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Facebook:Angriff auf die Sammler

Facebook soll wegen seiner Datenschutzskandale eine Milliardenstrafe an die US-Verbraucherbehörde zahlen. Groß belasten dürfte dies den milliardenschweren Konzern aber kaum.

Women looking at their phones in changing room

Tippen statt sprechen: Junge Menschen kommunizieren lieber per Smartphone und tauschen sich über soziale Netzwerke wie Facebook aus.

(Foto: Taxi/Getty Images)

Etwas Vergleichbares hatte es davor noch nie gegeben: Eine dubiose Firma aus Großbritannien, die über Umwege an höchst persönliche Daten von 87 Millionen Menschen gekommen war, setzte diese in Wahlkämpfen ein - auch für den von Donald Trump. Die Quelle der Daten: das soziale Netzwerk Facebook. Sogar in den USA, wo der Datenschutz eine weitaus geringere Rolle spielt als in Europa, hat das einen Skandal verursacht. Und nun auch Konsequenzen. Die Federal Trade Commission (FTC), das ist die US-Verbraucherschutzbehörde, einigte sich mit Facebook auf ein Bußgeld von rund fünf Milliarden Dollar - bei weitem das höchste, das in den USA jemals gegen einen Technologiekonzern verhängt wurde. Das Justizministerium muss dem zwar noch offiziell zustimmen, dies gilt aber als wahrscheinlich.

Sollte es so kommen, würde sich damit auch eine gestiegene Bereitschaft der US-Regierung zeigen, gegen die Macht der Technologiekonzerne vorzugehen. Präsident Donald Trump, in dessen eigenem Wahlkampf die gesammelten Daten benutzt wurden, ist nicht besonders gut auf die Konzerne zu sprechen, weil er sich von ihnen unfair behandelt fühlt. Während Trump Regulierung in anderen Bereichen eher zurückgefahren hat, würde die Rekordstrafe einen neuen Maßstab beim Umgang mit Verfehlungen von Technologieunternehmen setzen. Milliardenstrafen gegen Tech-Konzerne, das kennt man bisher nur aus Europa, wo unter der Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager allein der Internetkonzern Google schon knapp sieben Milliarden Euro an Bußgeld zahlen musste. In den USA war die höchste Strafzahlung vor der Facebook-Einigung nur 22 Millionen Dollar gewesen, auch sie richtete sich gegen Google. Wie die New York Times aus Teilnehmerkreisen erfuhr, fiel die Entscheidung in der FTC zugunsten des Deals mit Facebook allerdings knapp aus. In geheimer Abstimmung sollen sich demnach drei Mitglieder für den Deal, zwei dagegen ausgesprochen haben. Die unterlegenen Mitglieder waren jedoch nicht gegen eine Bestrafung von Facebook, sondern fanden den ausgehandelten Kompromiss im Gegenteil zu milde. Er verpflichtet Facebook nicht nur dazu, die Strafe zu zahlen, sondern schreibt dem Konzern auch vor, genauer anzugeben, wie er mit den Daten seiner Nutzer umgeht. Facebook gelang es aber offenbar, größere Einschränkungen zu vermeiden, was das Sammeln von Daten und das Teilen mit Drittanbietern angeht.

Die Demokraten monieren, dass der Deal nicht weit genug gehe

Letzteres, der Umgang mit Drittanbietern, hatte den Skandal um die britische Firma Cambridge Analytica ausgelöst. Ausgangspunkt war eine App namens "This isyourdigitallife" (Dies ist ihr digitales Leben). Ein Assistenzprofessor für Psychologie an der Universität in Cambridge, Aleksandr Kogan, hatte die App für seine Firma Global Science Research entwickelt. Ihr einziger Zweck: Daten von möglichst vielen Menschen zu sammeln. Über eine Schnittstelle für Drittanbieter war dies damals über Facebook sehr einfach möglich. Facebook gibt an, Kogan habe behauptet, die Daten für wissenschaftliche Zwecke zu sammeln. In Wirklichkeit gingen sie aber auch an Firmen wie Cambridge Analytica, die sie benutzten, um sehr spitze Zielgruppen zu bilden, die gezielt auf sie zugeschnittener Werbung ausgesetzt wurden. Im Fachjargon wird dies als Microtargeting bezeichnet. Die Zielgruppen wurden mithilfe von psychologischen Persönlichkeitsprofilen gebildet, die aus den Daten von Kogans App stammten. Die App wurde von 270 000 Amerikanern genutzt, das Schlimme aber war, dass es Facebook erlaubte, auch die Daten von Freunden der App-Nutzer abzuschöpfen. Auch wer die App gar nicht selbst nutze, aber mit einem der Nutzer befreundet war, wurde somit zum Opfer des Skandals. So kam es zu der hohen Zahl von 87 Millionen Profilen.

Es handelt sich also nicht um ein Datenleck, etwa durch eine Attacke auf Facebook. Vielmehr war es ganz offiziell vorgesehen, dass die Daten über eine Schnittstelle abfließen konnten. Und - das ist der Hauptvorwurf gegen Facebook - was dann damit geschah, habe Facebook viel zu lax kontrolliert. Zwar hatte das soziale Netzwerk untersagt, dass Daten weitergegeben werden dürften, überprüfte das allerdings nicht wirksam. Während von republikanischer Seite wenig zu hören ist, beklagen viele Demokraten, dass der Deal nicht weit genug gehe. Eine ernstzunehmende Regulierung von Facebook hätte auch strukturelle Reformen umfassen müssen, sagte der demokratische Senator Richard Blumenthal aus Connecticut. So aber werde der Welt signalisiert, dass der Datenschutz in den USA ein Papiertiger sei.

Das Geschäftsmodell, möglichst genaue Nutzerprofile anzubieten, bleibt wohl bestehen

Allerdings ist die Sache für Facebook noch nicht ausgestanden. Der Generalstaatsanwalt des District of Columbia, Karl Racine, hat gegen Facebook im Dezember 2018 wegen des Cambridge-Analytica-Falls Klage erhoben. In Deutschland geht das Bundeskartellamt gegen Facebook vor. Facebook wird das Bußgeld von fünf Milliarden Dollar, mit dem schon länger gerechnet wurde, kein allzu großes Kopfzerbrechen bereiten. Der Umsatz im ersten Quartal betrug knapp 15 Milliarden Dollar, außerdem verfügt der Konzern über Barreserven von 40 Milliarden Dollar. Wichtiger ist, dass durch die Entscheidung das Geschäftsmodell des Konzerns, möglichst genaue Nutzerprofile für Werbetreibende anzubieten, weitgehend unangetastet bleibt. Auch von der oft erhobenen Forderung, die zu Facebook gehörenden Unternehmen Whatsapp und Instagram abzuspalten, war nichts zu hören. Der Aktienkurs von Facebook stieg nach Bekanntwerden der Nachricht deutlich an.