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Fairer Handel:Zwölf Euro im Jahr

Ein Bananenhändler im indonesischen Tangerang ruht sich aus.

(Foto: Bay Ismoyo/AFP)

Die Konsumenten geben nur wenig für fair gehandelte Produkte aus. Die Kleinbauern brauchen mehr.

Von Caspar Dohmen, Berlin

Wer will es einem Kleinbauern verdenken, wenn er auf den fairen Handel hofft. Die Not ist groß: Rund 1,5 Milliarden Menschen leben laut der Weltbank in kleinbäuerlichen Haushalten, ein Großteil davon leidet Hunger. Bislang kann der faire Handel, der den Bauern beispielsweise einen Mindestpreis garantiert und für Gemeinschaftsprojekte eine Prämie zahlt, jedoch nur einem Bruchteil der Produzenten helfen, "vielleicht etwas mehr als der Tropfen auf den heißen Stein", sagte Heinz Fuchs, Mitarbeiter des evangelischen Hilfswerks Brot für die Welt und Aufsichtsratschef von Transfair Deutschland. Der Verein vergibt ein Siegel, mit dem Industrie und Handel dann ihre Produkte als fair vermarkten können.

Weltweit profitieren 1,6 Millionen Menschen vom fairen Handel, aus 1226 Produzentenorganisationen im Süden. Viele Bauern können jedoch nur einen geringen Teil ihrer Ernte als faire Ware verkaufen. Ein Großteil landet mangels Nachfrage über konventionelle Wege im Handel. Zwar wächst der Umsatz, allein in Deutschland im zwölften Jahr in Folge mit zweistelligen Wachstumsraten auf jetzt 978 Millionen Euro. Einen echten Einkommenseffekt spürten die Kleinbauern erst, wenn sie "20, 30 oder 40 Prozent ihrer Ernte über den fairen Handel absetzen", sagte Transfair-Geschäftsführer Dieter Overath. Um das zu erreichen, setzt der faire Handel jetzt stärker auf die Konsumenten in den Produzentenländern. Einen Anfang gab es 2010 in Südafrika, Brasilien und Kenia und andere Länder folgten, auch Indien.

Viele Kleinbauern müssen ihre Ware weiter über konventionelle Handelskanäle vertreiben

"Damit der faire Handel seine Wirkung entfalten kann, sind hohe Absätze unter Fairtrade-Bedingungen unabdingbar, sagt Rakesh Supkar, Geschäftsführer des asiatischen Produzentennetzwerkes Napp, es vertritt 220 Produzentenorganisationen mit rund 300 000 Bauern und Plantagenarbeitern. "Rund die Hälfte der Beschäftigten auf Fairtrade-Plantagen leben in Asien, vor allem auf Teeplantagen", sagt Supkar. Gerade der Absatz von Tee ist verglichen mit den Klassikern Kaffee und Bananen, aber auch mit Rosen, schwach, ebenso wie bei anderen für die Asiaten wichtigen Produkte Baumwolle oder Reis. Deswegen sollen die wachsenden Mittelschichten des Südens als Käufer gewonnen werden, die alleine in Indien schätzungsweise 300 Millionen Menschen umfasst. Dabei setzt der faire Handel nicht auf eigene Läden, wie einst in Europa mit Weltläden, sondern auf den Verkauf über den Handel.

In Indien gibt es die Waren bislang in 252 Supermärkten, vor allem in Metropolen und bei Amazon. "Wir haben auf der Verkaufsplattform eine eigene Seite", sagt Supkar. Noch sind die Umsätze niedrig: Mit 70 Produkten gab es 2014 in Indien einen Umsatz von gerade einmal 654 000 Euro. Nachdem zuletzt einige größere Markenfirmen Produkte fair gesiegelt haben, wird für dieses Jahr jedoch ein kräftiges Wachstum erwartet.

Die Organisation löst sich zunehmend von ihrem ursprünglichen Ansatz: Produzenten im Süden stellen Produkte für Konsumenten im Norden her. Das spiegelt sich auch mittlerweile in der Organisation wieder: die drei Produzentennetzwerke aus Lateinamerika, Asien und Afrika haben in allen Gremien die Hälfte der Stimmen. Noch hängen die Organisationen des fairen Handels im Süden aber von der finanziellen Förderung durch ihre Schwesterorganisationen aus Europa ab. Auch hier kam der Absatz nur langsam in Gang, gerade in Deutschland. Man habe sich jahrelang bei den Marktanteilen "im Promillebereich" bewegt, sagt Overath. Heute sind es bei Kaffee drei Prozent oder bei Schnittrosen 25 Prozent. Im Schnitt geben die Konsumenten gerade einmal zwölf Euro im Jahr für faire Waren aus.

© SZ vom 11.05.2016
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