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EZB-Studie:Reiche gewinnen, Arme verlieren

In Europa ist die Ungleichheit bei den Vermögen der Privathaushalte gewachsen. Hausbesitzer sind im Vorteil.

Immobilienbesitzer sind deutlich wohlhabender als Menschen, die zur Miete wohnen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Europäischen Zentralbank zur Vermögensverteilung in der Währungsunion. "Während Mieter im Durchschnitt 51 100 Euro an Nettovermögen besitzen, beträgt das durchschnittliche Vermögen von Hausbesitzern, ob mit Hypothek oder ohne, rund 300 000 Euro", schreiben die EZB-Experten in ihrer Studie. Auch die Ungleichheit in Europa habe zugenommen. "Die reichsten 20 Prozent verzeichneten einen relativ großen Vermögenszuwachs, während die ärmsten 20 Prozent der Haushalte in Europa weniger haben als früher", so die Notenbank.

Das Ergebnis ist brisant, denn auch die lockere Geldpolitik der EZB ist nach Expertenmeinung für diese Entwicklung verantwortlich: Die Nullzinspolitik ermöglichte in den vergangenen Jahren die günstige Kreditaufnahme zum Erwerb von Immobilien, gleichzeitig sorgten niedrige Zinsen dafür, dass die Aktienkurse stark angestiegen sind. Privathaushalte mit geringen Einkommen können sich den Kauf von Aktien und Immobilien allerdings kaum leisten. Die Studie geht auf Daten von 2017 zurück, doch dürfte sich der festgestellte Trend bis zum Ausbruch der Corona-Krise fortgesetzt haben. Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Vermögen sind derzeit noch nicht absehbar. In den vergangenen Wochen kam es an den Aktienmärkten zu massiven Kurseinbrüchen, auch an den Immobilienmärkten könnte es zu Wertverlusten kommen.

Die EZB verlässt sich bei der Datensammlung auf die zuständigen nationalen Behörden in den 19 Euro-Staaten - in Deutschland ist das die Bundesbank. Das geschieht vor allem durch Umfragen. Die Methoden der Behörden unterscheiden sich ebenso wie die Erhebungszeiträume. Die EZB benötigt Zeit, um diese Informationen einheitlich aufzubereiten.

Das durchschnittliche Nettovermögen der Privathaushalte beträgt etwa 100 000 Euro. Es handelt sich hier um den sogenannten Median; der Betrag bezeichnet den Mittelwert, bei dem gleich viele Menschen weniger oder mehr besitzen. Die Bildung spielt beim Vermögensaufbau eine wichtige Rolle. Menschen mit Universitätsausbildung konnten zwischen 2014 und 2017 ihr Nettovermögen gegenüber der vorigen Studie im Schnitt um 4,5 Prozent steigern, während Nicht-Akademiker durchschnittlich 8,3 Prozent an Nettovermögen eingebüßt haben. Die Bundesbank hat festgestellt, dass die reichsten zehn Prozent der deutschen Haushalte 55 Prozent des Nettovermögens besitzen. Die 40 Prozent der Haushalte darunter halten 42 Prozent des Vermögens. Die 50 Prozent der Haushalte mit weniger Geld besitzen nur drei Prozent des gesamten Nettovermögens. Die Verschärfung der Ungleichheit untergrabe "das Leistungsprinzip und langfristig auch die Demokratie", sagt Fabio De Masi, Bundestagsabgeordneter der Linken. "Denn es sind die sogenannten kleinen Leute - Pflegekräfte, Polizisten oder Kassiererinnen - die den Laden jetzt am Laufen halten."

© SZ vom 31.03.2020
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