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Geldpolitik:Geldpolitiker wagen es - manche mit Erfolg, manche scheitern krachend

Eigentlich hat die EZB einen leicht verständlichen Auftrag. Sie soll für stabiles Geld sorgen, sprich die Inflation im Zaum halten. In der Euro-Zone liegt die Teuerungsrate seit 2016 zwischen ein und zwei Prozent. Vernünftige Conclusio: Auftrag erfüllt. Doch das sieht die EZB anders. Sie folgt einer eigenen Definition von Preisstabilität und strebt langfristig eine durchschnittliche Teuerungsrate von "nahe, aber unter zwei Prozent" an. 1,5 Prozent oder nahe zwei Prozent - ist das so wichtig? Die EZB sagt Ja, und deshalb setzt sie auch in Zeiten von Wirtschaftswachstum ihre lockere Geldpolitik fort. Für die breite Öffentlichkeit ist das kaum zu begreifen. Auch deshalb regen sich viele Sparer über die Nullzinspolitik auf, zumal viele Ökonomen einräumen, dass da mit Scheingenauigkeiten hantiert wird: Ob 1,4 oder 1,7 Prozent Inflation - so genau könne man das gar nicht messen.

Ökonomen rätseln schon lange, warum die Inflation in den westlichen Industriestaaten vergleichsweise niedrig bleibt, obwohl die Zentralbanken Billionen in die Wirtschaft gepumpt haben und die Löhne langsam anziehen. In den akademischen Lehrbüchern steht, dass die Preise bei dieser lockeren Geldpolitik ordentlich steigen müssten, was aber nicht geschieht.

Diese Anomalie wirft Fragen auf für die EZB und andere Notenbanken: Die Globalisierung hat die Verzahnung der Wirtschaftsräume gestärkt. Womöglich ist die Entwicklung der nationalen Inflationsraten heutzutage stärker von externen Einflüssen abhängig, die jenseits der Macht der Notenbank liegen. Vielleicht sollte die Inflationsmessung erweitert werden. Bislang fließen die Verbraucherpreise dort ein. Aber was ist mit den Immobilien- und Aktienpreisen? Müssten die nicht stärker berücksichtigt werden? Die Notenbankwelt muss diese tatsächlich schwierigen Grundsatzfragen diskutieren, gerade auch mit der Öffentlichkeit.

"Einfaches Englisch" - das wurde für den Fed-Chef schnell zum Risiko

Bei aller Kritik: Die Kommunikation der Währungshüter hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert. In den 1920er-Jahren musste die Briten auf die Augenbrauen des britischen Notenbankchefs blicken, um zu erkennen, wie es um das Pfund stand. Später folgten Vernebelungstaktiken. Der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan brachte es zur Perfektion mit dem Satz: "Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich missverstanden haben." Notenbanker gerierten sich früher als Orakel.

Der amtierende Fed-Chef Jerome Powell hat immerhin versprochen "einfaches Englisch" zu reden. Doch schnell merkte er, wie riskant das sein würde. Ein paar lockere Sätze von ihm genügten, um an den Finanzmärkten für Aufregung zu sorgen. Dort ist man den technischen Jargon gewohnt, jedes ungewohnte Wort der Fed sorgt für Unruhe. Die Notenbankchefs können ihre Sprache im Dialog mit den Finanzmärkten wohl nur sehr behutsam anpassen. Aber wenn es darum geht, in der breiten Öffentlichkeit die Geldpolitik zu erklären und zu debattieren, darf man Klartext verlangen.

Es gibt Hoffnung. Bundesbankpräsident Jens Weidmann traf sich Anfang des Jahres mit jungen Menschen in einer Frankfurter Fabrikhalle und beantwortete ohne Umschweife deren Fragen. Die Bundesbank hatte ausschließlich über soziale Medien für diese Veranstaltung geworben. Ein Novum für die Institution. Alle wichtigen Notenbanken haben in letzter Zeit ihre Aktivitäten in den sozialen Medien ausgebaut. Es ist ein Anfang. Die Notenbanker sollten mehr Geschichten erzählen, fordert Andrew Haldane, der Chefvolkswirt Bank of England. "Aussagen, die an Erzählungen aus der realen Welt anknüpfen, bleiben besser hängen."

Die Richtung stimmt

Am wichtigsten bleibt aber die direkte Ansprache, auch und gerade der Skeptiker. Beispielsweise traf sich EZB-Direktor Benoît Cœuré 2014 zur Diskussion mit Globalisierungskritikern. Bundesbankvorstand Joachim Wuermeling sprach dieser Tage erstmals für die Institution über die Rolle der Zentralbanken in Zeiten von Populismus. "Wir müssen für die Akzeptanz unserer Politik Sorge tragen", sagte er. "Dabei sollten wir den Adressatenkreis unserer Kommunikation und unsere Instrumente erweitern." Man profitiere auch von Expertise, die außerhalb der Finanzmärkte angesiedelt sei.

Die Richtung stimmt. Notenbanker müssen ihre Höhlen verlassen und sich mit allgemein verständlichen Worten ausdrücken. Die Welt braucht keine Zentralbankverdrossenheit. Die Geldpolitik ist zu wichtig, als dass sie dem größten Teil der Bürger ein Rätsel bleiben sollte.

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