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Familienunternehmen:Willkommen auf dem Lande

Gemeinden jenseits der Metropolen profitieren in hohem Maße von Familienunternehmen, zeigt eine Studie. Der Mittelstand erzeugt dort wirtschaftliches Wachstum, eine gute Beschäftigungslage und eine hohe Kaufkraft.

Von Elisabeth Dostert

Wandbild der Firma sto AG in Stühlingen

Firmen wie Sto in Stühlingen werben gerne damit, dass sie in der Region verwurzelt sind, aber in die ganze Welt liefern.

(Foto: Rolf Haid/dpa)

Das K-Gebäude der Firma Sto in Stühlingen liegt an der Bundesstraße. Auf einem gelben Streifen oben an der schmalen Stirnseite steht in fetten schwarzen Buchstaben der Name Sto. Das "K" steht für Kommunikation. Das Gebäude ist eine Botschaft: Hier sitzt Sto, hier bleibt Sto. Stühlingen ist eine Kleinstadt im Landkreis Waldshut im Süden Baden-Württembergs, und Sto ist ein Weltkonzern mit gut 5500 Mitarbeitern, 1,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2019 und weltweit rund 40 Tochterfirmen. Das Unternehmen stellt Baustoffe her - Putze, Farben, Fassadenelemente und Wärmedämmung. "Wir packen Häuser warm ein", so der Pressesprecher: "Auf diesem Gebiet sind wir Weltmarktführer." Fritz Stotmeister hat die Firma 1955 gegründet. Seine Söhne Jochen und Gerd haben sie lange operativ geführt, seit gut fünf Jahren machen das angestellte Manager. Die Söhne führen die Holding, die 90 Prozent der Stammaktien hält, die Vorzugsaktien sind an der Börse notiert.

Ländliche Räume wie Waldshut mit einem hohen Anteil an Familienunternehmen sind wirtschaftlich stärker, innovativer, es werden mehr junge Menschen ausgebildet, die Arbeitslosenquote ist niedriger, die Beschäftigungslage besser und die Kaufkraft höher. Das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen hervor, welche die IW-Tochter IW Consult in Köln erstellt hat. Als ländliche Räume wurden Landkreise mit weniger als 231 Einwohner je Quadratkilometer definiert, insgesamt 215. Ländliche Räume machen 2020 knapp 80 Prozent der Fläche Deutschlands aus. 38,6 Prozent der Bevölkerung leben dort, und 39 Prozent der Unternehmen sind dort angesiedelt. "Familienunternehmen sind ein Garant dafür, dass die Menschen abseits der Metropolen gut leben können", sagt Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, laut Mitteilung. "Sie festigen den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhalt und ermöglichen gleiche Lebensverhältnisse in Stadt und Land."

Den höchsten Anteil an Familienunternehmen weist der Landkreis Roth auf

Als Familienunternehmen gelten Firmen, in denen eine Familie die Mehrheit der Entscheidungsrechte hat, sei es, weil sie die Mehrheit des Kapitals hält und/oder mindestens ein Gesellschafter die Geschäfte führt oder im Aufsichtsrat sitzt. Zwar gehören überproportional viele kleine Firmen Familien. Um die wirtschaftliche Bedeutung für eine Region zu ermitteln, wurden für die Studie aber nur Unternehmen mit 50 Mitarbeitern und mehr berücksichtigt. Bereinigt wurde die Statistik auch um Branchen, in denen es kaum Familienfirmen gibt, etwa im Gesundheits-, Bildungssektor und im Kreditwesen. Auf Basis der Datenbank der Auskunftei Creditreform und ausführlichen Recherchen in anderen Quellen wurden 35 894 Familienunternehmen ausgemacht, sie stellen etwa ein Prozent der rund 3,5 Millionen Firmen in Deutschland. Rund 14 000 sind auf dem Land zuhause, dort stellen sie 54,3 Prozent aller größeren Firmen.

Die Spannbreite ist groß. Den höchsten Anteil an Familienunternehmen weist der Landkreis Roth mit 68,1 Prozent auf, den niedrigsten Sömmerda mit 32,1 Prozent. Da die Daten zu den Anteilen bislang nur für das Jahr 2020 vorliegen, erlaubt die Studie nur einen Vergleich zwischen Regionen, aber kein Urteil über die Entwicklung innerhalb einer Region im Laufe der Jahre.

Den Familienunternehmen komme, so die Studie, eine wichtige Funktion als Arbeitgeber zu. Sie beschäftigen 2,5 Millionen der 5,7 Millionen Menschen, die in ländlichen Räumen in größeren Firmen und den betrachteten Branchen arbeiten. In Landkreisen mit einem höheren Anteil von Familienunternehmen ist die Ausbildungsquote besser, die höchste wies der Kreis Waldshut 2019 mit 6,1 Prozent auf. Der Anteil von Familienunternehmen liegt dort bei 61,4 Prozent. "Familienunternehmen sind ausbildungsstark", sagt Hanno Kempermann, einer der Studien-Autoren.

Auch für Sto ist Ausbildung wichtig. "Die Investition in die Ausbildung der jungen Generation ist eine Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft", heißt es auf der Internetseite. Über eine gemeinnützige Stiftung finanziert Sto außerhalb des Konzerns "sehr gute Auszubildende, die in wirtschaftliche Not geraten sind", damit diese ihre Ausbildung im Ausbaugewerbe, also etwa Lackierer, Maler oder Stuckateure, beenden können. Auch talentierte und in wirtschaftliche Not geratene Architektur-Studenten fördere Sto. "Wir wissen, dass unser wirtschaftlicher Erfolg ohne sie nicht möglich wäre", sagt der Sprecher.

Zwar ziehen mehr junge Menschen in Landkreise mit einem hohen Anteil an Familienunternehmen als in solche mit einem niedrigeren. Der Saldo insgesamt ist aber negativ: Es verlassen mehr Menschen im Alter von 18 bis 25 das Land als hinziehen. Den stärksten Fortzug wies 2019 der Landkreis Saale-Holzland auf, per Saldo ziehen dort 138 Personen je 1000 Einwohner weg. Es gibt auch Landkreise mit positivem Saldo, wie Marburg-Biedenkopf, Göttingen und Freising, alles Landkreise mit Universitätsstädten. Familienunternehmen wirken sich auch positiv auf die Arbeitslosenquoten aus. "Familienunternehmen schaffen es, Menschen in der Region zu halten und ihnen Arbeit zu geben", so IW-Experte Kempermann. In Landkreisen mit vielen Familienunternehmen stieg auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 2010 bis 2019 deutlich. Überdurchschnittlich hohe Zuwachsraten weisen etwa die Landkreise Erding, Harburg und Straubing-Bogen auf.

In Regionen mit vielen Familienfirmen fällt auch das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner höher aus. Das höchste Pro-Kopf-BIP in ländlichen Räumen hat der Kreis Dingolfing-Landau mit etwa 71 000 Euro. Eine der bekanntesten Firmen dort ist laut Studie der Werkzeughersteller Einhell. Schlusslicht ist der Kreis Südwestpfalz mit 16 000 Euro. Die Stiftung leitet aus der Studie vor allem eine politische Forderung ab: Der ländliche Raum müsse gestärkt werden, etwa durch den Ausbau digitaler Infrastruktur und des Verkehrswegenetzes.

© SZ vom 31.08.2020
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