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Finanzdienstleister:Begehrte Industriemakler

Der Finanzvertrieb MLP sucht neue Geschäftsmöglichkeiten und will deshalb den süddeutschen Versicherungsvermittler RVM übernehmen.

Von Herbert Fromme, Köln

Der Finanzvertrieb MLP will groß in das Geschäft mit der Industrie einsteigen. Nach SZ-Informationen steht das Wieslocher Unternehmen kurz vor der Übernahme der RVM Versicherungsmakler in Eningen bei Reutlingen. Beide Firmen wollten dazu nichts sagen.

RVM wird von den Geschäftsführern Erich Burth und Michael Friebe kontrolliert. Der Makler betreut mit mehr als 200 Mitarbeitern vor allem große mittelständische Unternehmen und kauft für sie Versicherungen ein. Er kam 2019 auf rund 25 Millionen Euro Umsatz.

Für eine Übernahme von 100 Prozent müsste MLP wohl 40 Millionen Euro bis 50 Millionen Euro lockermachen. Denn gut geführte Industrie-Versicherungsmakler sind im Moment gesucht, sie finden sogar das Interesse globaler Private Equity-Unternehmen.

Die Londoner Investmentfirma Anacap hat gerade für mehr als 50 Millionen Euro 49 Prozent an dem Frankfurter Makler MRH Trowe übernommen, der auf 51 Millionen Euro Umsatz kommt. Die fünf Geschäftsführer behalten die Mehrheit.

Der deutsche Markt verändert sich gerade deutlich.

In Köln baut Tobias Warweg, lange Jahre in Führungspositionen bei den Versicherern Axa und HDI, mit dem Geld des Investors HG Capital eine neue Maklergruppe auf. Drei Übernahmen sind bereits öffentlich, wahrscheinlich hat er schon sechs kleinere Makler gekauft. Für das Interesse der Anleger gibt es gute Gründe. Der deutsche Markt für die Industrieversicherung verändert sich gerade deutlich. Bislang war ein bedeutender Teil des Marktes in der Hand von Versicherungsvertretern, die für einzelne Gesellschaften arbeiten.

Inzwischen gerät das System unter Druck: Die Versicherer erhöhen spürbar die Preise und reduzieren gleichzeitig ihr Angebot, vor allem in der Cyberversicherung und der Managerhaftpflicht. Die Folge: So manche Unternehmen können sich nicht mehr so gut versichern, wie sie wollen, andere fühlen sich durch steigende Preise schlecht behandelt.

Makler bieten Alternativen. Sie suchen andere Versicherer, die bestimmte Risiken vielleicht doch noch übernehmen, oder Deckungen im Ausland. Deshalb wächst ihr Markt. Das sind gute Gründe für Investoren, hier einzusteigen.

Hohe Investitionen, kein Nachfolger - viele kleinere Firmen suchen derzeit Käufer

Auf der anderen Seite müssen die Makler ebenso wie die Versicherer hohe Summen in die Digitalisierung investieren, deshalb suchen kleinere Firmen Käufer. Bei anderen gibt es keinen Nachfolger für den Gründer, der deshalb die Mehrheit abgibt. Das war einer der Gründe für die Eignerfamilie, im September 2020 den Münchner Makler Schunck mit rund 330 Mitarbeitern an Ecclesia in Detmold zu verkaufen, einen der Marktführer.

Fusionen gibt es auch auf globaler Ebene: Der weltweit zweitgrößte Anbieter Aon übernimmt gerade für knapp 30 Milliarden Dollar den Marktdritten Willis. Zusammen sind sie dann größer als der aktuelle Platzhirsch Marsh, der vor zwei Jahren den Rivalen Jardine Lloyd Thompson für 5,7 Milliarden Dollar gekauft hatte.

MLP will mit der Übernahme von RVM sein Angebot abrunden. Das börsennotierte Unternehmen ist in erster Linie ein Finanzvertrieb, der für Versicherer und Fondsanbieter Verträge verkauft. Zielgruppe sind wohlhabende Privatkunden. Die Tochter Feri agiert als Investmenthaus für Großanleger, andere Konzerngesellschaften kümmern sich um betriebliche Altersversorgung, die Versicherung von Gewerbebetrieben und Immobilien.

Über ihre Vertreter hatte die Gesellschaft mehrfach versucht, im Industriesegment Fuß zu fassen. Doch diese Versuche schlugen fehl. Jetzt soll es ein Zukauf richten, auch in Hinblick auf die Börse. Denn das Unternehmen, das von 2001 bis 2003 zum Dax 30 gehörte, muss immer um die Zuneigung der Anleger kämpfen. Mit einem Börsenwert von 621 Millionen Euro wäre MLP selbst leicht zu übernehmen. Auch deshalb will Konzernchef Uwe Schroeder-Wildberg den Umsatz kräftig steigern und die Gruppe so schwerer machen.

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