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Ökonomie:Da hinten ist noch was im Regal

Fabian Waldinger

"Ich bin oft zufällig auf Quellen gestoßen", sagt Fabian Waldinger.

(Foto: oH)

Fabian Waldinger geht mit Geschichtsbüchern und einer Kamera in die Archive - und wandelt historische Fundstücke in erstaunliche ökonomische Erkenntnisse um.

Von Bastian Brinkmann, München

Wer in Berkeley die höchste Ehre der Wissenschaft bekommt, erhält einen kostenlosen Parkplatz obendrauf. Die sind dann reserviert für "NL", Nobelpreisträger heißen im Englischen Nobel Laureates. 2006 hat Fabian Waldinger, heute 42, diese Parkplätze zum ersten Mal gesehen, während seiner Doktorandenzeit verbrachte er ein Forschungsjahr an der kalifornischen Universität. Nach Feierabend, wenn es den in der Wissenschaft überhaupt gibt, las er dort Geschichtsbücher und stieß auf 20 Nobelpreisträger in den USA, die zuvor aus Nazi-Deutschland vertrieben worden waren. Die Parkplätze und das furchtbarste Kapitel der deutschen Geschichte verbanden sich zu einer Frage: Hat die Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus Deutschland langfristigen Einfluss auf die Qualität der Wissenschaft, die sich symbolisch auch in an- oder abwesenden Ehrenparkplätzen zeigt?

Waldingers Forschung zeigt, dass sich solche Effekte statistisch belegen lassen. Dass Jüdinnen und Juden nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr Know-how ins Ausland retteten, hat er in mehreren Studien gezeigt, beispielsweise stieg die Zahl der US-Patente in der Chemie. Erschienen sind seine Arbeiten in den wichtigsten Wissenschaftsjournalen der Ökonomie. Wer darin publiziert, macht Karriere, so auch Waldinger. Er bekam die sogenannte Tenure in England, wäre also dort Professor geworden, wechselte dann 2018 als Professor nach München, arbeitet nun am Seminar für Innovationsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität. Diese Woche bekommt Waldinger den Hermann-Heinrich-Gossen-Preis des Vereins für Socialpolitik, das ist die Vereinigung der deutschen Ökonominnen und Ökonomen. Mit diesem Preis zeichnet der Verein Forschende unter 45 Jahren aus und will die Internationalisierung der deutschsprachigen Wirtschaftswissenschaften fördern.

Das passt zu Waldinger. Er studierte zwei Jahre in Deutschland, wechselte dann an die London School of Economics - für ein Jahr, wie er damals dachte. Es wurden 18 Jahre im angelsächsischen Ausland, bis er wieder nach Deutschland zurückkehrte. In London wurde sein Interesse an der empirischen Forschung geweckt, die sich auf Daten und Statistik stützt. Das Interesse an Geschichte brachte er mit, das Fach war neben Mathematik sein Leistungskurs im Gymnasium.

"Ich erlaube mir immer auch Zeit, ein paar Regale nebenan durchzuschauen."

Bei einem Forschungsaufenthalt in Harvard fand er im vierten Kellergeschoss Wissenschaftszeitschriften von vor hundert Jahren und blätterte aus Neugier darin. Weil die damals natürlich nicht per E-Mail, sondern per Post verschickt wurden, trugen sie Eingangsstempel. Diese Termine nutze er, um zu zeigen, dass nach dem Ersten Weltkrieg die Wissenschaftler der besiegten Mittelmächte später und seltener die internationalen Wissenschaftsergebnisse zu lesen bekamen - und daher die dortige Forschung schlechter wurde. Dabei wollte Waldinger damals im Harvard-Archiv eigentlich etwas ganz anderes suchen, aber: "Ich erlaube mir immer auch Zeit, ein paar Regale nebenan durchzuschauen." Seine Fundstücke nennt er "koordinierte Zufälle", er steigt ja nicht völlig ahnungslos in den Keller, und dann braucht es immer auch ein bisschen Glück, weiß Waldinger.

Findet er spannende Archivseiten, fotografiert Waldinger sie ab, die Kamera klemmt im Stativ. Die Technik hilft, die Fotos in Daten zu übertragen, die Statistikprogramme am Computer lesen können, aber menschliche Augen müssen vorher noch mal alles kontrollieren. Auf Waldingers Festplatte warten noch Zehntausende Aufnahmen darauf, analysiert zu werden. Bei aller Liebe zur Digitalisierung sind in seinen Vorlesungen übrigens Smartphones und Laptops verboten - der Konzentration zuliebe.

© SZ
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