Die Europäische Zentralbank hat im Kampf gegen die steigende Inflation erstmals seit drei Jahren ihren wichtigsten Leitzins, den Einlagensatz, von 2,00 auf 2,25 Prozent angehoben. „Der Krieg droht die Inflation im Euro-Raum weiter anzufachen, während er die Wirtschaft schwächt“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag. Der Ölpreis legte seit Jahresanfang um gut 50 Prozent zu und trieb die Inflationsrate in der Euro-Zone im Mai auf 3,2 Prozent. Dieser Wert liegt deutlich über der Zielmarke von 2,0 Prozent.
„Das ist der symbolische Zinsschritt, der mehr für die Reputation der EZB machen soll, als dass er wirklich Einfluss hätte auf Inflation und Inflationserwartungen“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der niederländischen Großbank ING. Die EZB habe jetzt in den letzten beiden Zinserhöhungsphasen große Fehler gemacht. 2011 sei die Zinserhöhung überzogen gewesen, 2022 viel zu spät gekommen. „Daher muss die EZB jetzt aufpassen, keinen der beiden Fehler zu wiederholen. Eine frühzeitige Erhöhung, wie heute geschehen, ist gut. Überzogene Erhöhungen dahingegen der nächste Fehler“, sagt Brzeski.
Die Finanzmärkte haben mit dieser Entscheidung gerechnet, wichtige Notenbanker aus dem EZB-Rat hatten in den vergangenen Wochen mit Blick auf den Preisschock eine Zinsanhebung angedeutet. „Dieser Schritt soll ein Signal an die Finanzmärkte, aber auch an die Unternehmen und Haushalte sein, dass die EZB die Inflationsdynamik sehr genau im Auge hat“, sagte der Chefvolkswirt der deutschen Förderbank KfW, Dirk Schumacher. Die hohen Energiepreise werden von den Unternehmen inzwischen auf die Produktionskosten anderer Wirtschaftsbereiche aufgeschlagen, etwa bei der Düngerherstellung. Inzwischen sind daher die Inflationserwartungen der privaten Haushalte und Firmen gewachsen. Man rechnet auch in Zukunft mit höheren Preisen.
EZB möchte eine Preisspirale verhindern
Diese sogenannten Zweitrundeneffekte können dazu führen, dass Unternehmen prophylaktisch ihre Produktpreise erhöhen. Dann wiederum machen Angestellte Druck auf die Gewerkschaften, in Tarifverhandlungen höhere Löhne als Inflationsausgleich herauszuschlagen. Die höheren Gehaltskosten würden Firmen dann erneut auf ihre Produktpreise aufschlagen. Im schlimmsten Fall droht eine Preisspirale, die Inflation nährt sich unter diesen Umständen praktisch selbst. Diese Entwicklung möchte die EZB durch höhere Leitzinsen, die die Nachfrage insgesamt bremsen sollen, unterbinden. Allerdings dauert es typischerweise ein ganzes Jahr, bis die preisdämpfende Wirkung der Leitzinserhöhung die gesamte Wirtschaft durchdringt. Das birgt für Zentralbanken das erhebliche Risiko, völlig falschzuliegen, etwa wenn sich der Iran-Konflikt über Nacht auflöst und die Energiepreise schlagartig sinken.
EZB erwartet hohe Inflation bis 2027
In ihrer neuen Inflationsprognose, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, erwartet die Notenbank für dieses Jahr eine Teuerungsrate von durchschnittlich 3,0 Prozent. Noch im Dezember war die EZB für 2026 von einer Inflationsrate von 1,9 Prozent ausgegangen. Selbst für 2027 rechnet man noch mit 2,3 Prozent.
Die Leitzinserhöhung ist wegen ihrer wachstumshemmenden Wirkung unbeliebt. „Die jüngsten Inflationszahlen sind alarmierend“, sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, am Donnerstag. Dennoch sei die Zinserhöhung „zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht“. Die deutsche Wirtschaft kämpfe mit einer schwachen Nachfrage, zurückhaltenden Investitionen und hohen Kostenbelastungen. Höhere Zinsen könnten die Finanzierung von Investitionen zusätzlich verteuern. „Viele mittelständische Unternehmen finanzieren Modernisierungen, Digitalisierung, Lagerhaltung oder die Transformation ihrer Geschäftsmodelle über Kredite“, sagte Jandura. „Steigende Zinsen erhöhen diese Kosten unmittelbar und bremsen notwendige Investitionen.“ Das schwäche Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung.
Tagesgeldzinsen steigen nur mäßig
Seit dem Ölpreisschock als Folge des Iran-Kriegs können Sparer die gestiegene Inflation mit üblichen Tagesgeldzinsen nicht mehr ausgleichen. Vor allem bei Volksbanken und Sparkassen wirft geparktes Geld oft kaum Zinsen ab, so eine Analyse des Finanzportals Biallo. Im Verbundsektor – bei 594 untersuchten Sparkassen und Volksbanken – liegt demnach der unbefristete Tagesgeldzins bei im Schnitt 0,4 Prozent. Bei den analysierten überregionalen Banken und Direktbanken seien es 1,0 Prozent, mehr als das Doppelte. 81 Prozent der Sparkassen und 73 Prozent der Volksbanken, so die Auswertung, bezahlen höchstens 0,5 Prozent aufs Tagesgeld. Die schlechtesten Konditionen lägen bei 0,001 Prozent Zinsen – also zehn Cent Zinsen auf 10 000 Euro im Jahr. Zum Vergleich: Die Banken selbst erhalten für ihr Geld bei der Europäischen Zentralbank bislang den Einlagenzins 2,0 Prozent, der bald auf 2,25 Prozent angehoben wird.
Zwar wirbt die US-amerikanische J.P. Morgan über ihre Digitalbank Chase als neuer Anbieter mit einem Tagesgeldzins von vier Prozent, und die Norisbank hat mit einem ähnlichen Angebot nachgezogen. Allerdings gelten so hohe Zinssätze meist nur für Neukunden und für einen begrenzten Zeitraum. Wer kein „Zinshopping“ betreiben und ständig neue Konten eröffnen möchte, muss sich bei seiner Hausbank mit deutlich weniger Ertrag begnügen.
Immobilienkredite werden teurer
Die Aussichten für Bauherren, Immobilienkäufer und alle anderen, die auf Kredite angewiesen sind, trüben sich weiter ein. Bauzinsen erreichten bereits im April einen Jahreshöchststand und sind im Mai nur leicht gesunken. Wer ein Darlehen für zehn oder 15 Jahre binden möchte, muss im Moment mit etwa vier Prozent Darlehenszins rechnen. Hypothekenkredite orientieren sich an der Rendite von Staatsanleihen, also daran, wie viel Zinsen die Bundesrepublik bieten muss, wenn sie sich am Kapitalmarkt Geld leiht. Mitte Mai erreichten zehnjährige Bundesanleihen einen Zinssatz von 3,17 Prozent, so hoch wie seit 15 Jahren nicht. Am Donnerstag notierte die Rendite bei 3,05 Prozent. Der Anstieg hat vielfältige Gründe, etwa Sorge um die geopolitische Lage oder die steigende Staatsverschuldung. Eine wesentliche Ursache ist aber auch hier die Inflationserwartung, das wird frühzeitig in die Anleihekurse eingepreist. In einer Umfrage von Interhyp, eines Vermittlers für Baufinanzierungen, gaben im Mai 60 Prozent der Befragten an, dass sie für die kommenden sechs bis zwölf Monate eher mit steigenden Bauzinsen rechnen.

