Finanzen:Die Deutschen holen ihr Geld aus dem Tresor

Lesezeit: 2 min

Finanzen: Viele Menschen tragen ihr Bargeld jetzt zurück zur Bank.

Viele Menschen tragen ihr Bargeld jetzt zurück zur Bank.

(Foto: Patrick Pleul/picture alliance/dpa)

Weil die EZB den Negativzins abgeschafft hat, kramen die Menschen bündelweise Scheine aus ihren Verstecken und tragen sie zurück zur Bank. Auch die Geldinstitute leeren ihre Bargeldtresore. Der Bargeldumlauf sinkt rapide.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Es dürfte kein Zufall sein, dass der Begriff "Strafzins" in Deutschland so gebräuchlich ist. Banken haben Kunden finanziell bestraft, wenn sie viel Geld auf dem Konto parkten. Die Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank war schuld an dem Schlamassel. Aber der findige Sparer wusste Rat: Er hob das Geld in bar ab und bunkerte die Scheine zu Hause im Tresor.

Das Elend hat ein Ende, seit die EZB den Negativzins im Juli abgeschafft hat. Menschen kramen jetzt die gebunkerten Scheine hervor und tragen sie zurück zur Bank. Sicher ist sicher. Die viel gescholtenen Banken machen es übrigens genauso. Sie leeren ihre Bargeldtresore und geben die Scheine zurück an die EZB. "In den letzten 30 Tagen ist der Wert der umlaufenden Euro-Banknoten um etwa ein Prozent gesunken", sagte ein EZB-Sprecher am Dienstag. "Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass die Banken hauptsächlich 500- und 200-Euro-Scheine aus den Tresoren auf ihre Zentralbankkonten zurückbringen." Der Analyst Peter Barkow machte bereits am Wochenende auf die Trendwende aufmerksam. Der Bargeldumlauf in Deutschland ist nach seinen Berechnungen seit der Leitzinswende der EZB um 14 Milliarden Euro gesunken.

Rückblick: Mit Einführung des Negativzinses durch die EZB haben Banken immer mehr Bargeld in ihre Tresore gelegt, um der finanziellen Belastung zu entgehen - ganz so wie mancher Bürger. "Die Summe stieg in der Negativzinsphase zwischen 2014 und 2022 in Deutschland von 15 auf 52 Milliarden Euro, und in der Euro-Zone insgesamt von 50 auf rund 100 Milliarden Euro", sagt der Geschäftsführer von Barkow Consulting. Das Bargeld zu bunkern lohnte sich: "Dadurch konnten die Kreditinstitute den Negativzins einsparen."

Jetzt werde das Geld zurückgeführt, der Bargeldumlauf sinke entsprechend. Das funktioniert so: Die Banken versorgen Privathaushalte, Unternehmen und Versicherungen mit Bargeld, das sie von der Notenbank holen. "Wenn ein Kunde auf seinem Konto Bargeld einzahlt, bleibt der Bargeldumlauf konstant. Erst wenn die Banken dieses Bargeld an die Notenbank zurückgeben, sinkt der Bargeldumlauf", erklärt Barkow. Das tun sie jetzt, in einem rasanten Tempo. So schnell wie derzeit ist der Bargeldumlauf seit Beginn des Jahrtausends nicht mehr gesunken.

Die EZB hat nach ihrer letzten Sitzung weitere Leitzinserhöhungen in Aussicht gestellt. Sparer erhalten inzwischen wieder einen Zinsertrag, der die hohe Inflation aber nicht ausgleichen kann. Für die Währungsunion geht eine experimentelle Geldpolitik zu Ende. Mit der Einführung eines Negativzinses betrat die EZB 2014 geldpolitisches Neuland. Die Notenbank wollte die Wirtschaft stärken, was ihr gelang. Sie hat aber viele Menschen damit vergrault, vor allem in Deutschland. Das merkt man auch jetzt an der Reaktion der Bürger hierzulande: Insgesamt sind in der Währungsunion 16 Milliarden Euro an die EZB zurückgeflossen, allein aus Deutschland waren es 14 Milliarden. Analyst Barkow stellt fest: "Der rückläufige Bargeldumlauf der vergangenen drei Wochen ist nahezu ausschließlich ein deutsches Phänomen."

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