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Finanzsystem:Die Macht des Dollars

Das Gebäude der Federal Reserve in Washington.

(Foto: Daniel Slim/AFP)

In der Corona-Krise hat die US-Notenbank Fed etwas Erstaunliches gemacht - und das Finanzsystem für immer verändert.

Gastbeitrag von Andrea Binder

Der historische Moment im Jahr 2020, den wohl die meisten verpasst haben, war der 19. März. An diesem Tag hat sich die Federal Reserve, die Zentralbank der USA, endgültig zu einer Art Weltzentralbank gemacht. Sie hat an diesem Tag das Finanzsystem vor einem Zusammenbruch bewahrt und es gleichzeitig für immer verändert. Denn seit dem 19. März gewährt die Fed anderen Zentralbanken kurzfristige Dollar-Kredite. Noch am selben Tag lieh sich die Europäische Zentralbank (EZB) 112 Milliarden Dollar, bis Mai war der Betrag auf 143 Milliarden Dollar angeschwollen. Heute, zehn Monate später, beläuft er sich noch auf gut vier Milliarden Dollar.

Mit solchen kurzfristigen Krediten hatte die US-Zentralbank die Geldmärkte in der Finanzkrise schon einmal beruhigt, damals allerdings waren die Kreditlinien limitiert. Dass die Fed seit März 2020 wieder Kredite an Zentralbanken vergibt, diesmal sogar im Volumen unlimitiert, hat weitreichende Bedeutung für Finanzstabilität und Ungleichheit. Die Covid-19-Pandemie hat für die Finanzmärkte klargemacht: Wenn wir die globalen Verflechtungen politisch gestalten wollen, müssen wir verstehen, wie sie funktionieren - und welche Vor- und Nachteile sie bergen. Warum also braucht die EZB, die Hüterin des Euro, so viel Dollar aus den USA?

Andrea Binder ist Politologin und Fellow am Global Public Policy Institute in Berlin, einer 2003 gegründeten gemeinnützigen Denkfabrik.

(Foto: Matthias Erfurt/GPPI)

Die Antwort liegt in den sogenannten Offshore-Finanzmärkten. Offshore-Finanzmarkt ist ein sperriges Wort. Manche sprechen lieber von Steueroasen oder Schattenfinanzplätzen. Beide Begriffe treffen jedoch das Wesen der Sache nicht: Weder geht es ausschließlich um Steuern, noch sind die dort getätigten Bankgeschäfte notwendigerweise zwielichtig. Als offshore, also jenseits der Küste, verbuchten die britischen Banker, die in den 1950er-Jahren diese Form der internationalen Finanz erfunden haben, all jene Geschäfte, die sie mit gebietsfremden Banken und in ausländischer Währung tätigten. Offshore-Finanzdienstleistungen zeichnen sich also dadurch aus, dass sie ausschließlich gebietsfremden Banken oder Konzernen angeboten werden - in der Regel tatsächlich zu steuerlich attraktiven Bedingungen. Das wichtigste Offshore-Finanzprodukt ist der Eurobond. Er hat nichts mit den heute kontrovers diskutierten gemeinsamen Staatsanleihen der 19 Länder der Euro-Zone tun. Ein Eurobond ist eine Anleihe in US-Dollar, emittiert in einem Finanzzentrum außerhalb der USA. Der erste Eurobond wurde 1963 von einem Bankensyndikat emittiert, das von der Deutschen Bank geleitet wurde. Der US-Dollar-Kredit ging an die damals staatseigene italienische Straßenbaufirma Autostrade. Die Emission fand in Luxemburg statt.

Auch wenn sich die Offshore-Märkte seitdem stark verändert haben, das Prinzip bleibt: Globale Banken, darunter auch Europas größte Institute, vergeben in Offshore-Finanzzentren wie London, Luxemburg oder den Cayman Islands US-Dollar-Kredite an gebietsfremde Akteure. Dadurch fallen Währungsausgabe (in den USA) und Geldschöpfung (in Offshore-Finanzzentren) über Ländergrenzen hinweg auseinander. Das ist historisch einzigartig. Seit dem 17. Jahrhundert ist die Macht, Geld zu schöpfen, eigentlich zwischen der nationalen Zentralbank und den heimischen Banken geteilt. Zudem sind Offshore-Finanzmärkte quantitativ schwer zu messen. Offizielle Statistiken registrieren nicht, wo und von welcher Bank ein US-Dollar geschöpft wurde.

Der Offshore-Dollar wurde zum Zentralnervensystem der internationalen Wirtschaft

Die grenzübergreifende Trennung von Währungsausgabe und Geldschöpfung führt dazu, dass die Vergabe von Offshore-US-Dollar-Krediten jenseits staatlicher Regulierung erfolgt. Da die Kreditvergabe außerhalb der USA stattfindet, ist sie auch außerhalb ihrer gesetzlichen Reichweite. Auch die Zentralbanken in den Offshore-Zentren fühlen sich nicht zuständig.

Der unregulierte Offshore-Dollar - in Fachkreisen auch Eurodollar genannt - ist attraktiv für internationale Unternehmen und Investoren. Wenn zum Beispiel die Deutsche Bank in London Siemens Handelskredite direkt in US-Dollar gewährt, kann Siemens über Ländergrenzen hinweg Währungsschwankungen und steuerliche Belastungen im Rahmen der Exporttätigkeit minimieren. So wird internationaler Handel möglich und finanziell attraktiv. Die in den Offshore-Finanzzentren geschaffene Liquidität ist Grundlage des Wohlstands der Nationen. Der Offshore-Dollar ist zu einer Art globaler Währung, zum Zentralnervensystem der internationalen Wirtschaft geworden.

Gleichzeitig hat die Praxis der Offshore-Geldschöpfung einen Haken. Es gibt im Krisenfall keine Zentralbank, die als Kreditgeberin letzter Instanz handeln könnte. Da der Offshore-Dollar weder von der Fed noch von einer anderen Zentralbank reguliert wird, fällt niemandem diese wichtige Aufgabe zu. Dem Offshore-Dollar wohnt also ein größeres Risiko inne als dem US-Dollar. Dieses Risiko wird von den beteiligten Banken durch weitere Finanzinstrumente, zum Beispiel Rückkaufvereinbarungen und Zinsratenderivate, abgesichert. Dadurch haben sich die Offshore-Märkte nicht nur zu einem Billionensystem aufgebläht, sondern auch ursächlich zur Volatilität des internationalen Finanzsystems beigetragen.

Nötig ist eine Debatte, wie abhängig Europa vom Dollar sein sollte

Seit dem 19. März 2020 hat die Fed durch ihre kurzfristigen Kredite an ausländische Zentralbanken nun dieses Offshore-System stabilisiert. Sie leiht US-Dollar an die EZB, die diese dann den europäischen Banken, die Offshore-US-Dollar schöpfen, als Notkredit zur Verfügung stellen kann. Die gute Nachricht, die der 19. März beinhaltet, ist wichtig: Auch unter Donald Trump war die USA willens und in der Lage, inmitten einer globalen Pandemie eine globale Finanzkrise zu vermeiden - ohne politische Bedingungen. Kaum auszudenken, wo wir heute stünden, hätten sie das nicht gewollt oder gekonnt.

Gleichzeitig wirft der 19. März viele Fragen auf. Die schwierigste ist sicherlich die soziale Frage. Wie gehen wir damit um, dass der Staat in Form von Zentralbanken-Krediten erfolgreich die Finanzmärkte stabilisiert und dadurch unausweichlich die Profite von Bankeignern garantiert? Die guten Quartalszahlen der Großbanken im Jahr der Pandemie sind Ausdruck davon. Ein Kollaps des Systems ist auch keine Lösung. Vielmehr müssen wir uns nach vorn blickend fragen, wie viel Abhängigkeit vom US-Dollar für Europa sozioökonomisch sinnvoll ist, wie wir Transparenz in die Offshore-Finanzmärkte bringen und wie Geldpolitik demokratisiert werden kann. Ein erster Schritt hierzu ist, die Geldpolitik aus ihrer technischen Ecke dahin zu holen, wo sie hingehört: in die Mitte des politischen Diskurses.

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