Die Europäische Zentralbank (EZB) hat entschieden ihren wichtigsten Leitzins unverändert bei 2,0 Prozent zu belassen. „Die Inflation erreicht allmählich unser mittelfristiges Ziel“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag. Im Januar lag die Teuerungsrate in der Euro-Zone bei 1,7 Prozent. Das war der niedrigste Wert seit September 2024. Im Dezember hatte die Inflationsrate noch bei 2,0 Prozent gelegen, was exakt der Zielmarke der Notenbank entspricht. Mittelfristig könnten die Entwicklungen an den Devisenmärkten die Inflation weiter drücken. Der US-Dollar hat gegen den Euro in den vergangenen zwölf Monaten rund 15 Prozent an Wert verloren. Importierte Rohstoffe wie Öl und Gas werden in US-Dollar abgerechnet, sie werden also, wie andere US-Waren auch, günstiger.
„Wir haben keinen Zielwert für den Wechselkurs, aber wir wissen, dass er wichtig ist für die Wachstums- und Inflationsaussichten“, sagte Lagarde. In der die Geschichte des Euro habe es immer wieder solche Preisausschläge gegeben. „Aber wir werden den Wechselkurs genau im Auge behalten.“
Inflation irgendwann zu „niedrig“?
Eine starke Währung verteuert Exporte und verbilligt zugleich Importe, was tendenziell das Wachstum dämpft und die Inflation drückt. „Insbesondere die exportorientierte deutsche Wirtschaft leidet unter einem starken Euro, während gleichzeitig günstigere Importe die Inflationsrate in der Euro-Zone insgesamt unter das Inflationsziel drücken könnten“, sagt die Ökonomin Lena Dräger vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW).
Eine weiter sinkende Inflation wäre für Konsumenten eine gute Nachricht. Allerdings möchte die EZB die Teuerungsrate bei 2,0 Prozent halten, als Puffer zu einer Deflation. In einer Deflation würden die Preise auf breiter Ebene fallen, was der Wirtschaft nach Ansicht der Währungshüter stark schaden könnte. Mitte der 2010er-Jahre lag die Inflation in der Währungsunion nahe der Nulllinie, die EZB führte damals erstmals den Negativ-Leitzins ein. Die Erfahrungen dieses Experiments waren gemischt. Für Negativzinsen, so der aktuelle Eindruck, würde sich die EZB wohl nicht mehr entscheiden. Aber sollte die Inflation ihrer Ansicht nach zu stark fallen, würde man den Leitzins wohl deutlich absenken.
So weit ist es aber noch lange nicht. Immerhin schließen Experten auch das andere Szenario nicht aus, nämlich, dass die Inflation wieder anzieht. Die angespannte Weltlage könnte die Unternehmen dazu zwingen, resilientere und damit teurere Lieferketten aufzubauen. Das könnte, neben den höheren Staatsausgaben in Deutschland und anderswo, die Inflation antreiben.
„Die zu Jahresanfang gesunkene Inflation und der starke Euro-Außenwert sind Momentaufnahmen. Wenn die Energiepreise drehen und sich der US-Dollar erholt, klettert die Euro-Inflation wieder rasch über zwei Prozent“, sagt ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann.
Die EZB hat nun auf fünf Sitzungen hintereinander die Leitzinsen unverändert gelassen, nachdem es bis Juni 2025 eine ganze Serie von Senkungen gegeben hatte: Noch im Frühjahr 2024 lag der für die Geldpolitik relevante Einlagenzins, den Banken erhalten, wenn sie Geld bei der Notenbank parken, doppelt so hoch bei 4,0 Prozent.

