Finanzen:Wenn der Kunde sich selbst berät

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Finanzen: Bankenkritiker Gerhard Schick erhielt sogar von den Vertretern der Finanzbranche Applaus.

Bankenkritiker Gerhard Schick erhielt sogar von den Vertretern der Finanzbranche Applaus.

(Foto: Nadine Stegemann)

Unmoralische Profiteure der Krise oder hilfsbereite Berater? Beim Bayerischen Finanzgipfel diskutieren Banker und deren Kritiker über die Rolle der Branche in der Rezession - und über selbstbewusste Verbraucher.

Von Felicitas Wilke

Er kenne die Worte der Finanzbranche auswendig, sagt Gerhard Schick. Wenn sich wieder mal ein Banker oder ein ganzes Institut vor Gericht verantworten müsse, weil man sich bereichert haben oder Kunden mit falschen Informationen versorgt haben soll, verlauteten die Banken gerne, sie wollten "vollumfänglich kooperieren", wie Schick zitiert. "Das geschieht allerdings nie", beklagt er. Aus dem Publikum merkt jemand süffisant an, das klinge ja "wie bei der Kirche". "Stimmt", sagt Schick, "und die verlieren reihenweise Mitglieder".

Gerhard Schick saß für die Grünen im Bundestag, bis er vor vier Jahren die Organisation Finanzwende gründete. Der Verein finanziert sich durch Mitgliedschaften und betrachtet sich, wie Schick sagt, als "kritisches Gegengewicht zur Finanzlobby". Es gehört sozusagen zur Jobbeschreibung von Schick, die Banken und Versicherer zu kritisieren. Und dennoch: Selbst in einem Raum gespickt mit anzug- und kostümtragenden Finanzprofis, wie sie am Donnerstag beim Bayerischen Finanzgipfel der Süddeutschen Zeitung im Publikum saßen, erhält er für seine deutlichen Worte an die Branche mehr als höflichen Applaus.

Auch vielen Insidern scheint klar zu sein: Die Branche sollte an sich arbeiten, damit ihr die Kundschaft nicht zunehmend abhanden kommt.

Geht es nach Schick, dann zeigen die Banken diesen Willen zur Veränderungen in der derzeitigen Krise nicht unbedingt. Er betont, dass immer mehr Menschen auf Ratenkredite angewiesen seien, um Rechnungen zu begleichen. Andere müssten ihre Rücklagen verwenden, um mit den gestiegenen Energiepreisen zurecht zu kommen oder kämpften angesichts ebenso steigender Zinsen damit, ihre Immobilie abzubezahlen. Der Aktivist kritisiert, dass die Banken den ohnehin schon finanziell schwächeren Kundinnen und Kunden das Leben oft noch schwerer machten.

Die Beziehung zwischen Bank und Kunde verändert sich gerade

Tatsächlich haben zuletzt einige Banken ihre Dispozinsen angehoben. Dieser Kreditrahmen kann dabei helfen, kurzfristige Zahlungsengpässe zu überbrücken. Andere sehen in ihm eher den Einstieg in die Schuldenspirale. Auch teure und oft unnötige Restschuldversicherungen betreffen oft Ärmere, zudem verlangen Banken für das Basiskonto, ein Kontomodell, das sich vor allem an die weniger zahlungskräftige Kundschaft richtet, teils mehr als für die Standard-Bankverbindung.

Doch stehen die Banken als gewinnorientierte Unternehmen wirklich in der Pflicht, die schwächer gestellten Menschen in der Krise zu "unterstützen", wie Schick fordert? In jedem Fall, sagt er, müssten sie sich auf das Geschäft konzentrieren, das nicht nur ihnen diene. Das sei viel zu oft der Fall, etwa auch dann, wenn Bankberater, die vor allem Verkäufer seien, für teils überteuerte Geldanlageprodukte hohe Provisionen kassieren. "Es braucht Win-Win-Situationen, von denen auch die Kunden profitieren", findet Schick.

Die Banken ihrerseits betonen, wenig verwunderlich, genau dies schon immer zu tun. Und doch ist bemerkenswert, wie sich die Beziehung zwischen Bank und Kundschaft gerade verändert. So berät die Consorsbank, eine der großen deutschen Direktbanken, ihre Kundinnen und Kunden seit zwei Jahren nicht mehr persönlich zu Fragen rund um die Geldanlage. Man informiere sie über Blogbeiträge oder Newsletter zwar darüber, wie etwa ein ETF-Portfolio ausschauen könne, sagt Sven Deglow, Co-Chef der Bank. Doch da die eigene Kundschaft in Sachen Geldanlage neugierig und kompetent sei, konzentriert sich die Direktbank in persönlichen Gesprächen auf Themen, wo darin ein "Mehrwert" liege - etwa bei der Baufinanzierung, bei der viel Geld im Spiel ist und die für viele Menschen eine einmalige Sache ist.

Auch lockt inzwischen keine der großen Direktbanken die Kundschaft mehr mit bedingungslos kostenlosen Girokonten, denn, so sagt Deglow, "unsere Leistungen haben ihren Preis". Doch gleichzeitig, so legt er es nahe, schwatzen sie den Menschen eben auch keine überteuerten Produkte auf, sondern lassen sie selbst machen. Klingt nach einer soliden Partnerschaft, setzt allerdings voraus, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher auch bereit sind, sich selbst zu informieren.

"Vielen Menschen fehlt das Vertrauen in eine Beratung."

Auf alle dürfte das längst nicht zutreffen: Einerseits handelt hierzulande die "Generation Neobroker" mit Apps wie Trade Republic auf ihrem Smartphone eifrig bis übereifrig mit Aktien, andererseits kennt fast die Hälfte derer, die einen Konsumentenkredit abbezahlen, nicht mal ihren eigenen Zinssatz. Oder wie es Martin Gräfer, Vorstand beim Versicherer Die Bayerische ausdrückt: "Auch unter den jungen Menschen haben nicht alle Lust, sich damit auseinanderzusetzen, was ein MSCI World ist." In der Verunsicherung, die viele Menschen in der aktuellen Krise verspüren, sieht Eva Wunsch-Weber, die Chefin der Frankfurter Volksbank, eine Chance für das Geschäftsmodell der klassischen Banken, das weiterhin auf persönlichem Kontakt beruht. "in schwierigen Zeiten werden rein technisch gestützte Antworten den Menschen nicht reichen", hofft sie.

Finanzen: Der Finanzgipfel fand in München statt.

Der Finanzgipfel fand in München statt.

(Foto: Nadine Stegemann)

Fragt sich nur, ob es tatsächlich Beratung ist, die die Kunden in den Filialen erwartet - oder doch eher Verkaufsgespräche, wie Bankenkritiker Gerhard Schick und Verbraucherschützer wie Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern monieren: "Vielen Menschen fehlt das Vertrauen in eine Beratung, die de facto auf den Provisionsvertrieb angewiesen ist", sagt Straub. Wer den traditionellen Banken bislang treu geblieben sei, werde zunehmend durch höhere Preise und schließende Filialen auch noch vergrätzt.

Darüber freuen sich wiederum die Direktbanken, Neobroker und Robo-Advisor wie Scalable, die für ihre Kundinnen und Kunden automatisiert Geld an der Börse anlegen. Bei Scalable kämen zwei Drittel der Neukunden von Sparkassen und Volksbanken, sagt Erik Podzuweit, Gründer des Fintechs. "Sie haben dort zwar noch ihr Girokonto, aber nutzen für immer mehr Dienstleistungen andere Anbieter", sagt Podzuweit. Fragt man ihn, was die Finanzbranche heute für die Kundschaft leisten müsse, sagt er: "Wir müssen sie über Einfachheit und geringe Gebühren ansprechen, nicht als Verbrecher." Zumindest da dürften sich alle einig sein.

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