Soziales Netzwerk:Facebook will 10 000 neue Jobs in Europa schaffen

Der Konzern möchte mit dem "Metaverse" an einer Zukunftsvision bauen, die an Science-Fiction erinnert. Doch hinter der Ankündigung steckt auch politisches Kalkül.

Von Simon Hurtz, Berlin

Hinter Facebook liegt ein turbulenter Monat mit einigen unangenehmen Überraschungen. Also richtet der Konzern den Blick lieber in die Zukunft und versucht, Schlagzeilen zu generieren, die nichts mit Whistleblowerinnen, Ausfällen oder Regulierung zu tun haben: In den kommenden fünf Jahren will Facebook 10 000 neue Jobs in der EU schaffen, um "die Computing-Plattform der Zukunft zu bauen", schreibt Cheflobbyist Nick Clegg in einem Blogeintrag.

Damit ist das sogenannte Metaverse gemeint, das aktuelle Lieblingsthema von Facebook-Chef Mark Zuckerberg und des halben Silicon Valleys. Der Begriff stammt aus der Science-Fiction-Literatur und beschreibt ein Internet, in dem virtuelle und reale Welt verschmelzen. "Man kann sich das Metaverse als verkörpertes Internet vorstellen, in dem man Inhalte nicht nur anschaut, sondern in ihnen steckt", beschrieb es Zuckerberg kürzlich in einem Interview mit The Verge.

Facebook will Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) kombinieren, damit sich Menschen als Avatare in einem digitalen Raum begegnen und miteinander interagieren können. Was nach einer abgedrehten Zukunftsvision klingt, ist längst Realität. Vor fast 20 Jahren galt das virtuelle Paralleluniversum "Second Life" als das nächste große Ding, die Hoffnungen endeten jedoch in einer Nische. Derzeit kann man an der Roblox-Plattform und dem Videospiel Fortnite sehen, wie das Metaverse funktionieren könnte: Teenager hängen dort gemeinsam ab, Popstars geben Konzerte vor Millionen Fans, und Investoren wetten mit vielen Milliarden Dollar, dass die Zeit jetzt reif ist.

Davon ist auch Zuckerberg überzeugt: Künftig werde Facebook nicht mehr vorrangig als Social-Media-Betreiber angesehen werden, sondern als ein Metaverse-Konzern. Er glaubt, dass sich diese Entwicklung bereits in den kommenden fünf Jahren vollziehen werde - also genau jenem Zeitraum, in dem die Arbeitsplätze entstehen sollen. Bislang sei nicht bekannt, an welchen Standorten Facebook wie viel investieren wird, sagte ein Sprecher auf Nachfrage. Deutschland soll aber eines der Länder sein und wird im Blogeintrag mehrfach genannt.

"VR mit Werbung, die man nicht wegklicken kann"

In seiner Ankündigung betont Facebook auch, das Metaverse sei "nichts, was ein einziges Unternehmen allein besitzen oder betreiben wird". Die neue Plattform solle genauso offen und interoperabel sein wie das Internet. Das ist eine mutige Ansage für einen Konzern, der wie kaum ein anderer dazu beigetragen hat, das einst offene Netz in eine Ansammlung geschlossener Plattformen und Ökosysteme zu verwandeln. Im Gegensatz zu Apple und Google besitzt Facebook aber kein mobiles Betriebssystem, also setzt Zuckerberg seine Hoffnungen aufs Metaverse.

Facebook dürfte mit seiner Beteuerung Bedenken von Politik und Kartellbehörden zerstreuen wollen, die ihre alten Fehler nicht wiederholen möchten: Jahrzehntelang haben Staaten hilflos zugesehen, wie eine Handvoll Konzerne das Internet in einen lukrativen Werbemarktplatz verwandelten. Nun haben sie eine neue Chance, über vernünftige Regulierung nachzudenken, bevor sich die Vorhersage der Autorin Wendy Liu bewahrheitet, die das Metaverse so erklärt: "Virtual Reality mit Werbung, die man nicht wegklicken kann."

Da trifft es sich gut, dass Facebook nun in Europa investieren möchte. In den USA sind sich Demokraten und Republikaner nur darin einig, dass sie Facebook verabscheuen, darüber hinaus besteht kaum eine gemeinsame Grundlage für Regulierung. Dagegen arbeitet das EU-Parlament an einem recht konkreten Gesetzespaket, das die Macht der Tech-Plattformen begrenzen soll. Wohl nicht ganz zufällig wollen neben Facebook auch Amazon, Google und Microsoft in Europa investieren. Bis die Regulierungspläne der EU Realität werden, werden die Lobbyisten der Tech-Konzerne in Brüssel versuchen, allzu scharfe Gesetze zu verhindern - 10 000 neue Jobs könnten dabei ein gutes Argument sein.

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