Süddeutsche Zeitung

Fat Cat Wednesday:Top-Manager verdienen in zweieinhalb Tagen ein normales Jahresgehalt

  • Britische Top-Manager bekommen im Median 1009 Pfund in der Stunde - und haben bereits am Mittwochmittag das durchschnittliche Jahresgehalt eines britischen Arbeitnehmers verdient.
  • Aktivisten nennen den Tag, an dem diese Summe erreicht wird, "Fat Cat Wednesday" und machen auf die großen Verdienstunterschiede in Großbritannien aufmerksam.

Dicke Katzen haben eigentlich nichts Schlechtes an sich. Sie sollten in einigen Fällen vielleicht nicht noch dicker werden und haben deswegen gelegentlich auch Schwierigkeiten, sich zu putzen. Die meisten Menschen finden etwas übergewichtige Katzen jedoch eher niedlich als abstoßend. Die 33 300 Suchergebnisse auf der Video-Plattform Youtube, die unter diesem Begriff gelistet sind, sprechen für sich.

Die Briten hingegen können dicken Katzen nichts abgewinnen, zumindest nicht an diesem Mittwoch, dem 4. Januar 2017. Für sie ist heute der Fat Cat Wednesday, und auch wenn der Name lustig klingt, ist der Anlass ziemlich ernst.

Am Fat Cat Wednesday machen Aktivisten auf die anhaltende Ungleichheit zwischen den Top-Managern des Landes und der normalen Bevölkerung aufmerksam. Ein Arbeitnehmer verdient in Großbritannien im Durchschnitt etwa 28 000 Pfund brutto im Jahr, also umgerechnet etwas weniger als 33 000 Euro. Diesen Betrag haben die Manager der 100 größten börsennotierten Unternehmen des Landes bereits am Mittwochmittag verdient, nach zweieinhalb Arbeitstagen - spätestens. Das hat der Non-Profit-Thinktank "High Pay Centre" errechnet.

1009 Pfund verdient ein Top-CEO in Großbritannien pro Stunde

Die Analysten haben dafür den Median - also den Wert, der an der mittleren Stelle steht, wenn man alle Werte der Größe nach sortiert - aller CEO-Gehälter der Unternehmens des FTSE 100, also des wichtigsten britischen Aktienindex, ermittelt und diesen auf eine Arbeitsstunde heruntergerechnet. Demnach verdient ein Top-Manager 3,97 Millionen Pfund im Jahr. Angenommen, er würde zwölf Stunden am Tag arbeiten, sich nur zwölf Wochenenden im Jahr frei nehmen und zwei Wochen Urlaub machen, käme er immer noch auf ein Gehalt von 1009 Pfund pro Stunde, also umgerechnet 1186 Euro. Das durchschnittliche Stundengehalt eines Briten über 25 Jahren liegt den Berechnungen zufolge bei 7,20 Pfund (8,50 Euro), also bei einem Hundertvierzigstel (1:140).

Relevant für die Rechnung des Thinktanks war aber der Median aus den Durchschnittsverdiensten britischer Vollzeitangestellten: Dieser liegt offiziellen Zahlen der britischen Statistikbehörde zufolge im Jahr 2016 bei 28 200 Pfund. Ein britischer Manager hat also schon spätestens nach zweieinhalb Zwölf-Stunden-Arbeitstagen so viel verdient wie ein potenzieller Angestellter in einem ganzen Jahr.

In einer halben Stunde zum Jahresgehalt

Was ein Top-Manager in Großbritannien nach zweieinhalb Tagen verdient, erarbeitet sich Sir Martin Sorrell schon in der ersten halben Stunde seines neuen Arbeitsjahres: Der CEO des britischen Werbe- und Medienkonzerns WPP ist der bestbezahlte Manager in Europa und verdient dem Centre zufolge etwa 70 Millionen Euro im Jahr. Auch die CEOs der Berkeley Group, von Reckitt Benckiser und von BP mussten nur einen einzigen Tag arbeiten, um den gleichen Betrag zu verdienen. Sie machen zwischen 13 und 23 Millionen im Jahr.

Auch in Deutschland wurde vor allem im vergangenen Jahr immer wieder über Ungleichheit und die damit verbundenen Verdienstunterschiede zwischen Managern und dem Rest der Bevölkerung debattiert. Ähnliche Zahlen wie in Großbritannien werden hierzulande jedoch nicht erhoben. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass auch die Chefs der deutschen Dax-Unternehmen in den kommenden Tagen den Durchschnittslohn eines deutschen Arbeitnehmers verdient haben sollten. Dieter Zetsche, CEO von Daimler, verdiente zuletzt etwa 14,4 Millionen Euro im Jahr, Fresenius-Chef Ulf M. Schneider 13,9 Millionen und selbst Joe Kaeser von Siemens dürfte mit einem Jahresgehalt von 5,8 Millionen Euro bald mehr als der Durchschnittsarbeiter auf der Gehaltsabrechnung 2017 stehen haben.

"Wir wollen es den Leuten mit unseren Berechnungen nicht noch schwerer machen, im neuen Jahr zur Arbeit zurückzukehren, als es ohnehin schon ist", sagt Stefan Stern, Chef des High Pay Centres. "Aber der Fat Cat Wednesday ist eine wichtige Erinnerung an das anhaltende Problem der Verdienstschere in Großbritannien." Viele Briten setzen ihre Hoffnung in die neue britsche Premierministerin Theresa May, die vor dem Brexit den Frust der Briten über die Ungleichheit aufgegriffen und versprochen hatte, die britische Wirtschaft so umzugestalten, dass mehr Menschen von ihr profitieren können.

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