Weltweite Störung:Was hinter dem Facebook-Ausfall steckte

Das Hauptquartier von Facebook in Menlo Park in Kalifornien.

Das Hauptquartier von Facebook in Menlo Park in Kalifornien.

(Foto: AFP)

Mehr als sechs Stunden lang verschwanden Facebook, Instagram und Whatsapp aus dem Internet. Wie es dazu kam, warum die Störung so lange anhielt - und was sich daraus lernen lässt.

Von Simon Hurtz, Berlin

Manchmal wäre es schön, einfach verschwinden zu können: Bettdecke über die Nase, Hände vor die Augen, und alle Probleme sind gelöst. Das mag für kleine Kinder funktionieren, in der Erwachsenenwelt geht das bekanntlich nicht ganz so gut, und schon zweimal nicht im Internet, wenn Millionen, ja Milliarden User das Geschehen mit Argusaugen beobachten. Mehr als sechs Stunden lang waren Facebook, Instagram und Whatsapp am Montagabend also offline, und wohl manch Manager des Tech-Giganten dürfte sich gewünscht haben, die Schwierigkeiten mit einem Knopfdruck zu beseitigen. Mittlerweile laufen die Dienste wieder. Andere Probleme des Unternehmens existieren aber weiter: So sagte am Dienstag die Whistleblowerin Frances Haugen im US-Senat aus und wiederholte ihre schweren Vorwürfe gegen den Konzern. Den technischen Ausfall immerhin hat Facebook im Laufe der Nacht in den Griff bekommen, mittlerweile ist auch klar, was dahintersteckte. Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Warum sind die Facebook-Dienste ausgefallen?

Allzu viele Details enthält der Blogeintrag, den das Unternehmen dazu gepostet hat, nicht. Man habe einen Fehler bei der Konfiguration der Router gemacht, die den Datenverkehr zwischen den Datenzentren steuern, schreibt Facebook. Deutlich ausführlicher erklärt es das Unternehmen Cloudflare, das einen Teil der Infrastruktur des Internets betreibt. Vereinfacht gesagt sind die drei Facebook-Dienste aus der Landkarte des World Wide Web verschwunden. Wenn man facebook.com in den Browser eingibt oder die Instagram-App öffnet, weist ein komplexes System aus Netzwerken und IP-Adressen den Weg. Ein Teil davon ist das sogenannte Border Gateway Protocol (BGP), eine Art Schaltzentrale des Internets. Wie in einem Telefonbuch können andere Geräte darüber nachschlagen, wo sie das Facebook-Netzwerk finden, das sie dann zu Facebook, Instagram und Whatsapp weiterleitet. Offenbar hat jemand bei Facebook versehentlich die Einträge im BGP gelöscht oder falsch verknüpft, entsprechend wurden drei der größten Kommunikationsplattformen der Welt unsichtbar.

Sind dabei Nutzerdaten abgeflossen?

Facebook sagt, dass hinter dem Ausfall kein Hackerangriff, sondern ein Fehler steckt. Man habe keine Hinweise, dass Angreifer dabei Daten erbeutet haben. Bislang gibt es keinen Anlass, an dieser Erklärung zu zweifeln.

Warum hat die Störung so lange angedauert?

Das Problem betraf nicht nur Nutzerinnen und Nutzer, sondern auch Facebook-Angestellte. Die interne Kommunikations-Plattform Workplace, Kalender und weitere Dienste fielen aus. Mitarbeiter konnten mit ihren Diensthandys nicht mehr telefonieren und keine E-Mails mehr empfangen. Einige wurden aus Bürogebäuden und Konferenzräumen ausgesperrt, weil die Zugangskarten nicht mehr funktionierten. Das betraf wohl auch Programmierer, die das Problem beheben sollten. Instagram-Chef Adam Mosseri schrieb etwa auf Twitter, es fühle sich an wie ein "snow day", die US-Variante von hitzefrei.

Wie hat sich der Ausfall ausgewirkt?

Rund drei Milliarden Menschen konnten eine Zeit lang nicht mehr über die Plattformen ihrer Wahl kommunizieren. Für die meisten Nutzerinnen und Nutzer in westlichen Ländern hält sich der Schaden in Grenzen. Dann muss das Selfie eben ein paar Stunden warten. Dringende Angelegenheiten lassen sich auch telefonisch klären. Unternehmen waren schon stärker betroffen, schließlich ist insbesondere Instagram eine wichtige Marketing-Plattform. Auch Werbetreibende, die Anzeigen auf Facebook schalten, dürften die Auswirkungen spüren. Das ist harmlos im Vergleich zu den Konsequenzen im sogenannten Globalen Süden. In manchen Ländern sind die Facebook-Dienste gleichbedeutend mit dem Internet, in Brasilien und Indien bezahlen Menschen etwa mit Whatsapp. Der Messenger ist für viele Flüchtlinge der einzige Kanal, über den sie Kontakt mit Familie und Freunden halten. Menschen in Brasilien bestellen Rezepte per Whatsapp, in Libanon werden darüber Corona-Testergebnisse verschickt. In Afghanistan verstecken sich immer noch Hunderttausende vor den Taliban und tauschen sich über Whatsapp mit ihren Verwandten aus.

Wer hat davon profitiert?

Twitter kannte am Montagabend nur ein Thema: #facebookdown, #whatsappdown und "Great Reset" dominierten die Trending Topics. Der offizielle Account @Twitter hieß "buchstäblich alle willkommen", selbst die Social-Media-Teams von Whatsapp und Instagram kommentierten unter dem Tweet - wo sollten sie auch sonst schreiben? Auch Jack Dorsey hatte seinen Spaß: "Signal is WhatsUp", schrieb der Twitter-Chef. Diese Werbung hätten die Whatsapp-Konkurrenten nicht nötig gehabt: Telegram kletterte auf den ersten Platz der App-Charts, Signal begrüßte Millionen neue Nutzerinnen und Nutzer.

Hat es schon mal einen vergleichbaren Ausfall gegeben?

Der Dienst Downdetector spricht vom größten Ausfall der Geschichte. Das bezieht sich aber lediglich auf die Anzahl der Meldungen. Je mehr Menschen online sind, desto mehr beschweren sich, wenn etwas nicht funktioniert. Tatsächlich gab es schon schwerwiegendere Störungen. Im Frühjahr 2019 waren Facebook, Instagram und Whatsapp für fast 24 Stunden offline. Auch im vergangenen Dezember, März und April gab es längere Zeit Probleme. Neben Facebook fallen auch Google, Youtube und andere Plattformen immer wieder aus, teils nur in bestimmten Regionen oder für kürzere Zeit. Das wird sich auch in Zukunft nicht verhindern lassen. Am Ende reicht ein kleiner menschlicher Fehler, und die wird es immer geben.

Was lässt sich daraus lernen?

Die globale Kommunikations-Infrastruktur liegt in der Hand weniger Konzerne. Drei Milliarden Menschen nutzen Facebooks Dienste, für viele sind die Plattformen ein Teil ihrer digitalen Identität. Facebook hat sogar noch größere Pläne. Mark Zuckerberg arbeitet am sogenannten Metaverse, einer neuen Evolutionsstufe des Internets. Ein Teil des Lebens soll sich in einem virtuellen Paralleluniversum abspielen, das sich wie ein Filter über die analoge Welt legt. In Facebooks Vorstellung steuern wir auf eine Zukunft zu, in der Menschen mit VR-Brillen, smarten Gadgets und über Avatare kommunizieren. Vielleicht wird es tatsächlich so kommen - aber der aktuelle Ausfall zeigt, dass es keine gute Idee wäre, die Kontrolle über kritische digitale Infrastruktur einem einzigen Unternehmen zu überlassen.

Zur SZ-Startseite
Facebook Files

SZ PlusExklusivFacebook Files
:Fehler im System

Drogenkartelle suchen über Facebook Auftragskiller, hier brodeln Hass und Lügen und die Erosion des politischen Diskurses: Die Whistleblowerin Frances Haugen über einen Konzern, der genau weiß, was er anrichtet - und trotzdem immer weitermacht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB