Zinswende:Geldgeschenke für Banken

Lesezeit: 3 min

Sitz der EZB in Frankfurt

Die EZB hatte den Banken großzügige Freibeträge eingeräumt, damit sie die Negativzinsen nicht an ihre Kunden weitergeben müssen. Die Banken taten es trotzdem.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Lange jammerten die Banken über die niedrige Zinsen. Da die steigen sollen, würden die Banken als erste profitieren und zwar enorm.

Von Meike Schreiber und Markus Zydra, Frankfurt

Die jüngste Entscheidung der Europäischen Zentralbank, den Leitzins im Juli erstmals nach elf Jahren wieder zu erhöhen, hat Reaktionen aller Art ausgelöst: Verbraucher, die unter der hohen Inflation leiden, fragen sich, warum die EZB so lange mit der Zinserhöhung wartet. Andere befürchten, dass die teureren Kredite die Wirtschaft in Bedrängnis bringen. Doch eine Gruppe durfte sich freuen: Die europäischen Banken und Sparkassen. Sie könnten bei ihren Kreditgeschäften mit der EZB nun viele Milliarden zusätzlich verdienen.

Die Sache ist im Detail sehr kompliziert. Hintergrund ist ein spezielles Kreditprogramm der EZB für den Bankensektor nach Ausbruch der Covid-Krise. Es trägt den Namen TLTRO 3 und hat einen wunderbaren Nebeneffekt: Die Institute bekommen Geld quasi geschenkt. Und das geht so: Wenn die Bank X von der EZB einen Kredit in Höhe von einer Million Euro erhält, braucht sie nach Ablauf der Laufzeit nur 990 000 Euro zurückzahlen. Ein Abschlag von einem Prozent. Einzige Bedingung: Die Bank musste den Betrag in gleicher Höhe an Unternehmen weiterverleihen. So wollte die EZB die Wirtschaft ankurbeln und sicherstellen, dass die Firmen genug Liquidität erhielten.

Nun, da die Leitzinsen steigen werden, erhöht sich die Marge für die Banken. Je nachdem, wie schnell und kräftig die Zinsen steigen, können Europas Banken - garantiert von der EZB und damit praktisch ohne Risiko - bis zum Auslaufen des Programms Ende 2024 rund 24 Milliarden Euro kassieren, so haben es die Analysten von Morgan Stanley vorgerechnet.

Während Privathaushalte unter steigender Inflation ächzen, erhalten Banken vom Steuerzahler garantierte Zusatzprofite, die dann womöglich als Dividende an die Aktionäre und schlimmer noch Boni an die Mitarbeiter ausgeschüttet werden? Das macht der EZB nun offenbar Bauchschmerzen. Insider bestätigten einen Bericht der Financial Times, wonach die Währungshüter verhindern wollen, dass die Banken diese zusätzlichen Margen abgreifen. Womöglich hatte die Notenbank diese Lücke zunächst übersehen.

Die hohen Sonderzinsen der EZB hätten laut Commerzbank die Kreditvergabe verzerrt

Insgesamt haben die Banken bislang für 2,2 Billionen Euro subventionierter Kredite von der EZB bekommen. Seit Ende Juni gibt es zwar keine weiteren TLTRO-Kredite mehr, doch die vergebenen Darlehen laufen erst im Jahr 2024 vollständig aus.

Die Notenbank ist überzeugt, dass die Auswirkungen von Corona ohne diese Maßnahme viel schlimmer gewesen wären. Allerdings: Profitiert haben dürften davon vor allem große und stabile Unternehmen, die ohnehin leicht Kredit bekommen. Sie verursachen auf die Kreditsumme gerechnet weniger Kosten, außerdem sind Risiken dort deutlich geringer als bei kleineren Mittelständlern. "Wir gehen davon aus, dass vor allem vermehrt günstige Kredite an Großkunden vergeben wurden", schrieben die Volkswirte der Commerzbank zu Jahresanfang in einer Studie. Das alles sei ein "akzeptabler Trade-off", also ein ganz gutes Geschäft. Viele Banken hätten noch zum Jahresende 2021 reichlich Kredit vergeben, nur um in den Genuss des Programms zu kommen. Die Sonderzinsen der EZB? Hätten daher wohl das "Kreditvergabeverhalten" der Banken "verzerrt", so das Fazit der Commerzbank-Analysten. Hohe Volumen eben, aber niedrige Margen.

Ganz nebenbei sind manche Geschäftsbanken damit wohl erneut in die Abhängigkeit der Notenbanken und Staaten geraten. Nicht nur die Zentralbank half in der Pandemie, der Staat wiederum garantierte Kredite an Mittelständler oder stützte vermeintlich systemrelevante Konzerne wie Tui oder die Lufthansa - auch deswegen, weil deren Pleite manche finanzierende Bank mitgerissen hätte. "Die Banken haben bisher nur einen Bruchteil der fälligen TLTRO-Kredite an die Europäische Zentralbank zurückgezahlt. Viele haben nicht genügend Überschussliquidität, um die Kreditschulden bei der EZB zu tilgen", sagt Tamaz Georgadze, Vorstandschef der Zinsplattform Raisin.

In jedem Fall zeigt die Sache: Wie die Geldpolitik im Einzelfall genau auf die Wirtschaft wirkt, ist auf den ersten Blick oft schwer zu erkennen. Zwar jammern die Geldhäuser seit Jahren, sie seien die Leidtragenden der Niedrigzinsphase gewesen und hätten diese "Belastungen" daher zwangsläufig per Negativzinsen an die Kunden weitergeben müssen. Ganz so einfach aber ist es nicht, wie ein weiteres Beispiel zeigt: Bislang mussten Banken zwar prinzipiell noch 0,5 Prozent Zinsen an die Zentralbank zahlen, wenn sie selbst Geld dort parkten, das sie nicht im Kreditgeschäft einsetzen können oder wollen. Was dabei indes gerne unter den Tisch fiel: Die Zentralbank hatte den Banken und Sparkassen 2019 großzügige Freibeträge eingeräumt, sodass ein Teil ihrer Zentralbank-Einlagen gar nicht mehr mit negativen Zinsen belastet war.

Trotzdem hatten immer mehr Banken ab einem gewissen Betrag Negativzinsen von 0,5 Prozent verlangt. Das eigentliche Motiv war womöglich: Die Kunden dazu zu bringen, ihr Erspartes in Lebensversicherungen, Fonds oder Bausparverträge zu investieren, was den Geldhäusern stabile Provisionen einbringt, und dem Management in der Regel hohe Boni.

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