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Finanzen:Die zweifelhafte Geschichte eines Münchner Star-Unternehmers

  • Dem Münchner Unternehmer Michael Gastauer ist es angeblich gelungen, binnen weniger Monate eine der größten Digitalbanken der Welt aufzubauen.
  • Doch es gibt erhebliche Zweifel an seiner Geschichte. Und Gastauer, der sonst mit großen Worten auftritt, wirkt auf einmal ziemlich pressescheu.

Ende Oktober steigt in Las Vegas die "Money 20/20", eine der wichtigsten Finanzmessen weltweit. Hier treffen Wall-Street-Größen auf Startup-Unternehmer, Banker alter Schule auf junge Finanzrevoluzzer. Mehr als 10 000 Branchenmanager haben sich angesagt - darunter gut 1000 Vorstandschefs. Und selbstverständlich steht auch Michael Gastauer auf der Teilnehmerliste. Nicht als Besucher. Sondern als Redner. Der gebürtige Münchner ist schließlich der neue Superstar der globalen Finanzbranche. Heißt es.

Seit Wochen überschlagen sich US-Medien mit Elogen auf den 41-Jährigen. Das Forbes-Magazin sieht in Michael Gastauer einen "Mogul" und "beeindruckenden Mann". Businessinsider bescheinigt ihm nicht nur ein "unerschütterliches Arbeitsethos", sondern auch "die Fähigkeit, jeden Menschen in seiner Umgebung zu verzaubern". Der Hintergrund diese Hymnen: Angeblich ist es Gastauer gelungen, binnen weniger Monate eine der größten Digitalbanken der Welt aufzubauen, wie es in einem Bericht hieß. WB21 heißt sie, das Kürzel steht für "Web Bank 21st Century".

Schon jetzt soll das Geldinstitut auf eine Unternehmensbewertung von 2,2 Milliarden Dollar kommen. Damit wäre das im Dezember 2015 gegründete Startup bereits jetzt so viel wert wie mancher MDax-Konzern. Laut Wall Street Journal zählte WB21 per Mitte September eine Million Kunden. Zudem soll die Internetbank bereits 700 Millionen Dollar Einlagen eingesammelt und internationale Zahlungstransaktionen im Wert von mehr als fünf Milliarden Dollar abgewickelt haben. Bei einem derart jungen Unternehmen sind solche Zahlen geradezu unglaublich. Aber sind sie auch wahr?

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Nach allem, was man weiß, hat WB21 bislang noch keine testierten Zahlen veröffentlicht. Überprüfen lassen sich die Angaben also nicht - und damit auch nicht widerlegen. Zweifel dürfen einem aber trotzdem kommen. Denn laut Similarweb, einem Internetdienst, über den sich die Besuchsfrequenz von Websites schätzungsweise ermitteln lässt, hatte wb21.com bis Mai 2016 angeblich überhaupt keine Besucher und zählte auch in jüngster Zeit nur etwa 25 000 Seitenaufrufe pro Monat .

Nun liefern die Zahlen solcher Internetdienste nur eine grobe Indikation. Trotzdem: Zu einer Internetbank, die es binnen kürzester Zeit auf eine Million Kunden bringt, wollen die Zahlen nicht wirklich passen. Zum Vergleich: Die deutsche Newcomer-Bank N26 (ehemals: Number26) kommt laut Similarweb auf ihrer Website auf 500 000 Besuche pro Monat. Dabei zählt sie nach eigenen Angaben nur rund 200 000 Kunden.

Fragen wirft auch Gastauers auf Linkedin veröffentlichte Biografie auf. Demnach amtierte er von 2003 bis 2008 als Gründer und "Chairman" einer gewissen Apax Group, "einem international führenden Anbieter von elektronischen Payment-Lösungen", ansässig in Frankfurt am Main. Gegenüber dem Magazin Forbes behauptete er, das Unternehmen schließlich für satte 480 Millionen Dollar an eine malaysische Bank verkauft zu haben. Dem US-Magazin zufolge war es diese Transaktion, die Gastauers Karriere und - ganz nebenbei - seinen astronomischen Reichtum begründete. Auf beachtliche 2,1 Milliarden Dollar beziffert Forbes das heutige Privatvermögen des vermeintlichen Wunderunternehmers. Damit wäre Gastauer einer der reichsten Deutschen überhaupt.

Auf 2,1 Milliarden Dollar beziffert "Forbes" sein Privatvermögen

Die Sache ist nur: In den Archiven findet sich nichts über den Apax-Deal - ebenso wenig wie in den Geschäftsberichten der malaysischen Bank, bei der niemand für eine Stellungnahme zu erreichen war. Auch im Online-Handelsregister taucht keine "Apax Group" auf. Und im elektronischen Bundesanzeiger stößt man lediglich auf die Bilanz einer gewissen Apax Technology aus dem Jahr 2007. Vorsitzender des Aufsichtsrats: Michael Gastauer. Die Firma kam damals allerdings gerade mal auf ein Eigenkapital von gut 200 000 Euro, erlitt zudem einen Jahresfehlbetrag von fast 800 000 Euro. Auch hier bietet sich ein Vergleich an: Easycash, eine der führenden deutschen Payment-Firmen, wurde 2009 für lediglich 290 Millionen Euro an den heutigen Eigentümer, die französische Ingenico, verkauft. Das Ratinger Unternehmen erzielte damals ein operatives Ergebnis von 20 Millionen Euro.

Erfahrene Branchenmanager wundern sich angesichts der dürren Faktenlage über die Apax-Story: "Ich bin seit Ewigkeiten im Payment-Bereich unterwegs", sagt Jochen Siegert, ein früherer Topmanager von Mastercard. Eine "Apax Group" allerdings sei ihm "in all den Jahren nie über den Weg gelaufen". Immerhin: Bei "Companies House", dem britischen Pendant zum Handelsregister, findet sich dann doch noch eine Firma namens Apax Global Payment & Technologies Limited. Das Unternehmen weist personelle Überschneidungen zur deutschen Apax Technology auf. Allerdings wurde die englische Gesellschaft mittlerweile aufgelöst.

Sucht man im Schweizer Handelsregister nach einem Michael Gastauer, stößt man unterdessen auf eine völlig andere Firma - die G&S Vermögensverwaltung GmbH. Hier firmierte möglicherweise der gleiche Gastauer Anfang der 2000er Jahre als einer der Geschäftsführer. Nun mag man argumentieren, dass es sich auch um einen anderen Michael Gastauer handeln könnte. Da es bei der G&S jedoch noch eine weitere namentliche Übereinstimmung zu deutschen Gastauer-Gesellschaften gibt, wäre dies sehr unwahrscheinlich. Sicher ist: Die Geschichte des Unternehmens endete unrühmlich. Die G&S Vermögensverwaltung meldete 2004 Konkurs an.

Plötzliche Scheu vor der Presse

Trotzdem tauchte die Firma sechs Jahre später, also 2010, noch einmal in der Neuen Zürcher Zeitung auf. Dort hieß es, der ehemalige Geschäftsführer der G&S, ein "36-jähriger Deutscher", sei wegen Anlagebetrugs zu 18 Monaten "bedingt verurteilt" worden. Ob es sich bei diesem Geschäftsführer um Gastauer handelte, ist nicht zu klären. Ende vergangener Woche hielt WB21 im Berliner Hotel Adlon eine Pressekonferenz für einige wenige ausgewählte Medien ab. Teilnehmern zufolge wurden Erdnüsse gereicht - und Gastauer sprach ein paar staatstragende Sätze zum Brexit, der zur Folge habe, dass WB21 sein Londoner Büro nach Berlin verlegen werde. Er schaffte es mit dieser Aussage in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Süddeutsche Zeitung versuchte daraufhin am vergangenen Wochenende via LinkedIn Kontakt zu Gastauer aufzunehmen. Er nahm die Anfrage an, ließ die nachfolgende Bitte zu telefonieren allerdings unbeantwortet.

Die plötzliche Pressescheu mag damit zu tun haben, dass sich zu diesem Zeitpunkt bereits der Finanzblog FT Alphaville, ein Ableger der britischen Financial Times, mit einigen kritischen Fragen an Gastauer gewandt hatte. Auch dort waren einem Redakteur einige Seltsamkeiten aufgefallen. Zum Beispiel, dass WB21 zwar öffentlich behaupte, eine "digitale Bank" zu sein, aus den AGB allerdings explizit hervorgehe, dass "WB21 keine Bank ist", wie er in dem Blog schrieb.

Die SZ konfrontierte Gastauer schließlich mit konkreten Fragen zu den Zahlen von WB21, den Statistiken von Similarweb, dem angeblichen Verkauf der "Apax Group" und den Geschehnissen rund um die G&S Vermögensverwaltung. Der Bitte, bis Mittwoch zu antworten, kam er nicht nach. Stattdessen erreichte die Redaktion das Schreiben von Gastauers Medienmanager, der ein Telefoninterview anbot: Man könne mit Gastauer unter anderem über die 200 Arbeitsplätze reden, die WB21 in Berlin schaffen wolle. Ein paar Stunden später galt das Gesprächsangebot dann aber plötzlich nicht mehr. Und auch auf die ihm nochmals zugeschickten Fragen kam keine Antwort.

Auf der offiziellen Konferenzseite der Finanzmesse Money 20/20 wird der Mann mit der "umfangreichen unternehmerischen Erfahrung" dennoch weiterhin als Redner geführt. Man darf gespannt sein, was er in Las Vegas, der Stadt des Glücksspiels, zu erzählen hat.

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