Die meisten Menschen versuchen, denselben Fehler kein zweites Mal zu begehen. Und auch die Verantwortlichen der Europäischen Zentralbank sollten das tun. Die Notenbanker haben jetzt die Gelegenheit zu zeigen, dass sie aus ihrer Erfahrung lernen. Der Angriff der USA und Israels auf Iran hat die Preise für Öl und Gas stark anziehen lassen. Die Situation weckt Erinnerungen an den Februar 2022: Damals marschierten russische Truppen in die Ukraine ein, die Rohstoffpreise schossen in die Höhe – während die pandemiebedingten Lockdowns ohnehin zu Engpässen und steigenden Preisen bei vielen Gütern geführt hatten.
Die Pandemie und der Krieg in der Ukraine markierten den Auftakt zum stärksten Inflationsschub seit den 1970er-Jahren. Zeitweise stiegen die Preise in der Euro-Zone um mehr als zehn Prozent. Die EZB ging damals irrtümlich davon aus, der Spuk werde bald vorüber sein – und zögerte deshalb zu lange, die Leitzinsen anzuheben. Der unerwartete Preisschock kostete sie viel Vertrauen: Die Menschen in Europa hatten darauf vertraut, dass die Notenbanker die Inflation im Griff behalten würden. Europas Notenbank hat sich geschworen, diesen Fehler nicht zu wiederholen.
Die EZB steckt nun vor ihrer Sitzung nächste Woche in einer ähnlich vertrackten Lage. Erneut treiben militärische Konflikte die Preise für Öl und Gas in die Höhe. Die Menschen spüren die Folgen unmittelbar – beim Tanken ebenso wie beim Befüllen ihrer Heiztanks. Besonders einkommensschwache Haushalte trifft es hart: Sie leiden nicht nur unter den gestiegenen Energiepreisen, sondern auch unter Nahrungsmittelkosten, die seit 2020 im Schnitt um rund 30 Prozent gestiegen sind.
Der Ruf der Notenbanker hat gelitten
Ein erneuter Inflationsschock wäre für die EZB und die amerikanische Federal Reserve ein Desaster. Die Geldpolitiker würden dafür in der öffentlichen Wahrnehmung verantwortlich gemacht werden. Zu häufig haben die Notenbankchefs betont, dass ihr zentrales Mandat darin besteht, Preisstabilität zu gewährleisten. Sollte dieses Ziel innerhalb weniger Jahre ein zweites Mal verfehlt werden, stünde die gesellschaftliche Akzeptanz unabhängiger Notenbanken ernsthaft auf dem Spiel.
Die Währungshüter stehen vor einer heiklen Herausforderung. Wenn eine Notenbank den Leitzins anpasst, braucht es typischerweise ein ganzes Jahr, bis die dämpfende Wirkung die gesamte Wirtschaft durchdringt. Rohstoffe hingegen werden börslich gehandelt und schwanken sekündlich. Die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, der Militäreinsatz gegen Iran sei bald vorbei, ließ den Ölpreis pro Barrel von 120 auf 90 Dollar einbrechen. Auf Basis solcher hoher, aber volatiler Rohstoffpreise den Leitzins zu justieren, birgt das erhebliche Risiko, völlig falschzuliegen. Wenn aber die Rohstoffpreise monatelang so hoch bleiben, dann wird sich das preislich auf alle Wirtschaftssektoren auswirken – und die Notenbank muss mit Leitzinserhöhungen reagieren.
Allerdings sind steigende Leitzinsen in Wirtschaft und Politik derzeit hochgradig unbeliebt. US-Präsident Donald Trump tritt als aggressivster Verfechter niedriger Zinsen auf, denn Leitzinsanhebungen könnten die Preisblase an den US-Börsen, vor allem bei den amerikanischen KI-Unternehmen platzen lassen. Doch auch europäische Politiker blicken angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums kritisch darauf – vor allem, weil sich höhere Zinsen direkt auf die Kosten der Staatsverschuldung auswirken. Die EZB muss diesem wachsenden politischen Druck standhalten.
Gleichzeitig muss die Notenbank auch dem Druck im eigenen Kessel standhalten. Die Erfahrung, dass man die Inflation von 2022 anfangs unterschätzte, war traumatisch. Die EZB hatte sich in ihren Analysen eine Welt ausgemalt, in der es keine hohe Inflation mehr geben würde. Der folgenschwere Irrtum darf nun aber nicht dazu verleiten, die Leitzinsen wegen hoher Rohstoffpreise vorschnell anzuheben. Diesen Reflex zu unterdrücken, wird nicht leichtfallen.


