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Feuerwerker:Unter Beschuss

Es war auch schon mal mehr Feuerwerk... SZ-Zeichung: Dirk Meissner

Die Pyrotechnikindustrie steht in der Kritik. Wegen Corona sind erste Eventfeuerwerker pleite. Nun macht ihnen eine Studie Mut: Die Feinstaubemissionen ihrer Artikel seien geringer als gedacht.

Von Benedikt Müller-Arnold, Eitorf

Am Hauptsitz von Weco knallt's und kracht's. Hier in Eitorf, einer Kleinstadt zwischen Bonn und Siegen, findet gerade ein Prüffeuerwerk statt. Keine Firma in Europa verkauft so viele Feuerwerkskörper wie Weco. Das Unternehmen, gegründet 1948, stellt jährlich etwa zwölf Millionen Raketen in Deutschland her und importiert noch mehr Knallkörper aus China. "Mittlerweile ist es ein Alleinstellungsmerkmal, Feuerwerksraketen in Deutschland herzustellen", sagt Weco-Chef Thomas Schreiber. Doch wie lange geht dieses Geschäft noch gut?

Denn die pyrotechnische Industrie steht in der Kritik. Brot für die Welt ruft seit Jahren dazu auf, Geld der Entwicklungshilfe zu spenden anstatt es für Böller auszugeben, etwa in der Silvesternacht. Umweltverbände appellieren an Städte, Feuerwerke einzuschränken. Dabei berufen sie sich vor allem auf die Luftbelastung: Etwa 4200 Tonnen Feinstaub strömten jährlich durch Feuerwerk in die Luft, hieß es bislang vom Umweltbundesamt, der Großteil an Silvester. Dies entspricht etwa zwei Prozent der gesamten Feinstaubemissionen in Deutschland. Weco-Chef Schreiber sagt: "Die Diskussion über großflächige Feuerwerksverbote ist für unsere Branche existenzgefährdend."

Ein finnisches Institut hat sieben gängige Feuerwerksartikel getestet

Aber stimmen diese Zahlen überhaupt? Man habe sie geschätzt, indem man die Masse an verkauftem Feuerwerk mit Emissionsfaktoren malgenommen habe, heißt es vom Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI). "Unser Eindruck war: Es braucht endlich mal Fakten", sagt Fritz Keller, wissenschaftlicher Berater des VPI.

Also ließ der Verband ein finnisches Institut sieben gängige Feuerwerksartikel untersuchen. Sie stehen repräsentativ für verschiedene Produktkategorien. In einem Edelstahlcontainer zündeten die Forscher Raketen und Böller, sogenannte Vulkane, sowie zerlegte Feuerwerksbatterien per Fernbedienung. Ventilatoren verteilten den Staub in der Luft, dann nahmen die Wissenschaftler Proben. Mit jeder Zündung warteten sie, bis die Feinstaubbelastung im Labor wieder auf dem Normalniveau der Umgebung angekommen war.

Zugleich rechnete der VPI, wie viel Pyrotechnik Deutschland herstellt und importiert, zog Exporte und Retouren ab. Er berücksichtigte nur die Explosivmasse: Was nicht verbrennt - Stäbe und Hülsen, Kapseln und Verpackungen - rechnete er heraus. Das Ergebnis: An Silvester 2019 schossen die Menschen in Deutschland gut 5100 Tonnen Explosivmasse in die Luft. Rechnet man die Messergebnisse aus Finnland darauf hoch, beträgt die Feinstaubemission 1477 Tonnen - gut ein Drittel der bisher kolportierten Menge. Demnach verursache Feuerwerk "gerade einmal 0,7 Prozent" der gesamten Feinstaubemissionen in Deutschland, sagt VPI-Berater Keller.

Der Verband sieht das als Bestätigung, "dass weitere Einschränkungen beim Verkauf und Abbrand von Silvesterfeuerwerk nicht gerechtfertigt sind." Doch kommt er damit durch?

Immerhin hat die Branche die Studie mit dem Umweltbundesamt abgestimmt. Die Untersuchung biete "realitätsnähere Erkenntnisse über die Feinstaubemissionen durch Feuerwerkskörper als die bisher errechneten Werte", sagt die zuständige Fachbereichsleiterin Ute Dauert. "Wir als Umweltbundesamt werden die Studienergebnisse auch in den Diskurs auf europäischer Ebene einbringen."

Allerdings zählt für saubere Luft nicht nur die Summe aller Emissionen, sondern auch die jeweilige Konzentration von Feinstaub vor Ort. Diese messen die Umweltämter an vielen Stellen bundesweit. "Der 1. Januar ist Jahr für Jahr der Tag mit der höchsten Feinstaubkonzentration in Deutschland", mahnt Dauert. Daran ändern die neuen Studienergebnisse nichts.

Je nach Wind und Wetter enthält die Neujahrsluft in vielen Städten mehr als 50 Mikrogramm PM₁₀ - das sind Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von bis zu zehn Mikrometern - pro Kubikmeter. Diese Grenze dürfen Städte an höchstens 35 Tagen im Jahr reißen, schreibt die EU vor. "Mit der hohen Belastung an Neujahr ist einer dieser 35 Tage schon gleich zu Jahresbeginn aufgebraucht", sagt Dauert. Beim VPI hält man das für verschmerzbar; immerhin sei es "ein Stück Brauchtum", ein neues Jahr mit Feuerwerk zu begrüßen.

Umweltverbände kritisieren auch Müllaufkommen, Lärm, Sachschäden und Verletzungen

Die Weltgesundheitsorganisation indes empfiehlt, die Grenze maximal an drei Tagen pro Jahr zu überschreiten. "Einzelne Tage mit hoher Konzentration sind insbesondere für Menschen mit Vorerkrankungen, zum Beispiel für Asthmatiker, eine Gesundheitsgefahr", sagt Dauert. Ohnehin sei Feinstaub für alle Menschen schädlich, "wenn er über lange Zeit eingeatmet wird".

Und die Kritik am Feuerwerk geht über das Thema Feinstaub hinaus: Umweltverbände monieren auch den Abfall, den Lärm für Mensch und Tier, Sachschäden in Altstädten, Verletzungen an Auge und Ohr. Statt Böller fordern sie abgasfreie Licht- und Lasershows.

Dies schadet der Branche schon heute. "In den vergangenen beiden Jahren ist der Umsatz der pyrotechnischen Industrie in Deutschland zurückgegangen", sagt Weco-Chef Schreiber. "Das ist zum Teil auf die öffentliche Debatte über Umweltbelastungen zurückzuführen." Erste Händler nahmen Feuerwerk aus ihrem Sortiment.

Die Hersteller mühen sich freilich, Kritik zu entkräften. Verletzungen entstünden meistens, wenn Pyrotechnik falsch gehandhabt werde oder illegale Böller aus dem Ausland zum Einsatz kämen, sagt Schreiber. "Feuerwerkskörper, die in Deutschland zugelassen werden, erfüllen strenge Sicherheitsvorgaben." Sie entsprächen auch Lärmschutzvorgaben. Und man appelliere: Wer Feuerwerk abbrenne, solle auch den Abfall ordentlich entsorgen, sagt VPI-Geschäftsführer Klaus Gotzen.

Noch beschäftigt die Branche etwa 3000 Menschen in Deutschland; sie erwirtschaftete zuletzt einen Jahresumsatz von etwa 130 Millionen Euro. Doch dürfte dieser 2020 abermals niedriger ausfallen. Dies liegt auch an der Corona-Pandemie: Großfeuerwerke wie "Rhein in Flammen" fielen aus, um Infektionen zu vermeiden. Auch Feuerwerke zum Abschluss von Volksfesten fielen in diesem Jahr flach.

"Der Ausfall vieler Großveranstaltungen ist für die Branche ein herber Schlag ins Kontor", sagt Gotzen. Viel Eventfeuerwerk liege nun auf Lager - wegen der Sicherheitsvorgaben ein teures Unterfangen: "Erste Anbieter von Großfeuerwerken mussten bereits Insolvenz anmelden."

Die Corona-Krise dürfte auch den für die Branche wichtigsten Tag des Jahres verändern: "Wir müssen davon ausgehen, dass es an Silvester 2020 wohl keine Großfeuerwerke wie am Brandenburger Tor in Berlin geben wird", sagt Weco-Chef Schreiber. Er setzt stattdessen auf kleine, private Feuerwerke. "Wir hoffen, dass es viele Menschen am Ende dieses entbehrungsreichen Jahres kräftig knallen lassen werden."

Das hängt freilich auch davon ab, ob weitere Städte das Böllern einschränken werden. "Die Diskussion über örtliche Feuerwerksverbote rührt eher von Sicherheitsaspekten her", sagt Ute Dauert. Gleichwohl lautet ihr Ratschlag: "Wir als Umweltbundesamt empfehlen, insgesamt weniger Feuerwerksartikel zu nutzen."

© SZ vom 20.07.2020
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