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Lebensmittel:Jetzt noch was kochen? Och nö

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Kaufen statt kochen, das ist der Trend. In manchen Ländern gibt es in den Wohnungen schon keine Küchen mehr.

(Foto: imago/Westend61)
  • Immer mehr Großstädter haben keine Lust, für sich alleine zu kochen.
  • Daher boomt das Geschäft mit Single-Portionen in Supermärkten. Die Händler wollen groß einsteigen.

Alle klagen über zu viel Plastik und Verpackungsmüll. Alle? Nein, das ist offenbar im Wesentlichen vor allem ein deutsches Phänomen. Anderswo in der Welt scheint das Thema weit weniger wichtig zu sein, etwa in den Niederlanden. "Schauen Sie mal in einen Albert-Heijn-Supermarkt in Holland", sagt Michael Gerling, Chef des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI, "da sieht es aus wie im Plastikparadies." Unendlich viele kleine bunte und durchsichtige Becher, Tüten und Boxen reihen sich da neben- und übereinander in den Regalen. Salate, Sushi, Gemüse, Sandwiches, Wraps und Suppen, all das gibt es "To Go", "Ready to Eat" oder "Ready to Cook". Convenience-Food nennt sich das abgepackte Fertigessen, und es boomt weltweit. "Die Menschen kochen nicht mehr so viel", sagt Gerling. Und in den Großstädten nehmen weiter die Single-Haushalte zu, auch in Deutschland.

Danach richten sich die Supermärkte in den Zentren aus. Sie ziehen in die untersten Etagen von Wohnhäusern und verkaufen auf kleiner Fläche, was die Klientel ringsum begehrt: Convenience-Food und Minimengen: Single-Portionen statt Familienpackungen. Laut den Marktforschern der GfK wächst der Markt für Convenience-Portiönchen überdurchschnittlich. Dabei kostet die 100-Gramm-Packung oft ein Vielfaches dessen, was für die XXL-Version fällig wäre. Die Singles kaufen's trotzdem. Die Böxchen sind zwar teurer, aber es ist ja auch niemandem geholfen, wenn der Inhalt der Mega-Familienpackung vergammelt.

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In fernen Ländern treiben die Händler den Trend gerade auf die Spitze. Jens Torchalla, Handelsexperte der Beratungsfirma Oliver Wyman, sagt, in manchen Ländern Asiens gäbe es inzwischen keine Küchen mehr in den Wohnungen. Kochen sei nicht vorgesehen, Essen ist was für draußen, wird bestellt oder mitgebracht. In den USA hat sich der Konsumgüterhersteller Procter&Gamble auf den Single-Markt voll eingestellt. Er verkaufe nicht nur Putzmittel, sondern biete auch einen Reinigungsservice an, sagt EHI-Chef Gerling. Das ist lukrativer. Deutschland habe im Bereich Convenience hingegen noch "Nachholbedarf".

Die Händler hierzulande haben das Potenzial des Marktes aber erkannt. Rewe plant beispielsweise den Kauf von Lekkerland, einem Fertigessen-Spezialisten. Rewe-Chef Lionel Souque will gar einen eigenen Geschäftsbereich mit Namen Convenience schaffen. Rewe lässt sich das einiges kosten und würde auf einen Schlag zwölf Milliarden Euro Umsatz dazugewinnen. Anders können Lebensmittelhändler in Deutschland aus kartellrechtlichen Gründen kaum mehr wachsen.

Rewe will sich damit auch Know-how in Sachen kleinteiliger Logistik einkaufen. Das ist die Expertise von Lekkerland. Sie wird in kleinen Nahversorgermärkten, in denen sich Markenartikel im Regal den Platz streitig machen, immer wichtiger. "Die Margen sind zwar relativ groß, aber die große Frage für die Händler ist, welchen Artikel stelle ich ins Regal und welchen nicht. Und schaffe ich das überhaupt von der Logistik her?", sagt Torchalla. Wie wichtig diese Fragen sind, weiß Rewe, seitdem der Konzern den Großteil der Aral-Tankstellen beliefert. An mehr als 450 Stationen hat Rewe eigene To-go-Shops eingerichet. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von kleineren Rewe-City-Märkten. Die Logistikkosten entscheiden mit darüber, ob sich das Geschäft lohnt. Wer kleine Märkte beliefern will, muss dort öfter halten, als bei großen Supermärkten. Das kostet. Die hohen Margen für die Kleinstportionen können dann schnell futsch sein.

Discounter haben da einen Vorteil. Sie bieten erst gar nicht so viele Artikel an. Kein Wunder, dass auch sie daher ins Convenience-Geschäft drängen. Lidl testet seit Kurzem zwei Minifilialen in München, Aldi rollt gleich ein neues Kleinflächenkonzept in London aus, genannt Aldi Local. Den Auftakt machte vor wenigen Tagen eine Filiale im Londoner Stadtteil Camden Town. Der Grund: Convenience wächst in England trotz all des Plastiks jährlich um mehr als drei Prozent, und Camden Town ist seit Jahren ein bei Singles angesagtes Viertel. Aldi beteuert, keine Pläne zu hegen, das Kleinkonzept auch in Deutschland auszuspielen, aber das kann sich ja ändern.