Finanzbranche Warum die Commerzbank wohl aus dem Dax fliegt

Ist künftig wohl kein Dax-Mitglied mehr: die Commerzbank.

(Foto: dpa)
  • Am Mittwochabend muss die traditionsreiche Commerzbank ihren Platz im Dax wohl für die junge Tech-Firma Wirecard räumen.
  • Gründe für den Abstieg der Bank gibt es viele. Er steht sinnbildlich für die Zeitwende in der Finanzbranche.
Von Meike Schreiber, Frankfurt

Natürlich war eine Portion Zweckoptimismus mit im Spiel, als Martin Zielke den bevorstehenden Abstieg der Commerzbank aus dem Dax kürzlich als Bestätigung seiner Strategie verkaufte. Um die Ecke gedacht meinte der Commerzbank-Chef wohl: Das traditionsreiche Geldhaus werde irgendwann schon wieder in die erste Börsenliga aufsteigen, dann nämlich, wenn es wie geplant von der Bank zu einem Technologieanbieter mutiert sei. Nach den Kursverlusten in den vergangenen Wochen lässt sich der Abstieg nun indes kaum aufhalten. An diesem Mittwochabend wird die Deutsche Börse wohl entscheiden, dass die Commerzbank ihren Platz im Dax für den Bezahlungsdienstleister Wirecard räumen muss - ein Wechsel, der zum Sinnbild geworden ist für die Zeitenwende in der Finanzbranche, in der Investoren einer knapp 20 Jahre alten Technologiefirma mit Banklizenz mehr zutrauen als einer 148 Jahre alten Bank, einem Gründungsmitglied des Dax. Was aber sind die Gründe für den Abstieg?

Wahnwitzige Übernahmen

Die Grundlagen für den Niedergang der Commerzbank wurden bereits kurz nach der Jahrtausendwende gelegt. Nach einer Schieflage infolge des Neuer-Markt-Wahnsinns wurde immer wieder kolportiert, die Commerzbank würde von einer ausländischen Bank übernommen. Der damalige Chef Klaus-Peter Müller reagierte, indem er die Commerzbank auf Wachstum trimmte und damit fast ruinierte. Mit der Übernahme der Immobilienbanken Eurohypo und Essen Hyp holte sich die Bank große Risiken in die Bilanz: Griechenlandanleihen, faule Immobiliendarlehen in den USA, Schiffskredite. Dann kaufte er der Allianz 2008 auf Druck der Politik auch noch die kriselnde Dresdner Bank ab. Zwei Wochen später brach Lehman zusammen. Der Bund musste die Commerzbank retten. Seither ist er mit immer noch 15 Prozent an der Bank beteiligt. Seither taumelt sie von einer Restrukturierung zur nächsten.

Der Umbau greift noch nicht

Als Zielke 2016 die Führung von seinem Vorgänger Martin Blessing übernahm, stieß er rasch einen weiteren Umbau der Bank an. Bis 2020 fallen nicht nur 9600 Stellen weg, zugleich soll das Institut rund zwei Millionen neue Privatkunden anlocken. Zielke will mit Wachstum ausgleichen, was er durch die Niedrigzinsen an Erträgen verliert. Doch bislang greift die Strategie nur bedingt. Der Commerzbank fällt es immer schwerer, über ihre Filialen neue Kunden zu gewinnen, auch im Mittelstandsgeschäft hapert es. Wäre da nicht der Erfolg der Direktbank-Tochter Comdirect, würde die Commerzbank wohl ihre Wachstumsziele verfehlen.

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Die Fusionsfantasie ist raus

Aus Sicht der Commerzbank-Aktionäre sah es zumindest vergangenes Jahr ganz gut aus: Nachdem sich der US-Fonds Cerberus überraschend fünf Prozent der Commerzbank-Anteile gekauft hatte, machten wieder einmal Übernahmespekulationen die Runde. Nicht nur die italienische Unicredit soll beim Bund den Kauf von Commerzbank-Anteilen ausgelotet haben, auch die französische Großbank BNP Paribas sei interessiert gewesen. Die Gerüchte verfehlten ihre Wirkung nicht: Der Aktienkurs verdoppelte sich 2017 fast, aber nur, um kurz darauf in sich zusammenzufallen, als aus den Spekulationen nichts folgte. Nun wird über einen Zusammenschluss mit der Deutschen Bank spekuliert - aber eher als Notmaßnahme, wenn bei beiden Häusern nichts anderes mehr möglich ist.

Ein schwieriger Markt

Die Probleme der Commerzbank sind vor allem hausgemacht. Auffällig aber ist, dass auch die Deutsche Bank immens zu kämpfen hat. Das größte deutsche Geldhaus steigt zeitgleich aus der ersten europäischen Börsenliga Stoxx 50 ab. Wirtschaftlich mag Deutschland bedeutend sein, in der internationalen Finanzbranche spielt das Land längst keine Rolle mehr. Andere Großbanken in Europa stehen deutlich besser da. Eine Ursache ist, dass die beiden Großbanken im Heimatmarkt starke Konkurrenz von Sparkassen und Volksbanken haben. Deutschlands Bankenmarkt ist der am stärksten zersplitterte der Euro-Zone.

Die Stärke der Angreifer

Für den Angreifer Wirecard ging es an der Börse zuletzt fast nur aufwärts. Mit 23 Milliarden Euro ist der Bezahldienstleister aus Aschheim bei München ungefähr doppelt so viel wert wie die Commerzbank. Schon früh hat das Tecdax-Unternehmen mit Bezahldienstleistungen im Internet und bei Einzelhändlern eine Nische besetzt. Heute profitiert Wirecard vom boomenden Geschäft mit Online- und Kartenzahlungen, ohne die Nachteile des Bankgeschäfts - drohende Kreditausfälle, Regulierung, Niedrigzinsen - über Gebühr zu spüren. Diese Traum-Erträge jedoch hätten die angestammten Geldhäuser auch haben können. "Die Banken haben es verschlafen, in dieses Geschäft vorzudringen", sagt Bezahlexperte Niklas Grisar von dem Beratungsunternehmen Capco. Sie hätten nicht erwartet, dass ihre Erträge im Kerngeschäft so massiv einbrechen würden. Zugleich hätten sie das große Potenzial des Marktes nicht gesehen. "Die Banken haben diese Zahlungsdienstleistungen früher nur halbherzig mit angeboten und daher nie ausreichend investiert, um mitziehen zu können", sagt Grisar. Als Wirecard den schnell wachsenden Markt erobert habe, sei es mit einem Mal zu spät gewesen. Die Geldhäuser hatten da fast alle ihre Zahlungsverkehrs-Töchter wieder verkauft - für gutes Geld, aber womöglich zu früh.

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