Facebook-Zahlen Zuckerberg bekommt die Quittung

Die Quartalszahlen von Facebook sind eine Zäsur, das Märchen vom hemmungslosen Aufstieg ist zu Ende. Zuckerberg muss anfangen, nachzudenken.

Kommentar von Helmut Martin-Jung

US-Unternehmer verfahren gerne - und oft erfolgreich - nach der Devise: erst machen und dann schau 'mer mal. Die Ubers, die Airbnbs und die Facebooks dieser Welt tasten sich nicht vorsichtig vorwärts, sie stellen Bedenken hintenan. Sie wollen schnell groß werden. Schließlich gilt bei diesen Plattform-Unternehmen: Der Sieger bekommt alles - oder wenigstens den größten Anteil.

Doch so zu handeln, birgt Risiken. Uber hat das schon erfahren und musste seinen raubeinigen Chef durch einen diplomatischeren ersetzen. Airbnb ist mit vielen Städten in Konflikt geraten. Und nun also Facebook.

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Märchenhaft verlief der Aufstieg des Unternehmens. Seit es immer besser gelang, Werbung zu platzieren, besonders auf Smartphones, seit die Zahl der Nutzer trotz einiger Skandale wuchs und wuchs, wurde der Konzern zur Geldmaschine: Der erst 34 Jahre alte Chef Mark Zuckerberg ist heute vielfacher Milliardär, die Zahl der Nutzer stieg auf mehr als zwei Milliarden. Seit Jahren ging es nur in eine Richtung - nach oben.

Die nun vorgestellten jüngsten Quartalszahlen von Facebook sind eine Zäsur, möglicherweise sogar ein Wendepunkt. Sie sind die verzögert zugestellte Rechnung dafür, dass Facebook nicht wie behauptet Nutzern eine Plattform bieten wollte, über die sie sich vernetzen und in Kontakt bleiben können. Das war sozusagen nur der Nebeneffekt. In erster Linie war Facebook so konzipiert, den Nutzern und sogar Nichtnutzern so viele Daten abzusaugen wie möglich. Dies dient dazu, Werbekunden möglichst treffergenaue Anzeigen anbieten zu können.

Nun aber steht Facebook von mehreren Seiten unter Druck, das zu ändern. Die vielfach zu Unrecht geschmähte Europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zwingt den Konzern, Nutzern wesentlich mehr Rechte zuzugestehen. Doch daran, wie Facebook die Umsetzung der DSGVO nutzte, um den Usern die in Europa bisher nicht verwendete Gesichtserkennung unterzujubeln, wurde deutlich, dass Facebook sich jedes Schlupflochs bedienen würde. Jedes Schlupfloch, das bewirken würde, dass die Nutzer möglichst viel von sich preisgeben.

Doch vielen EU-Bürgern wurde beim Durchgehen der Wahlmöglichkeiten zum Datenschutz offenbar bewusst, wie sehr das Unternehmen nach Daten giert. Und Facebook musste viel Geld investieren, für Imagewerbung, aber auch für die technisch-organisatorische Umsetzung der neuen Regeln.

Bereits einige Monate vorher war mit der Diskussion um die Beeinflussung der US-Wahl und mit der Debatte um ungefilterte Hass-Postings das Vertrauen in Facebook schwer erschüttert worden. Prominente, Wissenschaftler, sogar ehemalige hochrangige Mitarbeiter warnten vor dem sozialen Netzwerk. Auch dies bekommt Facebook nun zu spüren.

Denn wer so viel über seine Nutzer weiß, trägt auch Verantwortung. Es erfordert viel Vertrauen, sie einem Unternehmen zu überlassen. Wird aber dieses Vertrauen erschüttert, gerät das Geschäftsmodell des Konzerns in Gefahr.

Bei den Milliarden-Umsätzen und -Gewinnen, die Facebook immer noch macht und die nur knapp unter den Erwartungen der Analysten liegen, muss man sich zwar vor verfrühten Abgesängen hüten. Es gibt Weltregionen, in denen Facebook weiter zulegt. Insgesamt aber hat sich das Wachstum abgeschwächt. In Europa ist der Zuwachs an neuen Nutzern rückläufig. Zuckerbergs Charme-Offensive in China hat gerade einen Rückschlag erlitten. Facebook wollte dort ein Innovationszentrum eröffnen.

Facebooks gewohnte Taktik, immer gerade so weit nachzugeben, wie es der öffentliche Druck und die Politik verlangen, ist keine Strategie, die auf Dauer aufgeht. Im Internet kann man schnell aufsteigen, aber auch schnell wieder untergehen. Zuckerberg, der im Moment orientierungslos wirkt, sollte darüber nachdenken: nicht, wie er mehr und mehr Milliarden anhäufen, sondern wie er den Menschen einen besseren Dienst erweisen kann. Sonst könnten die Menschen es sich anders überlegen.

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