GeldpolitikEZB senkt Leitzinsen zum achten Mal hintereinander

Lesezeit: 3 Min.

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt.
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt.
Michael Probst/AP/dpa

Sinkende Inflation macht es möglich: Die EZB senkt den wichtigsten Leitzins auf 2,0 Prozent. Sparer erhalten noch weniger für ihr Tagesgeld.

Von Markus Zydra, Frankfurt

SZ bei Google bevorzugen

Die Europäische Zentralbank hat angesichts rückläufiger Inflation die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Der für die Geldpolitik wichtigste Leitzins, der Einlagensatz, beträgt nun 2,0 Prozent. Es war die achte Senkung in Serie, Anfang Juni 2024 lag der Einlagenzins noch bei 4,0 Prozent. „Mit dieser heutigen Zinssenkung befinden wir uns in einer guten Position, um die Unsicherheiten der nächsten Monate zu meistern“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag. Einen „Sieg“ über die Inflation wollte Lagarde nicht ausrufen, denn es gebe „immer eine neue Schlacht“ zu schlagen.

Die Entscheidung der EZB war erwartet worden, nachdem die Inflation in der Euro-Zone im Mai auf 1,9 Prozent gesunken war. Im April lag der Wert noch bei 2,2 Prozent. Die EZB strebt eine durchschnittliche Teuerungsrate von genau zwei Prozent an. Ob die EZB den Leitzins weiter absenken wird, ist ungewiss. „Wir sind langsam am Ende der Zinstreppe nach unten angekommen. Ein oder maximal zwei Schritte könnten noch folgen, dann hat die EZB ein neues Gleichgewicht erreicht“, sagte Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank.

Der schlimmste Fall wäre eine Stagflation

Der Rückgang des Preisdrucks hat mehrere Gründe: Zum einen ist der Wert des Euro gegen den US-Dollar gestiegen, dadurch werden Importe tendenziell günstiger. Auch die seit Jahresbeginn sinkenden Ölpreise senken die Kosten. Für 2025 erwarten die Notenbankexperten eine Inflation von exakt zwei Prozent. Im März, bei der vorigen Prognose, waren noch 2,3 Prozent veranschlagt worden. Für 2026 rechnen die Ökonomen nun mit einer Inflationsrate von 1,6 (zuvor: 1,9) Prozent.

Die niedrigen Leitzinsen sollen die Wirtschaft unterstützen. Die EZB prognostiziert für das laufende Jahr ein Wachstum von 0,9 Prozent. Der deutsche Aktienindex Dax kletterte nach der Zinsentscheidung um 0,6 Prozent auf ein neues Rekordhoch von 24 420 Punkten. Allerdings sind die konjunkturellen Aussichten angesichts des drohenden Handelskonfliktes unsicher. Eine weltweite Rezession ist jederzeit möglich, sollte der Zollstreit zwischen den USA und den anderen Wirtschaftsräumen eskalieren.

Normalerweise sinkt die Inflation in einem Wirtschaftsabschwung. Allerdings könnte ein aggressiver globaler Zollkrieg auch zu Lieferengpässen bei wichtigen Gütern führen. Das wiederum würde einen Inflationsschub erzeugen. Die unangenehme wirtschaftliche Konsequenz wäre eine Stagflation – ein Zustand, in dem die Wirtschaft nicht wächst, die Preise aber steigen. Das gab es in den Industriestaaten zuletzt in den 1970er-Jahren.

Tagesgeldzinsen weiter gesunken

Die Leitzinssenkung hat Auswirkungen auf Zinserträge und Kreditkosten. Die Durchschnittszinsen liegen bei 1,27 Prozent und sind damit seit Anfang Februar um 0,29 Prozentpunkte gesunken, so eine Verivox-Auswertung von etwa 800 Banken und Sparkassen. Dies sei der stärkste Zinseinbruch seit Beginn der Datenerhebung im Januar 2012. „Aufgrund des scharfen Wettbewerbs beim Tagesgeld haben viele Banken ihre Konditionen zu Beginn des aktuellen Zinssenkungszyklus nur behutsam angepasst“, sagt Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox-Finanzvergleich. Inzwischen würden die Geldhäuser die sinkenden Zinsen in viel stärkerem Ausmaß an die Sparer weiterreichen, sagt er. „Selbst als die Europäische Zentralbank ihren Einlagenzins 2012 zuerst auf null und in den folgenden Jahren immer weiter ins Minus gedrückt hat, sind die Tagesgeldzinsen in keiner Phase so schnell und so massiv eingebrochen, wie wir es aktuell beobachten.“

Tagesgeldkonten sind ein beliebter Geldparkplatz: Ende vergangenen Jahres waren nach Angaben der Bundesbank 3406 Milliarden Euro und damit mehr als ein Drittel des gesamten Geldvermögens der privaten Haushalte hierzulande Bargeld und Sichteinlagen, auf die die Menschen bei Bedarf schnell zugreifen können. Der Nachteil: Bei einer allgemeinen Teuerungsrate in Deutschland von zuletzt 2,1 Prozent im Mai verliert das Geld angesichts der niedrigeren Verzinsung an Wert. Auch beim Festgeld sind die Zinsen im Mai weiter gesunken, so Verivox. Die Durchschnittszinsen fünfjähriger Festgeldanlagen lägen nun bei 2,09 Prozent.

Für Immobiliendarlehen mit zehnjähriger Zinsbindung beträgt der Mittelwert 3,6 Prozent, so die Auswertung der FMH-Finanzberatung. Bauzinsen hängen nicht direkt an den EZB-Leitzinsen, sondern orientieren sich an der Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe.

Lagarde möchte Amtszeit bei EZB erfüllen

Schließlich wies Lagarde den Bericht der Financial Times zurück, sie habe erwogen, vorzeitig aus dem Amt zu scheiden, um an die Spitze des Weltwirtschaftsforums zu wechseln. „Ich war immer fest entschlossen, meine Aufgabe zu erfüllen und ich bin entschlossen, meine Amtszeit zu beenden.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Tourismus
:Die günstigsten Reiseziele in Europa

In Deutschland müssen Reisende viel Geld für Hotels und Restaurantbesuche ausgeben. 16 Länder in Europa, in denen es sich preiswerter erholen lässt.

SZ PlusVon Sonja Salzburger und Christine Kokot

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: