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Federal Reserve:US-Notenbank Fed senkt den Leitzins - zum ersten Mal seit zehn Jahren

Jerome Powell

Fed-Chef Jerome Powell

(Foto: Susan Walsh/AP)
  • Die US-Notenbank hat ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte gesenkt.
  • Der Zinssatz befinde sich damit in der Spanne von 2,00 bis 2,25 Prozent, erklärte die Federal Reserve am Mittwoch.
  • Über den Zinsschritt wurde seit Wochen gemutmaßt. Er dürfte den Finanzmärkten und der US-Konjunktur neuen Schwung verleihen.

Die US-Notenbank Federal Reserve hat zum ersten Mal seit der Finanzkrise die Leitzinsen gesenkt - und zwar um einen Viertelprozentpunkt auf die neue Spanne von 2,0 bis 2,25 Prozent. Das teilte die Fed nach ihrer zweitägigen Sitzung am Mittwochabend deutscher Zeit in Washington mit. Damit reagieren Währungshüter auf die gestiegene konjunkturelle Unsicherheit angesichts der Handelskonflikte und einen nachlassenden Inflationsdruck.

Über den Zinsschritt wurde seit Wochen gemutmaßt. Er dürfte den Finanzmärkten und der US-Konjunktur neuen Schwung verleihen. Für die Geldpolitik der Fed ist die Entscheidung eine Zäsur. Im Zuge der verheerenden weltweiten Finanzkrise hatte die Notenbank von Mitte 2008 an die Zinsen deutlich gesenkt, um die Wirtschaft zu stabilisieren. 2015 begann sie, den Leitzins wieder sukzessive zu erhöhen. Allein im vergangen Jahr gab es vier Zinserhöhungen.

Trump: "Die Fed liegt oftmals falsch. Wir liegen meistens richtig."

Sehr zum Unmut des US-Präsidenten: Gerade wenige Monate im Amt, fand sich Fed-Präsident Jerome Powell vor einem guten Jahr inmitten der Trump-Rhetorik aus einfachen Wahrheiten und eindeutigen Feindbildern wieder. Jetzt wackelt der Aufschwung, die Märkte haben sich auf die erste Zinssenkung seit bald elf Jahren eingestellt, und die präsidialen Verbalattacken auf das Feindbild Fed haben sich gehäuft. Am Dienstagmorgen, als sich die Notenbanker um Powell gerade zu ihrer zweitägigen Sitzung eingefunden hatten, machte Trump noch einmal deutlich, er erwarte eine "sehr große" Zinssenkung. Die allseits erwarteten 0,25 Prozent reichten ihm nicht. "Ich bin einfach sehr enttäuscht von der Fed", rief Trump Reportern vor dem Weißen Haus zu. "Die Fed liegt oftmals falsch. Wir liegen meistens richtig!" Sollte die Konjunktur erlahmen, hätte Trump seine Schuldigen längst benannt, und die braucht er für im Wahlkampf für seine Wiederwahl auch.

Powell dagegen hat seine öffentlichen Auftritte in den vergangenen Monaten genutzt, um seine Unabhängigkeit zu pflegen. Anstatt auf politische Angriffe zu reagieren, hielt er sich streng an das Mandat der Notenbank, das in den USA außer der Geldwertstabilität auch das Ziel einer hohen Beschäftigungsquote umfasst. Powell betonte mehrfach, die Fed sei bereit, die Geldpolitik zu lockern, sollten sich die wirtschaftlichen Aussichten nicht bessern. Die stehen mit einem US-Wachstum von 2,1 Prozent und einer Arbeitslosenquote von 3,7 Prozent im zweiten Quartal zwar noch auf solidem Fundament. Die Inflation von 1,6 Prozent ist im Sinne der angestrebten zwei Prozent dagegen zu niedrig, und mit dem von Trump angezettelten Handelskrieg sind die Risiken enorm gewachsen. Die globale Industrieproduktion hat ihren Höhepunkt schon im Sommer 2018 überschritten.

Viele - aber längst nicht alle - Mitglieder des Offenmarktausschusses der Fed hielten deshalb eine Lockerung der Geldpolitik für geboten. So betonte es Powell auch vor drei Wochen im US-Kongress, wobei er sich auf das Protokoll der vorigen Ausschusssitzung im Juni berief: "Unsicherheiten wegen der Handelskonflikte und Sorgen um die Stärke der Weltwirtschaft belasten weiterhin den Ausblick für die US-Wirtschaft", sagte er da. Am meisten Sorgen bereiteten ihm Europa und Asien.

Powell zeigt sich bislang als starker Fed-Chef, der Trump die Stirn zu bieten weiß

Anstatt "geduldig" zu bleiben, wie es im Jargon der Währungshüter zuvor hieß, wollten Powell und die Seinen offenbar nicht riskieren, zu spät zu reagieren. "Wir sehen das, was die Fed sich vornimmt, als eine Art Versicherung", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Wenn die Konjunktur einfach weiterlaufe, könne dieser Zinsschritt keinen großen Schaden anrichten. "Wenn in der politischen Diskussion aber der Eindruck entsteht, die Fed hätte einen Fehler gemacht, dann wächst der Druck noch weiter", sagt er. Ein Stück weit schirmt sich die Fed also von diesem Druck ab, indem sie vorsorglich handelt. "Bis Maßnahmen wie Zinssenkungen in der Realwirtschaft ankommen, dauert es in der Regel sechs bis zwölf Monate", daran erinnert Franck Dixmier, Anleihen-Chef des Vermögensverwalters Allianz Global Investors. Die Fed wolle also lieber keine Zeit verlieren.

Neben dieser Risikovorsorge ist die Politik der Fed aber auch eine Reaktion. Denn erst der Blick nach Frankfurt macht die Analyse der Dollar-Zinspolitik komplett - was umgekehrt ebenso gilt. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) bezieht in seine Entscheidung die Maßnahmen Fed genauso mit ein wie ebenjene die Beschlüsse der Euro-Währungshüter. Fed-Vertreter haben zuletzt wiederholt deutlich gemacht: Die Zinsen in den USA dürften durchaus ein gutes Stück von jenen in anderen Währungsräumen abweichen, aber eben nicht zu weit. Es gebe eine Grenze, "wie weit dieser Prozess gehen kann, aufgrund der integrierten Kapitalmärkte", so formuliert es etwa Fed-Vize Richard Clarida, und hat dabei außer der EZB vor allem Japan und China, aber auch Südkorea im Blick, wo die Zentralbank zuletzt recht überraschend die Zinsen gesenkt hat.

Die Logik der Kapitalmärkte ist als Grund für die Entscheidung der Fed also nicht zu vernachlässigen. Ein Beispiel: Erhöht eine Zentralbank die Zinsen - was die Fed neun Mal seit 2015 getan hat - und eine andere nicht, dann fließt Kapital in die Volkswirtschaft mit den höheren Zinsen. Deren Währung steigt tendenziell im Wert, während Inflationsdruck, Exportvolumen und - je nach Wirtschaftsstruktur mehr oder weniger - auch das Wachstum sinken. Der seit Dezember 2018 gültige US-Leitzins von 2,25 bis 2,5 Prozent war der höchste aller Zentralbanken in entwickelten Volkswirtschaften.

Der amerikanische Präsident, der die Fed mitunter "unser größtes Problem" nennt, hält sich mit derart komplexen Zusammenhängen nicht auf. Für seinen eigenen Erfolg braucht er eine gute Konjunktur, und dafür ist er bereit, die erst vor wenigen Jahrzehnten erkämpfte Unabhängigkeit der Notenbanken zu untergraben.

Powell zeigt sich bislang zwar als starker Fed-Chef, der Trump die Stirn zu bieten weiß. Aber der Dauerangriff des Präsidenten wird nicht ohne Folgen bleiben.

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