland durch den Euro: Kapital aus dem brennenden Süden fließt nach Deutschland, die Kosten der deutschen Staatsverschuldung sind gleich null. Nun ist auch Deutschland an der Reihe, den "Gefallen" der Euro-Zone zu erwidern.

SZ.de: Aber man kann die Staaten Südeuropas doch nicht aus der Verantwortung für ihre Lage entlassen?

Panagiotou: Natürlich kann man argumentieren, dass die südeuropäischen Staaten selbst für ihre Situation verantwortlich sind und von Beginn an vorsichtiger hätten handeln müssen. Wenn dies aber das einzige Argument ist, wird Deutschland hinnehmen müssen, dass ein Teil oder sogar der ganze Süden der Union verbrennt.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite