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Kolumne: Femme Digitale:Investoren ignorieren Frauengesundheit

Kathrin Werner, Digi-Kolumne

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Helmut Martin-Jung, Jürgen Schmieder und Kathrin Werner im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Femtech-Branche ist ein schlafender Gigant. Wann werden Investoren merken, dass ihnen die Hälfte der Weltbevölkerung als Zielgruppe entgeht, wenn sie kein Geld in Hightech für Frauengesundheit stecken?

Von Kathrin Werner

Das Problem mit dem Frauenkörper ist, dass Männer ihn irgendwie eklig finden. Also natürlich nicht alle Männer. Und nicht alles am Frauenkörper. Aber das mit den Frauenkörperflüssigkeiten ganz überwiegend schon. Da kommt Blut raus? Und da manchmal Milch? Igitt! Damit will man/Mann nichts zu tun haben.

Das führt dazu, dass es der Frauenkörper im professionellen Umfeld sehr schwer hat, was unter anderem Unternehmen trifft, die Frauen als Zielgruppe haben und ihnen Produkte für ihre Körper und Körperflüssigkeiten verkaufen wollen. Femtech nennt man solche Produkte. Die Femtech-Branche ist ein schlafender Gigant. Es gibt zwar große Nachfrage nach Technologie für Frauen, insbesondere nach Hightech-Gesundheitsprodukten für den weiblichen Körper. Doch das Angebot fehlt, weil passende Ideen es zu oft nicht auf den Markt schaffen, weil das Thema den vor allem männlichen Investoren entweder zu eklig oder zu peinlich ist oder weil es sie einfach nicht genug interessiert.

Den Begriff Femtech hat Ida Tin erfunden, die Gründerin von Clue, einer App, mit der man die fruchtbaren Tage nachverfolgen kann. Es brauche ein neutral klingendes Wort, erzählt Tin, damit Investoren zusammenfassen können: "Ich habe vier Femtech-Unternehmen in meinem Portfolio", statt stammeln zu müssen: "Ich habe ein Unternehmen für Frauen, die sich in die Hose pinkeln." "Das ist für einen männlichen Investor schwer zu sagen", weiß Tin. Der Ausdruck Femtech ist zwar umstritten, weil er non-binäre Menschen ausschließt und ein entsprechendes Wort wie Maletech nicht existiert. Doch der Begriff setzt sich durch.

Obwohl Investoren ja eigentlich Produkte mit großer Zielgruppe lieben und - friendly reminder - Frauen die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, sind Femtech-Start-ups unterfinanziert. Im Jahr 2019 steckten Wagniskapitalgeber 592 Millionen Dollar in den Markt, hat die Analysefirma Pitchbook gezählt. Das klingt nach viel Geld, ist aber im Vergleich zu anderen Branchen geradezu lächerlich. Laut dem Recherchehaus CB Insights haben Fintech-Start-ups, also junge Firmen, die Technik für die Finanzindustrie verkaufen, 2019 insgesamt 33,9 Milliarden Dollar an Wagniskapital eingesammelt, im Jahr davor waren es sogar 40,8 Milliarden. Aus Investorensicht ist Finanzkram sexyer, als es Frauenkörper sind.

Nur vier Prozent der gesamten Forschung und Entwicklung sind auf die Gesundheit von Frauen ausgerichtet

Nun hat die Femtech-Branche keine üble Zukunftsaussicht. Pitchbook schätzt, dass der Umsatz der Branche von 820 Millionen Dollar im Jahr 2019 bis Ende 2030 auf mindestens drei Milliarden Dollar steigen wird. Aber "nicht übel" ist eben nicht gut genug. "Trotz dieser relativ soliden Wachstumsprognose glauben wir, dass Femtech ein deutlich unterentwickelter Bereich der Gesundheitstechnologie ist", schreiben die Pitchbook-Analysten. Schließlich geben Frauen pro Jahr rund 500 Milliarden Dollar für Medizinprodukte aus. Gleichzeitig seien nur vier Prozent der gesamten Forschung und Entwicklung der Unternehmen speziell auf die Gesundheit von Frauen ausgerichtet.

Es gibt natürlich positive Beispiele. Clue zum Beispiel, Ida Tins Start-up mit Sitz in Berlin, hat nach eigener Aussage bereits 13 Millionen Kundinnen und Kunden pro Monat und 30 Millionen Dollar eingesammelt. Sera Prognostics aus den USA, der Entwickler eines Bluttests, der das Risiko einer werdenden Mutter für eine Frühgeburt vorhersagt, hat bei einer Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr 66 Millionen Dollar bekommen. An Ideen mangelt es nicht: Es gibt Prelude, ein Spezialist für künstliche Befruchtung und andere Fruchtbarkeitsdienstleistungen, und Elvie, ein "smartes" Trainingsgerät aus Silikon für den Beckenboden, das man unten einführt und per App steuert. Mobile ODT, ein Start-up aus Tel Aviv, nutzt künstliche Intelligenz für das Screening nach Gebärmutterhalskrebs. Es gibt Firmen für Milchpumpen mit Bluetooth und Internetanschluss oder für Tampons, deren Sensor meldet, wenn es Zeit für einen Wechsel ist. Und dann ist da noch die Menotech-Branche, die Technik für Frauen in den Wechseljahren erfindet.

Solche Produkte zu bewerben, ist nicht ganz einfach. Die künstliche Intelligenz, die etwa Facebook nach unerwünschten Inhalten durchsucht, sperrt gerne Seiten, die Begriffe wie Vagina benutzen. Auch Googles Anzeigendienst Adworks verbietet etliche Wörter, die Firmen brauchen, um ihr Geschäft zu erklären.

Ein Lichtblick: Die Zahl der Investorinnen steigt

Ein weiteres Problem: Oft sind es Frauen, die Femtech-Firmen gründen. Die allermeisten Investoren sind Männer, was auch daran liegt, dass sie oft ehemalige Gründer sind, die ihr Start-up für sehr viel Geld verkauft haben. Da es deutlich weniger Frauen gibt, die solche Exits hinter sich gebracht haben, gibt es eben auch deutlich weniger Investorinnen. Die Forschung zeigt, dass Männer am liebsten Kapital unter Menschen verteilen, die sie ein bisschen an sich selbst erinnern - also ebenfalls Männer sind.

Doch es gibt Frauen, die Abhilfe schaffen wollen. Tijen Onaran, Gründerin der Diversitätsberatung Global Digital Women, hat einen Venture-Capital-Fonds initiiert, um Frauen beim Gründen zu unterstützen. In den USA finanziert die Investorin Tracy Warren mit ihrem Fonds Astarte Ventures ausschließlich Firmen, die sich mit der Gesundheit von Frauen und Kindern befassen. "Man muss mit Investoren reden, ohne dass sie sich ekeln oder unwohl fühlen", rät sie Gründerinnen. "Wie macht man das, wenn viele Männer schon nicht damit umgehen können, wenn das Wort Vagina fällt?" Ihre Antwort: Mit Zahlen argumentieren, mit Marktgröße, Wachstumschancen und so weiter. Und Körperflüssigkeiten möglichst selten erwähnen.

© SZ/shs
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