Finanzindustrie:Deutsche-Bank-Chef John Cryan versteckt sich nicht mehr

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Finanzindustrie: Deutsche-Bank-Chef John Cryan (Archiv)

Deutsche-Bank-Chef John Cryan (Archiv)

(Foto: Stephan Rumpf)

Er ist ein Banker, der aus Interesse schon mal Physik-Doktorarbeiten liest, und keiner, der "Revolution" ruft. Er macht sie im Stillen.

Von Andrea Rexer und Meike Schreiber, Frankfurt

Bisher hat er das Rampenlicht gemieden: Seit einem Dreivierteljahr ist John Cryan der neue starke Mann der Deutschen Bank. Jetzt öffnet sich der Brite langsam und gewährt erste Einblicke. Die Schultern nach vorn gebeugt, sitzt der 55-jährige Banker in einem Besprechungsraum der Frankfurter Doppeltürme, dem Wahrzeichen des Geldhauses. Cryan ist keiner, der Gefühle zeigt, jahrelang hat er als Finanzchef das Zahlenwerk der Schweizer Großbank UBS verantwortet, der Ruf des kühlen Analytikers haftet ihm an wie das quadratisch-blaue Logo den Zwillingstürmen der Bank. Er wirkt nüchtern, wenn er Reden hält, in kleinen Runden jedoch lässt er seinen britischen Humor immer wieder durchblitzen.

Cryans Zurückhaltung könnte mit seiner Herkunft zu tun haben. Seine Mutter starb früh, der Vater, ein Jazzmusiker, spielte im legendären Londoner Club Ronny Scott's. Dem jungen Cryan blieben Bücher. Bis heute liest er auch Abseitiges: Einem Kollegen in der Bank kam er mit den Details aus dessen Doktorarbeit in Physik - er hatte sie in seiner spärlichen Freizeit gelesen.

Sein sanftes Auftreten täuscht. Seine Stimme ist leise, aber bestimmt. Er will die Deutsche Bank wieder zu einem Institut machen, das es mit Konkurrenten aus den USA und Asien aufnehmen kann. Das Wort "Revolution" würde Cryan nie in den Mund nehmen für die Reformen, die er weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit angestoßen hat. Aber wie sonst sollte man sein radikales Vorgehen nennen?

Er hat den Vorstand komplett ausgewechselt, nur einer aus der alten Riege durfte bleiben. Auf der Ebene darunter tauschte er drei Viertel der Manager aus. Cryan will den genetischen Code des Hauses verändern. Das ist auch bitter nötig, denn die Bank ist tiefer in den Strudel der Finanzkrise geraten als viele andere. Noch immer kämpft sie mit den Altlasten. Ein Skandal jagte den nächsten. Einst war die Aktie des Hauses über 100 Euro wert, heute ist sie froh, wenn der Kurs über 15 Euro bleibt.

Einst war die Bank angesehen, sie galt den Kunden als ehrenhaft. Cryan will zu diesen Wurzeln zurück: "Die Deutsche Bank ist von ihrer Gründung an eine Bank für Unternehmen gewesen. Das ist unser Kern." Darin sieht er auch die Existenzberechtigung des Hauses: "Um große Konzerne ins Ausland zu begleiten, brauchen die deutschen Unternehmen eine internationale Bank. Es ist im Interesse des gesamten Wirtschaftsstandorts, dass wir dieses Geschäft nicht allein ausländischen Instituten überlassen." Damit räumt Cryan auch mit der Illusion der kleinen Sparer vor der großen Deutschen Bank auf: Das Geldhaus hat nie von den Privatkunden gelebt. Die stabilen, risikoarmen Erträge sind zwar willkommen, entscheidend aber sind für Cryan die Unternehmenskunden.

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