Kryptowährung "Libra" Was hinter Facebooks "Weltwährung" steckt

Facebook-Chef Mark Zuckerberg will mit der neuen Kryptowährung Libra die Nutzer noch stärker an seine Plattform binden.

(Foto: Justin Sullivan/AFP)

Mit dem "Libra" will Facebook das Bezahlen vereinfachen und Nutzer noch stärker an sich binden. Manche Experten sehen gravierende Gefahren für das Finanzsystem. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Victor Gojdka

Facebook hat die ersten Details der Kryptowährung Libra vorgestellt. Damit sollen sich Menschen in Sekundenschnelle Geld senden oder einkaufen können - alles mit nur wenigen Wischs auf dem Smartphone. Am Dienstag hat Facebook nun die ersten Details zu Libra vorgestellt. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Wie werden Nutzer die Digitalwährung einsetzen können?

Mit Libra sollen sich Internetnutzer von 2020 an Geld hin- und hersenden können. Das soll für sie so einfach werden "wie das Senden einer SMS", verspricht der Techkonzern. Er will die Kryptowährung in die Messenger-App von Facebook und die Tochterplattform Whatsapp integrieren. Aber auch, wer nicht Mitglied dieser Plattformen ist, wird Zugang zur neuen Kryptowährung bekommen können. Ein Tochterunternehmen von Facebook soll dafür eine digitale Brieftasche namens Calibra entwickeln, auf die potenzielle Nutzer auch ohne Facebook-Account zugreifen können sollen.

Was kann man damit bezahlen?

Zum einen sollen sich Nutzer selbst privat Geld senden können, wie bei einer klassischen Überweisung. Vermutlich dürften Nutzer mit Libra aber auch Unternehmen bezahlen können. Facebook hat zum Beispiel den Fahrdienst-Vermittler Uber oder die Auktionsplattform Ebay als Gründungsmitglieder eines Konsortiums für die Digitalwährung gewonnen. "Sie dürften dann irgendwann auch Zahlungen in Libra akzeptieren", sagt Finanzprofessor und Kryptoexperte Volker Brühl vom Center for Financial Studies. Erklärtermaßen soll die Kryptowährung aber vor allem Menschen in Entwicklungsländern das Leben einfacher machen: Wenn Verwandte aus der westlichen Welt Geld dorthin überweisen, kostet das oft sehr viel. Überweisungen mit Libra sollen niedrige bis gar keine Kosten verursachen. Das ist auch für Menschen in westlichen Ländern interessant, die über Dienste wie Paypal oder Western Union bei Auslandstransfers oft hohe Gebühren zahlen.

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Wie kann ich dann Libra-Coins kaufen?

Wie genau Euro, Dollar oder Yen in digitale Libra-Coins getauscht werden können, wissen auch Experten noch nicht bis ins letzte Detail. Wahrscheinlich ist jedoch, dass man von einem herkömmlichen Bankkonto Geld an die digitale Facebook-Brieftasche namens Calibra überweisen kann und sein Geld so umtauschen kann. Da auch die Krypto-Handelsplattform Coinbase Mitglied des Gründerkonsortiums ist, wird man wohl auch bei ihr klassische Währungen in Libra tauschen können. Inwiefern Nutzer Libra auch mit Bargeld beispielsweise an speziellen Automaten kaufen können, ist derzeit unklar.

Wie funktioniert eine Überweisung?

Ihre Libra-Digitalmünzen werden Nutzer in einer digitalen Brieftasche, einem sogenannten Wallet, halten können. Das funktioniert wie eine App auf dem Handy. Von dort aus sollen sie Geld mit wenigen Klicks an Kontakte versenden können. Facebook will dieses digitale Portemonnaie in seine Dienste Messenger und Whatsapp integrieren. Auch anderen Anbietern soll es freistehen, Nutzern mit ihren eigenen digitalen Portemonnaies Zugang zu Libra zu schaffen. Technisch soll die Überweisung über ein technisches Netzwerk namens Blockchain von A nach B gelangen. "Ein Konsortium mit Sitz in der Schweiz soll die Libra-Blockchain betreiben", sagt Kryptoexperte Gilbert Fridgen von der Universität Bayreuth. Dieser Assoziation haben sich neben einem Facebook-Tocherunternehmen derzeit 27 andere Unternehmen angeschlossen, darunter Finanzgiganten wie Visa und Mastercard, Uber und Ebay, Vodafone und verschiedene Risikokapitalgeber. Experten vermuten, dass die Libra-Blockchain etwa tausend Transaktionen pro Sekunde verarbeiten können wird.

Bitcoin und andere Kryptowährungen schwanken stark im Wert. Ist das nicht ein Nachteil aller Kryptowährungen?

Für viele Kryptowährungen trifft der Einwand zu, sie schießen oft ohne nachvollziehbare Gründe im Wert heftig nach oben oder unten. Das schreckt viele private Nutzer ab. "Facebook allerdings will mit Libra eine stabile Kryptowährung schaffen", sagt Experte Volker Brühl, also einen sogenannten Stablecoin.

Libra soll durch eine sogenannte Reserve gedeckt sein. Diese Reserve soll aus sicheren Bankeinlagen und kurzlaufenden Staatsanleihen bestehen. Immer wenn Nutzer neue Libra-Münzen kaufen, soll das herkömmliche Geld eins zu eins in diese Reserve wandern. Das soll Vertrauen in die entstehende Kryptowährung schaffen. Die Bankeinlagen wollen die Organisatoren der Reserve regional verteilt und in unterschiedlichen Währungen anlegen. Wichtig ist für Libra, dass diese Währungen stabil und leicht handelbar sind. Vermutlich dürfte das Geld also in Währungen wie Dollar, Euro und Yen wandern. Damit der Wert eines Libra-Coins immer dem Wert der Reserve folgt, müssen die Macher hinter der Kryptowährung bei mehr Nachfrage nach Libra neue Digitalmünzen schaffen. Andersherum müssen sie Libra-Münzen einziehen und vernichten, wenn Nutzer ihre Libra-Münzen wieder in Dollar, Euro oder Yen zurücktauschen. Nur so bliebe die Währung mehr oder minder stabil.

Das heißt, der Kurs verändert sich dann gar nicht?

So einfach ist es nicht. Libra legt seine Anlagen schließlich in unterschiedlichen Währungen an. Würde Libra in Euro, Dollar, Yen und Schweizer Franken anlegen, wäre der Kurs zwar relativ stabil. Aber für Anleger in Deutschland hätten die Wechselkursschwankungen von Dollar, Yen und Franken gegenüber dem Euro trotzdem Folgen.

Greift Facebook nun neben meinen sonstigen Daten auch noch meine Zahlungsdaten ab?

Wenn Geld in der Libra-Blockchain von A nach B wandert, sollen die Transaktionen unter Pseudonym abgewickelt werden können. Da ließe sich also kaum etwas abgreifen. Anders sieht es jedoch an den Zugangstoren zur Libra-Blockchain aus, den digitalen Brieftaschen (Wallets). Hier erteilen Kunden schließlich die Überweisungsaufträge - und hier fallen Daten an. Bei seiner eigenen als Tochterunternehmen geplanten Wallet Calibra verspricht Facebook, dass diese keine Kontoinformationen oder Finanzdaten mit dem Mutterkonzern teilt, zumindest nicht ohne Zustimmung des Kunden. Der Haken: Wenn Nutzer besonders leicht Geld versenden wollen und ihre Facebook-Freundesliste in das digitale Portemonnaie importieren wollen, müssen sie auch einem Datenimport zustimmen. Calibra behält sich außerdem vor, Informationen zu teilen, um Betrug oder Sicherheitsgefahren abzuwenden. Auch staatliche Behörden sollen im Zweifel Zugang zu den Daten erhalten.

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Ist Libra nicht ein Traum für Geldwäscher?

Bei Kryptowährungen liegt dieser Verdacht schnell nahe. Doch das Tor zur Blockchain - also die Calibra-Wallet - soll Geldwäsche vorbeugen: Wenn Kunden sich dort anmelden, müssen sie sich mit ihrem Ausweis registrieren, ihr Risikoprofil offenlegen und Geldwäschechecks durchlaufen. "Ich gehe davon aus, dass weitreichende Einschränkungen und Geldwäschevorkehrungen getroffen werden", sagt Krypto-Experte Fabian Schär von der Uni Basel.

Wird Libra zur Gefahr für unser Finanzsystem?

Manche Experten sehen gravierende Gefahren von dem Digitalgeld ausgehen. Sollten in Zukunft Milliarden Menschen damit im Alltag zahlen, könnten etablierte Finanzinstitutionen Probleme bekommen. "Das kann zu einer Gefahr für die Notenbanken werden", sagt Fabian Schär. Zinspolitik zum Beispiel könnte schwieriger umzusetzen sein, wenn viele Bürger nicht mehr nur Euro halten, sondern auch viel Libra. Frankreichs Finanzminister Bruno LeMaire gab bereits Folgendes zu Protokoll: Dass Libra eine eigene Währung werde, "kann und darf nicht passieren". Auch an der Währungsreserve des Libra-Konsortiums könnten sich etablierte Zentralbanker stoßen. "Die Assoziation übernimmt damit de facto zentralbankähnliche Aufgaben", sagt Experte Volker Brühl. Neben Notenbanken könnten sich auch schwächelnde Banken sorgen. Denn Kunden könnten ihre Einlagen dort abziehen und in den Libra-Coin schieben, sofern sie ihn für sicherer halten. Dies sind jedoch Extremszenarien. Andere Experten vermuten, dass der Libra-Coin wohl nur in Entwicklungsländern eine relevante Zahl an Nutzern erhalten wird. Das weltweite Finanzsystem würde das dann kaum tangieren.

Wie will Facebook mit Libra Geld verdienen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man stark zwischen den Zeilen lesen. Einmal will Facebook an den Zinsen verdienen, die die Bankeinlagen der Währungsreserve hinter Libra bringen. "Denn es ist ja kein Wohltätigkeitsunternehmen", sagt Experte Fridgen. Denn das Geld wird schließlich in normalen Bankeinlagen oder in Staatsanleihen geparkt. Die Zinsen würden Facebook allerdings nicht alleine zufließen, sondern auch dem Konsortium in der Schweiz und den daran beteiligten Unternehmen. Sie würden sich die Zinseinnahmen dann teilen und einen Teil auch in die Entwicklung von Libra investieren. Fraglich ist auch, wie viel Zinsen bei dem Projekt überhaupt abfallen. Gerade kurzlaufende Staatsanleihen von vielen sicheren Staaten sind aktuell ein Minusgeschäft und auch Bankeinlagen bringen nicht immer viele Zinsen. Da die Transaktionsgebühren für die Kunden nahe null sein sollen, kann Facebook auch hier nicht wirklich zulangen. Am Ende dürfte es um eine ganz andere Rechnung gehen: Nutzer dürften sich wieder häufiger bei Facebook und im Messenger blicken lassen, wenn sie dort auch bezahlen können. Das wiederum würde das Anzeigengeschäft von Facebook beflügeln. Zudem könnte Facebook Nutzern mittelfristig auch andere Finanzdienstleistungen wie Vermögensverwaltung oder Kredite anbieten - und dafür Geld verlangen.

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