MeinungFamilienunternehmenDie Normalisierung der AfD in Wirtschaftskreisen ist hochgefährlich

Kommentar von Meike Schreiber, Frankfurt

Lesezeit: 2 Min.

AfD-Gegner demonstrieren vor einer Versammlungshalle, in der die AfD Baden-Württemberg ihren Landesparteitag abhielt.
AfD-Gegner demonstrieren vor einer Versammlungshalle, in der die AfD Baden-Württemberg ihren Landesparteitag abhielt. (Foto: Bernd Weißbrod/Bernd Weißbrod/dpa)

Der Verband der Familienunternehmer lädt AfD-Vertreter ein und normalisiert damit eine Partei, die selbst international als extrem gilt. Die Lobbyisten untergraben damit demokratische Prinzipien.

Ach, wie harmlos das klingt, was Marie-Christine Ostermann, Präsidentin des Verbands der Familienunternehmer, zur neuen Nähe ihres Verbands zur rechtsextremen AfD sagt. Man wolle doch nur „ins Gespräch kommen“, beteuert die Lobbyistin. Sobald man erkenne, dass AfD-Politiker unter wohlklingenden Überschriften oft wenig Substanz böten oder gar widersprüchliche Konzepte vertreten würden, schwinde die Faszination für diese Partei. Die Brandmauer, behauptet Ostermann, sei gescheitert, ganz so, als handele es sich bei dieser lediglich um ein taktisches Manöver gegen die AfD und nicht um ein demokratisches Grundprinzip: dass demokratische Parteien nicht mit Verfassungsfeinden kooperieren.

Sollte der Verband tatsächlich versucht haben, die AfD „inhaltlich zu stellen“, indem man Vertreter der Partei Anfang Oktober erstmals zu einem „Parlamentarischen Abend“ einlud, dann ist dieser Versuch gescheitert. Leif-Erik Holm, wirtschaftspolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, zeigte sich jedenfalls hocherfreut: Er sei „erstmals zu Gast“ gewesen und sofort in Gespräche verwickelt worden, ließ er sich zitieren. Nun, da der Verband die AfD nicht länger ächte, fühle er sich „angekommen in der Welt der Unternehmen“. Na, herzlichen Glückwunsch.

Man könnte jetzt einwenden: Ist dieser Verband so wichtig, der nach eigenen Angaben 6500 Unternehmen vertritt (bei drei Millionen Familienunternehmen in Deutschland)?  Doch gehören dem Verband immerhin namhafte Unternehmen wie der Schuhunternehmer Deichmann, der Logistiker Fiege oder der Gerätehersteller Miele an, die dort auch im Präsidium vertreten sind. Wenn ein solcher Verband der AfD mit Einladungen Legitimation verschafft, trägt er zur schleichenden Normalisierung einer Partei bei, deren führende Köpfe wahlweise die Nähe zum Kreml suchen oder neuerdings auch die US-Regierung mit Informationen über aus ihrer Sicht unliebsame deutsche Politiker versorgen.

Unternehmer sind für viele gesellschaftliche Vorbilder

Da hilft es wenig, wenn Ostermann betont, eine Regierungsbeteiligung der AfD lehne man selbstverständlich ab, schließlich gefährde deren Programm den Standort Deutschland. Das klingt nur noch wie ein rhetorisches Absicherungsgeschäft. Hängen bleibt: Die AfD ist für einige Unternehmer offenbar neuerdings ein Gesprächspartner. Der Frust über die amtierende Koalition mag groß sein. Und die Idee, ohne SPD werde schon alles gut in einer Welt, in der die deutsche Wirtschaft vor allem an Zöllen und China hängt, mag verführerisch sein. Doch dieser neue Kurs führt dazu, dass selbst radikalisierte Kräfte hoffähig gemacht werden. Kräfte, die inzwischen so weit rechts stehen, dass selbst andere Rechts-außen-Vertreter in Europa wie Marine Le Pen oder Giorgia Meloni offenbar nicht mit ihnen gesehen werden wollen.

Gefährlich ist diese Entwicklung auch deshalb, weil Unternehmer für viele gesellschaftliche Vorbilder sind. Man muss nicht erst die historische Verantwortung deutscher Unternehmensdynastien während des Nationalsozialismus nachlesen, um zu verstehen, welche Wirkung wirtschaftliche Akteure entfalten können. Wenn Unternehmer wie Reinhold Würth oder Topmanager wie Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing oder Evonik-Chef Christian Kullmann auch weiterhin mutig benennen, dass die AfD Deutschland schaden würde, finden ihre Worte Gehör.

Unternehmer sollten zudem bedenken, dass zwar Teile ihrer Belegschaft und Kundschaft die AfD unterstützen mögen, aber zumindest im Westen Deutschlands die große Mehrheit immer noch vehement dagegen ist. Für sie steht viel auf dem Spiel: von einer geschwächten EU über einen möglichen Nato-Austritt bis hin zu verschärftem Alltagsrassismus. Ausländische Fachkräfte müssten um ihre Sicherheit fürchten, internationale Investoren, die auf Deutschlands politische Stabilität vertrauen, würden sich abwenden und deutsche Staatsanleihen auf den Markt werfen.

Mitgliedsunternehmen, die die neue Öffnung des Verbands achselzuckend hinnehmen und sich nicht klar positionieren, tragen daher Mitverantwortung. Schweigen mag bequem sein, aber es sendet eine deutliche Botschaft.

Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Artikels hatten wir unter anderem Merck fälschlicherweise als Mitglied des Verbandes bezeichnet. Das haben wir korrigiert.

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