Nur langsam kommt die Rezeptionistin voran. Gerade ist hier im Luxus-Familienhotel Alpenrose eine Familie aus Kanada angereist, Eltern und zwei Jungs, drei und sechs Jahre alt. Jauchzend laufen die beiden Buben umher und wollen alles gleichzeitig: rutschen, die vielen Spielgeräte testen, die Kletterwand erklimmen und ein Bad im Bällebecken nehmen. „Jeder unserer neuen Gäste bekommt eine halbstündige Hausführung, damit die Orientierung leichter fällt“, sagt Hotel-Geschäftsführer Julian Mayer.
Wäre ja auch schade, wenn die Gäste eines der vielen Angebote verpassen, weil ihnen gar nicht eingefallen wäre, danach zu fragen. Schokomasken und Maniküre für Dreijährige, zum Beispiel. Oder einen Raum, in dem sich die ganze Familie spezielle Hightech-Brillen aufsetzen kann, um Abenteuer in virtuellen Realitäten zu erleben.
Der ausgelassene Urlaubsstart der kanadischen Jungs ist Teil eines Trends: Social Media ist voll von Influencer-Eltern, die Urlaub in stylishen, voll auf Familien ausgerichteten Unterkünften bewerben. In einer Zeit, in der oft beide Elternteile zwischen Beruf und Familie jonglieren müssen, sind solche Konzepte sehr gefragt. „Familienhotels sind ein wachsender Markt“, sagt Kirsten Harms, die selbst lange für einen Reiseveranstalter gearbeitet hat und heute Hotelbetreiber berät.
Das Hotel Alpenrose, das im österreichischen Lermoos steht, gehört zu den Familux-Resorts. Das ist aber nicht der einzige Anbieter. Daneben gibt es die Kinderhotels Europa oder Kooperationen wie Famiotel mit mehr als 60 Mitgliederhotels. Allerdings sticht Familux durch seine Expansionspläne hervor. Die Brüder Julian und Florian Mayer haben das Unternehmen vor etwa zweieinhalb Jahren von ihren Eltern übernommen. Sie wollen bis 2034 mindestens zehn Hotels eröffnen oder in fester Planung haben, wenngleich sie sich auf eine kleine Zielgruppe beschränken: Familien mit Kindern und Top-Einkommen, wie Julian Mayer bei einem Videocall berichtet.

Die Geschäfte laufen gut. Obwohl zwei der bislang vier Hotels wochenlang wegen Renovierungsarbeiten geschlossen hatten, dürfte die Gruppe im abgelaufenen Jahr ihren Umsatz, der 2024 bei 110 Millionen Euro lag, erneut übertreffen. Die günstigste Übernachtung beginnt in Aktionswochen bei 450 Euro pro Nacht. Viele zahlen jedoch deutlich mehr. Eine Urlaubswoche kostet laut dem Geschäftsführer im Durchschnitt 4000 Euro netto pro Familie. Unter den Gästen: Unternehmensberater, Besitzer von Autohäusern, Privatbankiers.
Schneepiste mit Zauberteppich
Der Erfolg ist Teil einer Entwicklung im Tourismus, die Gewinner und Verlierer deutlicher trennt: Während der Luxustourismus boomt, setzen vielen Familien die stark gestiegenen Reisepreise zu. Laut Statistischem Bundesamt lebte in Deutschland im vergangenen Jahr jede fünfte Person in einem Haushalt, der sich nach eigenen Angaben keine einwöchige Urlaubsreise leisten konnte, unter Alleinerziehenden mit Kindern lag der Anteil sogar bei fast 40 Prozent.
Auch Familien aus der Mittelklasse müssen Abstriche machen. Skiurlaub beispielsweise ist laut der Tourismussoziologin Kerstin Heuwinkel für viele Familien unbezahlbar geworden, „auch für diejenigen, die es sich lange leisten konnten“. Gleichzeitig, so Heuwinkel, wächst der Luxustourismus um zehn bis 15 Prozent pro Jahr, deutlich stärker als andere Bereiche des Tourismus. Das liege zum einen an der weltweit wachsenden Zahl der Millionäre, zum anderen am hohen Stellenwert, den Urlaub als Konsumgut insgesamt eingenommen habe, schrieb die Unternehmensberatung McKinsey im vergangenen Jahr in einem Report.

Die Gäste der Alpenrose können sich Skifahren problemlos leisten und führen ihren Nachwuchs schon im Kleinkindalter an den Sport heran. Hinter dem Hotel gibt es eine kleine Schneepiste mit einem sogenannten Zauberteppich, einem Rollband, das die Kinder den flachen Hang hinaufzieht. „Dort finden unsere Windelskikurse statt“, erklärt Marketingchefin Tina Stengle, sie sind für Kinder unter vier Jahren gedacht.
Nicht nur Skifahren, auch Schwimmenlernen ist in den vergangenen Jahren für viele Familien mit geringem Einkommen zur Herausforderung geworden. Die Preise für Kurse sind stark gestiegen, die Zahl der Nichtschwimmer ebenso, klagt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). In der Alpenrose gibt es jeden Tag Einzel- und Gruppenunterricht. „Wir sind immer wieder auf der Suche nach weiteren Schwimmlehrern“, sagt Stengle, während sie am Rande eines Beckens im gut gewärmten Schwimmbad des Hotels steht.
Die Entwicklung von Familienhotels spiegelt auch die sich ändernden Bedürfnisse von Familien wider – vor allem im Luxusbereich, wo die Ressourcen da sind, um so gut wie alle Wünsche zu erfüllen. Das macht diesen Job so interessant, erzählt Stengle bei einer Hausführung. Die 45-Jährige hat bereits 2002 im Unternehmen angefangen und beobachtet die Bedürfnisse ihrer Gäste seit mehr als zwei Jahrzehnten. Jetzt klopft sie und öffnet dann die Tür zu einer 100 Quadratmeter großen Suite, die eher an eine moderne Stadtwohnung als an ein Hotelzimmer erinnert. Es gibt ein Elternschlafzimmer und ein Kinderzimmer mit drei Betten. In vielen anderen Zimmern stehen Familienbetten, 2,50 Meter breit, damit alle zusammen schlafen können. Etwa die Hälfte der angereisten Familien entspreche dem klassischen Modell: Mann, Frau, zwei Kinder. Die andere Hälfte sei diverser. „Es gibt viel mehr Patchwork-Familien als früher“, sagt Stengle. Stiefkinder kommen dazu, oft auch die Großeltern, oder die Eltern reisen mit mehreren befreundeten Familien – da braucht es viele Zimmer unterschiedlicher Größe und Preisklassen. „Familie ist ja so ein Standardbegriff, aber was sich dahinter verbirgt, ist mittlerweile sehr individuell geworden“, sagt auch Hotelexpertin Harms.
Babys werden ab dem Alter von sieben Tagen betreut
Dass man in einem Familienhotel ist, erkennt man beim Ankommen in dem kürzlich sanierten Haus allenfalls an den vielen jungen Gästen und dem Spielwarenladen direkt neben der Eingangstür. Ein etwa zweijähriges Mädchen mit dunklen Haaren und beigefarbenem Strickpulli betrachtet fasziniert ein großes Aquarium. Das steht nicht ohne Grund da, es soll die Kids beschäftigen, während die Eltern einchecken, erklärt Geschäftsführer Mayer. Wer bunte Wände, kleine Möbel oder Spielgeräte bereits in der Lobby erwartet hat, wird enttäuscht. Stattdessen: Eichenholz, viel Grau und Dunkelbraun.
Die große Bar neben dem Restaurant, von deren glänzender Decke goldene Lampenschirme baumeln, wäre auch in einem Adults-Only-Designhotel kein Fremdkörper. Ein paar Meter daneben: die „Baby Bar“, ein mit Polstern ausgekleideter Laufstall vor einer Schallschutzwand, der von einem abgerundeten Tisch aus hell gebeiztem Eichenholz umschlossen wird. Hier können Eltern ihre Kleinen krabbeln lassen, während sie selbst einen Drink zu sich nehmen. Sofern sie ihr Kind überhaupt dabeihaben. Betreuung gibt es von 8.30 bis 21 Uhr, sogar Babys können abgegeben werden, ab dem siebten Lebenstag.

Viele Eltern nutzen die Betreuungsmöglichkeiten, um ohne Kinder im Spa zu entspannen oder um Hobbys wie Skifahren oder Golfen nachzugehen. Aber das ist nicht alles. Die Zahl der Gäste, die auch im Hotel Berufliches zu erledigen haben, sei durch den Digitalisierungsschub während der Corona-Pandemie immens gestiegen, sagt Julian Mayer. Auch jetzt sitzt im Speiseraum ein junger Mann vor einem Laptop. Er kenne das ja selbst, sagt Mayer. Man müsse eben gelegentlich mal „in ein paar Teams-Meetings reinhüpfen oder E-Mails abarbeiten, sonst steht die Maschinerie potenziell still“.
Marketingchefin Stengle erzählt, kürzlich habe sie in einem anderen Hotel der Kette im Allgäu gesehen, wie ein Gast im Bademantel in der Sauna saß und mit Kopfhörern ein Meeting abgehalten habe. Sie führt in einen Raum mit Glaskuppel, in deren Mitte ein runder Kamin steht, umringt von Sitzkissen und Sesseln mit Tischen. Ein Ruhebereich nur für Erwachsene. In einer Ecke des Raumes führen zwei Glastüren zu fensterlosen, schallgeschützten Kabinen, die Gäste reservieren können, etwa für Videokonferenzen.
Vernetzung ist vielen wichtig
Auch abends bei der Weinverkostung geht’s ums Business. „Ein großer Wunsch von unseren Gästen ist es, sich untereinander connecten zu können, um für die Arbeit Netzwerke zu schaffen“, sagt Stengle. Dass Hotelgäste ins Gespräch kommen, etwa weil die Kinder zusammenspielen, habe es schon immer gegeben. Aber dass man im Urlaub darauf aus sei, für die eigene Firma Kontakte zu finden, sei relativ neu. Es ist eine Entwicklung, aus der die Hotelgruppe Kapital schlagen kann – im wahrsten Sinne des Wortes. Im Sommer dieses Jahres hat das Unternehmen das Programm „Familux Invest“ begonnen. Fünf Millionen Euro Kapital wollten die Mayers einsammeln, um neue Luxus-Chalets in Tirol zu bauen. Es brauchte nur vier Stammtische in den Hotels sowie zwei Social-Media-Posts und das Geld war zusammen, nach dreieinhalb Tagen. Die Gäste konnten 10 000 Euro, 50 000 Euro oder 100 000 Euro investieren und sich dann entweder fünf Prozent Zinsen jährlich auszahlen lassen oder acht Prozent Zinsen als Urlaubsgutscheine erhalten, die deutlich beliebtere Version. Wer 100 000 Euro investiert hat, wird einmal im Jahr zu einer Investoren-Nacht eingeladen, um sich dort mit anderen Gästen zu vernetzten, die diese Summe ebenfalls übrig hatten.

Das wichtigste Motiv, um Familienhotels zu besuchen, bleibt aber, dass es offenbar ein gut durchdachtes Konzept ist. „Viele Familien sind dankbar, wenn sie zusammen etwas erleben können, sich aber nicht selbst überlegen müssen, was sie machen wollen“, sagt Hotelberaterin Kirsten Harms. Eine ähnliche Beobachtung macht auch Stengle, die Gäste hätten eher mehr Lust, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Bei der Zusammenstellung des Programms achten sie bei Familux nun darauf, mehr gemeinsame Aktivitäten für Eltern und Kinder anzubieten, darunter Bastelnachmittage oder Pferdekutschfahrten.
Hinter Julian Mayer, das kann man beim Videocall gut erkennen, stapeln sich kleine, mit Schleifchen verzierte Pakete. Geschenke für die Gäste, sie bekommen jeweils ein Monopoly-Spiel. Statt Schlossallee und Parkstraße sind die Felder hier nach den Hotels der Gruppe oder Ausflugszielen in der Umgebung benannt. Welches Familienmitglied beim gemeinsamen Spieleabend pleitegeht oder das meiste Geld scheffelt, dürfte nicht allzu wichtig sein – wer hier mitspielt, hat bereits genug.
