Süddeutsche Zeitung

Mangelnde Kenntnisse über Wirtschaft:Wenn Banker Kinder unterrichten

  • Immer öfter kommen Fachleute an Schulen und erklären Jugendlichen die Wirtschafts- und Finanzwelt. Der Übergang zwischen Information und Werbung ist fließend.
  • Die Anbieter verweisen darauf, dass Kinder und Jugendliche wenig Wissen haben. Im normalen Schulunterricht kommt Wirtschaft tatsächlich wenig vor - auch weil Lehrer Berührungsangst mit dem komplizierten Stoff haben.
  • Der Verein Lobbycontrol, der externe Wirtschaftsexperten in Schulen kritisiert, fordert eine zentrale Monitoringstelle für Unterrichtsunterlagen

Ein Betonflachbau im Münchner Norden, gerade läutet die Klingel zur ersten Stunde. Als die Siebtklässler im Klassenzimmer eintrudeln, steht auf jedem Pult ein Schild, daneben liegt ein grüner Kugelschreiber. "My Finance Coach" steht in blau darauf. "Habt ihr schon alle Eure Namensschilder ausgefüllt?", fragt eine Dame mit dunklem Haar und sanfter Stimme. Sie steht da, wo sonst der Lehrer steht, neben ihr ein junger Mann mit Dreitagebart. Die beiden sind sogenannte Financecoaches, Finanztrainer; er ist Mitarbeiter des Wirtschaftsprüfers KPMG, sie arbeitet beim Versicherungskonzern Allianz. Mehrmals im Jahr fahren sie morgens in eine Schule statt ins Büro und erklären Schülern, wie das so läuft mit dem Geld im Leben. Heute ist das Kapitel "Kaufen" dran. "Was verbindet ihr denn mit dem Wort?" will die Dame wissen. "Geld", "Preise", "Lebensmittel", "Kleidung" und "Geschäfte" antworten die Schüler.

Statt zu antworten, sagt ein Mädchen in der letzten Reihe : "Ach, hatten wir schon mal, in der fünften." Sie hat recht. Schon in der fünften Klasse waren solche Financecoaches hier zu Besuch. Immer öfter kommen externe Fachleute an Schulen und erklären Dinge, die über das Wissen eines Lehrers und die Lehrpläne hinausgehen. "Das reicht von der Ersten Hilfe bis zum Aktienkurs", sagt Klaus Wenzel, bis vor Kurzem Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes. Vor allem im Wirtschafts- und Finanzbereich sind sie gern gesehen. Entsprechend viele Initiativen gibt es - von Bankenzusammenschlüssen über Anbieter professioneller Software bis zu Klassenbesuchen. Hinter "My Finance Coach" beispielsweise steht eine Stiftung, finanziert unter anderem von der Allianz und dem Banknoten-Drucker Giesecke & Devrient. Mehr als 670 Schulen haben in den vergangenen Jahren einen Klassenbesuch bekommen.

Umworbene Zielgruppe mit wenig Ahnung

Eigentlich eine gute Idee - zumal die Schüler neugierig sind, wenn sie ein neues Gesicht erblicken. Doch die Idee hat einen Haken. Der Übergang zwischen Information und Werbung ist beim Thema Geld, je nach Anbieter, fließend. Während in kleinen Orten oft ein Vertreter der örtlichen Bank einfach Spardosen für alle mitbringt, schicken andere komplette Mappen mit Inhalt und Logo in die Schulen.

Glaubt man den Anbietern, sind Klassenbesuche wie der heutige dringend notwendig: Sie verweisen gern auf verschuldete Jugendliche und Kinder als heftig umworbene Zielgruppe mit wenig Ahnung. Das scheint sich in dieser Schule zu bestätigen: Als die Finanztrainer fragen, antworten zwar die meisten, dass sie ein Handy haben. Aber keiner der Schüler weiß, wofür die Abkürzung "AGB" steht - Allgemeine Geschäftsbedingungen. Die gehören auch zu Handy-Verträgen.

"Auf diesem Markt sind immer mehr Menschen unterwegs"

Das verwundert kaum: Wirtschafts- und Finanzthemen haben im Lehrplan wenig Platz. Viele Lehrer haben ob des komplizierten Stoffs Berührungsangst. In Deutschland wird in Familien nicht oft über Geld gesprochen - wo sollen Schüler es da lernen, wenn sich schon die Großen davor drücken? In der Klasse kichern die Schüler nervös, als es konkret ums Geld geht. Nur zögernd recken sie ihre Hände, als die Frage nach dem Taschengeld aufkommt.

Was aber, wenn Lobbyisten den Unterricht für sich nutzen? "Auf diesem Markt sind immer mehr Menschen unterwegs, weil die Lerninhalte komplizierter werden", sagt Wenzel, "das kriegen auch solche mit, die damit Geld machen wollen." Bei Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rufen immer wieder Eltern an, die besorgt darüber sind, was die Besucher ihren Kindern beibringen - oder von Extremfällen erzählen, in denen das Essensgeld in der Schulmensa nur auf Karten einer Bank aufgeladen werden kann. "Wenn der Bankenvertreter die Visitenkarte mitbringt und rät, sich bei Fragen zu melden, ist es problematisch", findet sie.

Wie effektiv ist Unterricht in Finanzdingen überhaupt?

15 Euro

So viel Taschengeld sollten Jugendliche ab zehn Jahren laut einer aktuellen Empfehlung der Sparkassen monatlich erhalten, um rechtzeitig einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld zu lernen.

Es ist eine heikle Kombination: Unwissende Schüler und Lehrer treffen auf wortgewandte Experten. Und genau da liegt das Problem. Jugendliche in der siebten Klasse haben womöglich noch nie gehört, wie ein Kredit funktioniert. Oder ein Kaufvertrag. Oder eine Rechnung. Kaum jemand bestreitet noch, dass die Schule mehr Wissen über Wirtschaft vermitteln sollte, dass also mehr Kaufverträge, Bankwesen und Finanzmärkte in den Stundenplan gehören. Wer mehr über Finanzen weiß, fällt weniger leicht auf Betrug herein, lässt sich nicht einfach einen Vertrag aufschwatzen und agiert klüger bei der privaten Altersvorsorge. So weit die Theorie.

Allein, in Deutschland hapert es an der Umsetzung: Mal steht Wirtschaft im Lehrplan, mal ist es für einige Jahre ein Fach, mal findet an ausgewählten Schulen testweise Unterricht statt. 16 Bundesländer, vier Schulformen und entsprechend viele Konzepte machen es schwierig, den Erfolg der Bildungsprogramme zu überprüfen. Unübersichtlich sind deshalb auch die Erkenntnisse der Forschung. Wie effektiv ist denn Schulunterricht in Finanzdingen überhaupt? Wie sollte er gestaltet werden? In einer Untersuchung bescheinigten Forscher der Universität München dem Projekt "My Finance Coach" immerhin, dass es wirkt: Schüler, die daran teilgenommen hatten, wüssten signifikant mehr über Finanzen als zuvor und könnten die Risiken von Vermögensanlagen besser einschätzen.

"Weil Kinder das Geld haben und voll naiv sind und einfach kaufen"

Doch das ist eine Momentaufnahme. Grundsätzliche Aussagen sind nur unter Vorbehalt möglich: "Es gibt Grund zu der Annahme, dass verpflichtende persönliche Finanzbildung effektiv sein könnte, um das Wissen von Schülern zu verbessern", sagen die Ökonominnen Annamaria Lusardi und Olivia Mitchell, Expertinnen auf dem Gebiet der finanziellen Allgemeinbildung, vorsichtig in einer 2014 erschienenen Meta-Studie. Den Wissenschaftlern fehlen Experimente, es gibt kaum Vorher-Nachher-Vergleiche oder Kosten-Nutzen-Analysen von Programmen zur Finanzbildung. Nutznießer der unübersichtlichen Lage sind im Zweifel Unternehmen und Verbände.

Umso mehr Verantwortung liegt bei den Schulen. Lehrer Wenzel plädiert nicht nur für Inhalte, die ein offizieller Partner kontrolliert hat. Der entscheidende Punkt ist für ihn die Anwesenheit des Lehrers. Der müsse absprechen, was die Experten lehren und während des Unterrichts das Geschehen beobachten. Der Verein Lobbycontrol, der den Einsatz externer Wirtschaftsexperten kritisiert, geht weiter: Er fordert eine zentrale Monitoringstelle für Unterrichtsunterlagen. "Sie sollte ein Korrektiv sein, das den kritischen Umgang mit Materialien fördert und LehrerInnen mit externem Rat unterstützt", schreibt der Verein in einem Thesenpapier zum Thema.

Noch etwas bleibt zu hoffen: Dass Schüler unterschätzt werden. Als die Dozentin in München fragt, warum es Werbung für Kinder gibt, antwortet eine Schülerin: "Weil Kinder das Geld haben und voll naiv sind und einfach kaufen." Die anderen lachen. Doch dann ist es nicht die Expertin, die diese Sicht widerlegt. Eine Mitschülerin erzählt von Werbung für wetterfestes Haarspray. "Das ist total dumm, wenn es regnet, kann man auch nen Schirm benutzen", sagt sie und stöhnt. Und vermutlich hat am ehesten die Schülerin recht, die während eines Rollenspiels befindet: "Wir Jugendliche sind halt voll kompliziert." Die Debatte um mehr Wirtschaft in der Schule ist es auch.

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Quelle:
SZ vom 16.05.2015
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