Geldpolitik:Geld bleibt weltweit billig

Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed

Der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, hält den Preisdruck für ein vorübergehendes Phänomen.

(Foto: Jose Luis Magana/AP)

Trotz steigender Inflation wird die amerikanische Notenbank Fed diese Woche vermutlich an ihrem Kurs festhalten. Darin sind sich zumindest Finanzmarktexperten einig.

Von Nikolaus Piper

Für fast alle Länder der Erde brachte Corona einen bedrohlichen Einbruch ihrer Wirtschaft. Die Covid-19-Rezession war aber nicht nur besonders schwer, sie war auch die kürzeste, seit es eine verlässliche gesamtwirtschaftliche Statistik gibt. In den Vereinigten Staaten dauerte sie ganze zwei Monate, wie das National Bureau of Economic Research (NBER) in Washington mitteilte. Sie endete bereits im April 2020. Geholfen hat dabei, dass die Regierungen in Amerika ebenso wie in Europa sich massiv verschuldeten und so Nachfrage und Arbeitsplätze sicherten.

Der neue Präsident Joe Biden will die Gelegenheit nutzen und Billionen Dollar investieren, um die Infrastruktur der Vereinigen Staaten zu erneuern und Beschäftigung für möglichst viele Amerikaner zu sichern. Und die Notenbank Fed hat die Erholung mit beispiellos billigem Geld gestützt. Im vergangenen August entschied sie, künftig eine Inflation von "durchschnittlich" 2,0 Prozent anzustreben - deutlich mehr als das bisherige Ziel "unter 2,0 Prozent".

Doch jetzt, da die amerikanische Wirtschaft wieder rapide wächst, stellt sich die Frage: Könnte es sein, dass die Fed mittlerweile zu großzügig ist? Und wäre nicht eine Kurskorrektur überfällig, um zu verhindern, dass die Inflation außer Kontrolle gerät?

Über diese Fragen wird der Offenmarktausschuss (FOMC), das Leitungsgremium der Fed, am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche beraten. Finanzmarktexperten sind sich sicher, dass die Fed weder die Leitzinsen erhöhen (sie liegen derzeit bei null bis 0,25 Prozent) noch das Programm zum Kauf von Anleihen zurückfahren wird. Im Rahmen dieses Programms erwirbt die Fed jeden Monat Staatsanleihen für 80 Milliarden und Hypothekenanleihen für 40 Milliarden Dollar und pumpt so Geld in die Wirtschaft. Interessant wird aber sein, wie die Mitglieder des Offenmarktausschusses über das Thema diskutieren und was davon in der offiziellen Erklärung nach der Sitzung auftauchen wird. Vielleicht wird sich dann eine vorsichtige Korrektur des Kurses in der Zukunft herauslesen lassen.

Lieferengpässe bei Halbleitern belasten die Wirtschaft

Dabei können einige Zahlen durchaus beunruhigen. Im Juni sind die Verbraucherpreise in den USA um 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen, das ist der stärkste Anstieg seit 13 Jahren. Ursachen sind die gestiegene Nachfrage, aber auch Lieferengpässe in vielen Sektoren, zum Beispiel in der Halbleiterindustrie. Der Chef der Fed, Jerome Powell, hatte schon vor zwei Wochen vor dem Kongress eingeräumt, dass "die Inflation höher war, als wir erwartet hatten, und auch ein wenig hartnäckiger". Trotzdem halte er den Preisdruck für ein vorübergehendes Phänomen.

Für Powells Gelassenheit gibt es durchaus Argumente. Zum Beispiel die Entwicklung der Inflationserwartungen. Ökonomen halten diese für relevant, weil Entwicklungen, mit denen die Menschen für die Zukunft rechnen, ihr Handeln heute beeinflussen. Nach der Statistik, die die Universität Michigan regelmäßig veröffentlicht, glauben die amerikanischen Verbraucher zwar, dass die Inflation in einem Jahr bei 4,8 Prozent liegen wird. In fünf bis zehn Jahren sollen es jedoch nur noch 2,9 Prozent sein.

Auf der anderen Seite bedeutet die Politik des billigen Geldes, dass Hypothekenkredite spottbillig sind. Das führt - wie in Deutschland - zu einem Boom der Immobilienpreise. Der S&P-Case-Shiller-Index für Einfamilienhäuser stieg im vergangenen April um 14,6 Prozent - das ist der stärkste Anstieg seit drei Jahrzehnten. Das wird soziale Probleme schaffen, weil viele Geringverdiener sich kein Eigenheim mehr leisten können. Und es könnte dann, wenn die Zinsen einmal wieder steigen sollten, zu einer Finanzkrise führen. Im Juni wurden in den USA allerdings unerwartet 6,3 Prozent weniger Häuser verkauft, was auf eine Normalisierung des Marktes deuten könnte.

Welche Lehren zieht man aus der Geschichte?

In den Debatten um die richtige Fed-Politik geht es immer auch um die Frage, welche Lehren man aus der Geschichte zieht. Einerseits gibt es die Erfahrung der Finanzkrise von 2008, in der die Fed die Wirtschaft mit billigem Geld geflutet und so eine neue Weltwirtschaftskrise verhindert hat. Auf der anderen Seite steht die Erinnerung an die Stagflation der 1970er-Jahre, als der Staat sich massiv verschuldete, um den Vietnamkrieg und großzügige Sozialprogramme gleichzeitig finanzieren zu können und die Fed das unterstützte. Die Stagflation - also die Kombination von steigenden Preisen mit hoher Arbeitslosigkeit - konnte 1979 nur durch eine Schocktherapie beseitigt werden, die im Ergebnis den konservativen Ronald Reagan ins Weiße Haus brachte. Es war bezeichnenderweise kein Konservativer, sondern der Progressive Larry Summers - Finanzminister unter Bill Clinton und Berater Barack Obamas -, der im Frühjahr vor einer Wiederholung der 1970er-Jahre warnte. Allerdings kritisierte er nicht die Fed, sondern fragte in der Washington Post, ob Präsident Joe Biden sich nicht zu sehr verschulde und so die Inflationsspirale in Gang setze.

Jetzt wird aber erst einmal die Fed beraten. John Vail, Chefstratege bei Nikko Asset Management, einem Vermögensverwalter, erklärte: "Die Märkte erwarten eine leichte Abkehr von der extremen Lockerheit." Interessant werden dann die Details sein.

© SZ
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