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Finanzen:Früher hatte Wirecard vorrangig Kunden aus dem Kasino- und Pornobereich

Die Geschichte von Wirecard reicht zurück bis ins Jahr 1999. Bereits zu Anfang spezialisierte sich das Unternehmen auf Bezahlungen im Internet. Da Online-Shopping rund um die Jahrtausendwende noch kein großer Markt war, hatte Wirecard vorrangig Kunden aus dem Kasino- und Pornobereich. Heute geht es gediegener zu. Unter den Kunden und Partnern sind Giganten wie Alipay aus China, die Fluglinie KLM aus den Niederlanden, WMF oder auch VISA.

Frei von Hürden war der Aufstieg keinesfalls. Bereits der Börsengang 2005 fiel ungewöhnlich aus. Statt selbst an die Börse zu gehen, investierte Wirecard damals in einen nahezu insolventen Call-Center-Betreiber, der bereits an der Börse gelistet war. Die Wirecard nutzte dann die Hülle des Unternehmens namens Infogenie, um so an die Börse zu gehen. Für ein Unternehmen, das kurz davor steht, in den Dax aufzusteigen, ist das ein ungewöhnlicher Start. Firmenchef Braun aber sah es als logischen Schritt. Einer Techfirma wie seiner hätte 2005 niemand Geld gegeben. Da musste man sich eben anders behelfen.

Der Aktienkurs von Wirecard brach 2016 ein, weil Hedgefonds gegen die Aktie gewettet hatten

In den Jahren darauf wuchs die Wirecard kontinuierlich. Seit 2011 verzeichnet sie zweistellige Wachstumsraten beim Umsatz, zuletzt stieg er gar um fast 45 Prozent. Ähnlich schaut die Entwicklung der Gewinne aus. Doch der Aufstieg warf auch Fragen auf. 2015 warf die Financial Times dem Unternehmen in einer längeren Serie mehrere Unstimmigkeiten in der Bilanz und bei Zukäufen vor. Die Artikel erschienen unter dem Oberbegriff "House of Wirecard". Tenor: Bei der Wirecard ist alles so wacklig wie besagtes Kartenhaus. Über Monate hinweg folgte Artikel auf Artikel, Wirecard wies alles zurück. Den Kurs der Aktie beeinflusste das kaum.

Ganz anders 2016. Ein selbst ernanntes Analysehaus brachte Wirecard damals in Verbindung mit Betrügereien, Manipulation und falscher Bilanzierung, was allerdings nie nachgewiesen werden konnte. Der Bericht gilt heute als dubios, der Aktienkurs brach vorübergehend trotzdem ein, weil viele Hedgefonds gegen die Aktie gewettet hatten. 2017 dann berichteten SZ und NDR, dass Wirecard als eine von mehreren Banken die Zahlungsabwicklung für illegale Online-Kasinos durchgeführt haben soll, noch prüft die Münchener Staatsanwaltschaft Ermittlungen. Wirecard bestreitet die Vorwürfe, Braun nennt sie sogar "falsch".

Viele Analysten sehen in Wirecard ohnehin weniger einen Problemfall als ihren neuen Liebling in der Finanzszene. Mit dem Aufstieg in den Dax könnte der ehemalige KPMG-Mitarbeiter und Wirtschaftsinformatiker Markus Braun ganz oben ankommen - und Unternehmen wie die Commerzbank und die Deutsche Bank düpieren. Entschieden wird das im September. Heute darf er sich aber schon mal als Chef des wertvollsten deutschen Geldinstituts vorstellen.

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