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Finanzen:Profitables Einhorn

Taavet Hinrikus (links) und Kristo Käärmann gründeten die Fintech-Firma 2011. Inzwischen ist Transferwise profitabel und mit 1,6 Milliarden Dollar bewertet.

(Foto: oh)

Transferwise bietet billige Überweisungen ins Ausland an. Die Londoner Firma macht damit Banken Konkurrenz - und erzielt Gewinne.

Das Großraumbüro befindet sich im sechsten Stock einer umgebauten Schinkenfabrik, im hippen Ost-Londoner Stadtteil Shoreditch. Hinter dem Eingang hängen an einer Wand Polaroid-Fotos der Angestellten. Oben links lächeln ein "Kristo" und ein "Taavet" von den Bildern, als Jobtitel steht unter den Namen "Praktikant". Das ist nicht ganz korrekt, in Wirklichkeit sind Kristo Käärmann und Taavet Hinrikus die Gründer des Betriebs, der hier residiert: Transferwise nannten die zwei Esten 2011 ihr Unternehmen. Sieben Jahre später hat die Fintech-Firma mehr als 1200 Beschäftigte an neun Standorten weltweit, vier Millionen Kunden, und sie ist profitabel.

Als Fintechs werden junge Technologie-Unternehmen bezeichnet, die Software oder Internetanwendungen für die Finanzbranche entwickeln. Entweder verkaufen sie die Produkte an Banken - oder sie machen ihnen Konkurrenz. Transferwise gehört zur zweiten Gruppe. Die Firma ermöglicht über ihre Webseite oder die Handy-App billige Überweisungen auf Bankkonten im Ausland. Das ist praktisch für Urlauber, die ihr Ferienhaus anzahlen wollen. Oder für Einwanderer, die der Familie in der alten Heimat Geld schicken.

"In Großbritannien sind wir inzwischen der zweitwichtigste Anbieter für Auslandsüberweisungen. Wir überweisen mehr als Banken wie Barclays oder HSBC", sagt Gründer und Vorstandschef Käärmann. Der 38-Jährige empfängt in einer Sofaecke der Büroetage, auf seinem T-Shirt prangt der Transferwise-Schriftzug.

Hinter dem Königreich und den USA seien große Euro-Staaten wie Deutschland die bedeutendsten Märkte, sagt er. Die Kunden zahlen eine Gebühr: für den Transfer von Euro-Staaten nach Großbritannien zum Beispiel 0,3 Prozent des Betrags plus 80 Cent fix. Transferwise nutzt den offiziellen Devisenkurs, der sich an dem Tag an den Finanzmärkten bildet. Banken hingegen verwenden meist Wechselkurse, an denen sie prächtig verdienen. Diese verdeckten Kosten machen oft ein Mehrfaches der Tauschgebühren aus, die Transferwise oder Fintechs mit ähnlichen Angeboten wie Azimo oder Revolut verlangen.

Die Internet-Unternehmen können billiger sein als Banken, weil sie kein teures Filialnetz und keine große Verwaltung haben. Transferwise führt möglicht viele Überweisungen ohne Umtausch auf den Devisenmärkten aus. Schickt etwa ein Deutscher Euro nach Polen und ein Pole will mit Euro eine Bestellung in Frankreich bezahlen, dann verwendet die Firma die Euro des Deutschen für den Auftrag des Polen und umgekehrt. Wenn das nicht geht, kauft und verkauft das Unternehmen auf den Devisenmärkten. Je mehr Kunden Transferwise hat, desto besser funktioniert das System und desto günstiger werden die Geschäfte. Und der Dienstleister wächst rasant: Ende vorigen Jahres berichteten die Londoner über zwei Millionen Kunden weltweit, die monatlich 1,5 Milliarden Pfund verschicken. Jetzt sind es vier Millionen Nutzer und drei Milliarden Pfund.

Anlass der Mitteilung damals war ein neues Investment: Finanzinvestoren steckten 280 Millionen Dollar in das Unternehmen. Medienberichten zufolge wurde Transferwise dabei mit 1,6 Milliarden Dollar bewertet. Start-ups, die mehr als eine Milliarde wert sind, werden Unicorn genannt, Einhorn - weil sie so selten sind.

Und anders als viele andere junge Technologiefirmen erzielt Transferwise Gewinn. Im Geschäftsjahr bis März blieben unter dem Strich 6,2 Millionen Pfund hängen, wie aus dem am Montag veröffentlichten Jahresreport hervorgeht. Der Umsatz stieg kräftig von 66 auf 117 Millionen Pfund. "Wir wollen weiter Gewinne machen, ansonsten wäre unser Modell nicht nachhaltig", sagt Käärmann. Zugleich verspricht er, die Gebühren noch mehr zu senken. Allein seit Januar habe das Unternehmen die Preise für Überweisungen in diverse Währungen dreißig mal gekappt.

Der Manager sagt, damit gebe die Firma nur die Einsparungen weiter, die das starke Wachstum ermögliche. Doch es dürfte auch eine Reaktion auf den härteren Wettbewerb sein, etwa durch den 2015 gegründeten Londoner Rivalen Revolut. Die Hauptstadt, Europas wichtigster Bankenplatz, ist zugleich das Fintech-Zentrum des Kontinents. Die Aussicht auf den Brexit hat nichts daran geändert, dass Londons Start-ups das meiste Investorengeld anziehen. Käärmann glaubt, dass der EU-Austritt keine großen Folgen für sein Unternehmen haben werde, zumal die Firma ohnehin Büros in anderen EU-Staaten betreibe: "Aber niemand weiß, wie der Brexit aussehen wird."

© SZ vom 11.09.2018

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