Facebook drängt an die Börse Jenseits von Gut und Böse

Einst ging es darum, Noten für die schönsten Mädchen auf dem Campus zu vergeben - mittlerweile nutzen 800 Millionen Menschen weltweit Facebook. Nun will das Unternehmen an den Aktienmarkt. Der angestrebte Börsenwert steht allerdings in einem geradezu bizarren Verhältnis zum Gewinn von Facebook.

Von Varinia Bernau

Facebook macht offenbar ernst: In dieser Woche will das Internetunternehmen bei der US-Aufsichtsbehörde SEC die Unterlagen für einen Börsengang einreichen. Das berichten mehrere US-Medien. Dem Vernehmen nach strebt Facebook eine Bewertung von bis zu 100 Milliarden Dollar an. Sollte dies gelingen, so wäre das soziale Netzwerk etwa so viel wert wie alle börsennotierten Firmen des an Erdöl reichen Saudi-Arabiens zusammen. Üblicherweise dauert es drei Monate, bis aus einem eingereichten Börsenplan Wirklichkeit wird.

Börsenwerte von Technologieunternehmen im Überblick.

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In den ersten neun Monaten des vorigen Jahres hat Facebook einem Papier für mögliche Investoren zufolge einen Gewinn von 355 Millionen Dollar gemacht. Selbst wenn das Unternehmen diesen verdoppeln würde, wäre der Börsenwert mehr als 100-mal größer als der Gewinn. Nicht einmal die schlimmsten Aufschneider während der Euphorie der New Economy hatten behauptet, solch ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zu erreichen. Zum Vergleich: Das höchste KGV im Dax hat derzeit Beiersdorf mit rund 23.

Größter Börsengang eines Technologieunternehmens

Internetunternehmen werden von Investoren umschwärmt: Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge wagten sich im vergangenen Jahr 19 Internetfirmen an die Börse und sammelten dort insgesamt 6,6 Milliarden Dollar - so viel wie seit dem Platzen der Dotcom-Blase vor zehn Jahren nicht mehr. Facebook würde sich in eine Reihe mit dem Karrierenetzwerk Linked-In, dem Spieleentwickler Zynga und dem Schnäppchendienst Groupon stellen - und doch von der Dimension des Börsengangs alle übertreffen. Sollte es Facebook gelingen, ein Zehntel seiner Aktien zu platzieren - es wäre der größte Börsengang eines Technologieunternehmens.

Bislang hält der Chiphersteller Infineon diesen Rekord. Die Münchner sammelten 5,23 Milliarden Dollar ein, als sie 1999 an die Börse in New York und Frankfurt gingen. Kurz darauf platzte die New-Economy-Blase. Vier Jahre sollte es dauern, ehe die Werte wieder in die Milliarden gingen: Der Suchmaschinenbetreiber Google brachte im April 2004 seine Anteile auf den Markt und nahm dabei etwa 1,9 Milliarden Dollar ein. Es war der bisher größte Börsengang eines Internetunternehmens. Und es ist die Marke, an der sich Facebook messen lassen muss. Derzeit ist Google 187 Milliarden Dollar wert.

Sieben Jahre ist es her, dass Mark Zuckerberg das soziale Netzwerk in einem Zimmer der Universität Harvard ausgeheckt hat. Einst ging es darum, Noten für die schönsten Mädchen auf dem Campus zu vergeben. Heute nutzen 800 Millionen Menschen weltweit die Plattform - der Privatmann sucht den Kontakt mit alten Schulfreunden, der Geschäftsmann den zu seinen Kunden. "Facebook ist längst mehr als ein Ort, an dem Fotos gepostet werden.

Unser Erfolg bedeutet Wachstum - und zwar quer über alle Wirtschaftszweige", sagte Sheryl Sandberg kürzlich der Süddeutschen Zeitung. Sie verantwortet bei dem Unternehmen aus dem Silicon Valley das Tagesgeschäft - und betonte im Gespräch mit der SZ den Beitrag, den Facebook in der aktuellen Krise zum wirtschaftlichen Aufschwung leisten kann: Über Facebook erhielten Unternehmer einen direkten Draht zu ihren Kunden. "Erstmals wissen Firmen, was ihre Kunden wollen - und zwar bevor die an der Kasse bezahlen." In Europa hätten Unternehmen über Facebook einen Mehrwert von bis zu 15,3 Milliarden Euro und 230 000 Jobs geschaffen.

Sandberg versucht so auch die Zweifel von Datenschützern zu zerstreuen: Erst vor wenigen Tagen hat Facebook angekündigt, eine Art Lebenschronik für seine Mitglieder zur Pflicht zu machen und damit einmal mehr Kritik auf sich gezogen. Mit der Chronik will das Netzwerk seine Nutzer enger an sich binden - und sie noch besser kennenlernen. Wer erst einmal eine Chronik angelegt hat, so das Kalkül, wird sich in Zukunft zweimal überlegen, ob er sie löscht. Zudem ermuntert Facebook die Menschen, auch Erlebtes aus der Vor-Facebook-Ära preiszugeben.

All dies sind Argumente, die das US-Unternehmen bei seinen Werbekunden geltend machen kann, um noch mehr für Anzeigen zu verlangen. Und all dies bringt dem Unternehmen auch Ärger mit Datenschützern: Sie fürchten, dass der Nutzer von Facebook so immer mehr zu einem gläsernen Menschen wird. Und sie zweifeln an den Bekenntnissen des Unternehmens, all die Daten nicht dauerhaft zu speichern. Auch gab es immer wieder technische Pannen bei Facebook. Im vergangenen Dezember gerieten so private Schnappschüsse von Mark Zuckerberg an die Öffentlichkeit.