Wirtschaft in der SchuleWas ein Schulfrühstück mit Finanzbildung zu tun hat

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Wichtig für alle Schülerinnen und Schüler: ein gesundes Frühstück.
Wichtig für alle Schülerinnen und Schüler: ein gesundes Frühstück. (Foto: Christian Endt)
  • Das Bündnis Ökonomische Bildung fordert eine verbindliche Verankerung der Wirtschaftsbildung in allen Schulformen und Bundesländern, da vor allem Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss und Frauen nur über unterdurchschnittliches Finanzwissen verfügen.
  • In vielen Schulen gibt es das Fach Arbeitslehre erst ab der 7. Klasse und nur für eine Stunde die Woche, obwohl laut Experten mindestens zwei Stunden ab der 5. Klasse nötig wären.
  • Die neue Bildungsministerin Karin Prien sieht vor allem Eltern und junge Menschen selbst in der Verantwortung für Finanzbildung, was laut Bündnis die Spaltung zwischen informierten und wenig informierten Haushalten fördert.
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Nur wer weiß, wie Wirtschaft funktioniert, kann an lebendiger Demokratie teilhaben. So sieht es das Bündnis Ökonomische Bildung. Die Frage ist nur: Wie soll das im ganzen Land funktionieren?

Von Peter Ehrlich, Frankfurt

Es gibt Schüler, die Schulden machen, ohne das Konzept von Zins und Zinseszins zu verstehen. Es gibt Schülerinnen, die die aktuelle Debatte über das Rentensystem verfolgen, ohne dass ihnen die Prinzipien der Altersvorsorge in der Schule kompetent erklärt wurden. Und es gibt junge Menschen, die genau das gerne lernen würden. Die Frage ist nur: wo und wann?

Der Mangel an Finanzbildung ist an sich nichts Neues, erst im vergangenen Jahr stellte die Industrieländerorganisation OECD fest: Vor allem Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss und Frauen verfügen in Deutschland nur über unterdurchschnittliches Finanzwissen. Genau dort setzt das Bündnis Ökonomische Bildung (BÖB) an. „Wirtschafts- und Finanzkompetenz ist ein Schlüssel zu mehr Generationen-, Bildungs- und Chancengerechtigkeit, eröffnet Aufstiegsmöglichkeiten und sichert gesellschaftliche Teilhabe“, sagt Verena von Hugo, die Vorstandsvorsitzende des Bündnisses, das von Bildungseinrichtungen, Stiftungen und Wirtschaftsverbänden getragen wird. Demokratiekompetenz und Wirtschaftskompetenz seien nicht voneinander zu trennen, sagt sie. Nur: Über viele Wirtschaftsthemen erführen Schüler „fast nichts“.

Am Mittwoch trafen sich allerlei Expertinnen und Experten zu einem Kongress des Bündnisses in Frankfurt, um darüber zu reden. Mit dabei war auch Christine Georg, Leiterin einer integrierten Gesamtschule im hessischen Bruchköbel. Dort gebe es das Fach Arbeitslehre erst ab der 7. Klasse und nur für eine Stunde die Woche, erzählt sie. Nötig seien mindestens zwei Stunden ab der 5. Klasse, findet Georg. Die Frage sei allerdings ganz grundsätzlich: Wo beginnt Wirtschaftsbildung bei den Schülern, für die schon Taschengeld ein Wunder wäre?

Georg hat früher eine Hauptschule im Frankfurter Ostend geleitet. Sie erinnert sich noch gut daran, wie das dort war: „Schüler mit 100 Prozent Migrationshintergrund und 96 Prozent Hartz-IV, mit Schülern, die im Park schlafen und Schülerinnen, die nachts auf den Babystrich gehen und morgens vor dem Unterricht in der Schule duschen.“ Für diese jungen Menschen organisierte Georg ein gemeinsames warmes Frühstück, beim gemeinsamen Einkaufen lernten die Kinder, was zu einem Frühstück gehört und was welche Produkte kosten. Georg sagt: Wenn in einer Klasse kein einziges Elternteil Arbeit habe, müsse man erst einmal die Bedeutung von Arbeit erklären, bevor man über das damit verdiente Geld reden könne.

Hessen, Sachsen-Anhalt und Hamburg gelten als Vorreiter

Sally Peters vom Institut für Finanzdienstleistungen ist auch an diesem Mittwoch nach Frankfurt gekommen. Sie hat als ehemalige Schuldnerberaterin all jene im Blick, die „schon wegen 1000 Euro Schulden zur Schuldnerberatung müssen.“ Gerade für die, die von der Hand in den Mund leben, seien die Kontogebühren bei Banken oft höher als für Menschen mit regelmäßigem Einkommen.

Das BÖB fordert daher eine verbindliche Verankerung der ökonomischen Bildung „in allen Schulformen und allen Bundesländern“, wie von Hugo sagt. Hessen, Sachsen-Anhalt und Hamburg sieht sie als Vorreiter. Deren Länderfinanzminister haben im Januar beschlossen, die geplante Finanzbildungsstrategie des Bundes zu unterstützen. Für die ist das Finanzministerium zuständig. Ein Entwurf lag letztes Jahr vor, wurde aber nach dem Regierungswechsel bislang nicht wieder aufgegriffen. Auch gegenüber der EU hat sich Deutschland eigentlich dazu verpflichtet, die Strategie vorzulegen.

Kritisch sieht das Bündnis Ökonomische Bildung die ersten Äußerungen der neuen Bildungsministerin Karin Prien. „Unsere Verwunderung ist groß, dass Finanzbildung offenbar nicht zu den Prioritäten der neuen Ministerin gehört“, sagt von Hugo. Prien hatte in einem Interview vor allem die Eltern und die jungen Menschen selbst dafür verantwortlich gemacht, sich das nötige Wissen zu verschaffen. Das aber fördere nur die Spaltung zwischen schon informierten Haushalten und solchen mit wenig Wirtschaftswissen, sagt von Hugo.

Nicht nur die, die wenig Geld haben, würden laut BÖB von besserer Finanzbildung profitieren. Als Land mit hoher Sparquote aber vergleichsweise wenig am Kapitalmarkt aktiven Bürgern und wenig Gründern würde auch den Bessergestellten mehr Wissen nicht schaden. „Gerade Mädchen brauchen Unterstützung, damit sie sich für diese Themen interessieren“, sagt die Tübinger Bildungsforscherin Taiga Brahm.

In den Schulen fehlt es allerdings nicht nur an den Unterrichtsstunden für Wirtschaftsthemen, sondern auch an fachkundigen Lehrern. Manche Schulbuchverlage „bieten nur zwei Seiten mit bunten Bildchen“, beklagt Schulleiterin Georg aus Hessen. Etwas mehr bietet da die Bundesbank, die ihr Lehrmaterial zu aktuellen Finanzthemen ständig aktualisiert. „Lern- und Erlebnisorte“ zu Wirtschaftsthemen zu schaffen, fordert etwa Bundesbank-Vorstandsmitglied Lutz Lienenkämper. Im Frankfurter Geldmuseum der Bundesbank werde Geld bald auch spielerisch in einer Art „Escape Room“ vermittelt, sagt Lienenkämper. Von der Hauptschule im Frankfurter Ostend zum Geldmuseum im Westen der Stadt sind es zwar nur ein paar Kilometer, aber es ist trotzdem ein weiter Weg.

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