Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Leitzinsen trotz des Iran-Kriegs und steigender Ölpreise konstant gehalten. Der für die geldpolitische Steuerung maßgebliche Einlagensatz bleibt unverändert bei 2,25 Prozent. „Wir sind weiterhin gut aufgestellt, um die durch den Konflikt verursachte Unsicherheit zu bewältigen“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag in Frankfurt. Man werde auf Basis der nächsten Daten entscheiden, ob und wann eine weitere Leitzinserhöhung nötig werde. Im Juni hatte die Notenbank angesichts der steigenden Inflation erstmals seit drei Jahren den Leitzins von 2 auf 2,25 Prozent angehoben. In den vergangenen Wochen hatte es immer wieder Spekulationen über eine weitere Zinserhöhung gegeben.
Angesichts der erneuten Eskalation im Iran-Krieg möchte die Notenbank aber zunächst Zeit gewinnen, um die Auswirkungen des Konflikts auf die Rohstoffpreise und die Inflation insgesamt abschätzen zu können. Der Ölpreis der Sorte Brent ist seit dem Wiederausbruch der Militärschläge zwischen den USA und Iran Anfang Juli von 71 Dollar auf 98 Dollar je Barrel gestiegen. Der hohe Ölpreis könnte auf andere Wirtschaftsgüter übergreifen und den jüngsten Preisschub noch einmal verstärken. Die Inflation in der Euro-Zone hatte sich nach dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Iran und den USA im Juni abgeschwächt, lag aber mit 2,8 Prozent immer noch deutlich über dem Inflationsziel der EZB. Die Währungshüter streben mittelfristig eine Jahresteuerung von zwei Prozent an. Im Mai betrug die Inflationsrate noch 3,2 Prozent.
Der anhaltende Militärkonflikt um die Kontrolle der Straße von Hormus belastet auch die Anleihemärkte. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist am Donnerstag mit 3,2 Prozent auf den höchsten Stand seit 2011 geklettert; die Investoren preisen damit höhere Inflationsraten und eine weitere Leitzinserhöhung der EZB ein. Für die Bundesregierung sind das schlechte Nachrichten: Sie plant mit Rekordschulden. Steigen die Marktzinsen, steigen in der Regel auch ihre Zinskosten deutlich. Das schränkt ihren Spielraum für andere Ausgaben erheblich ein.
„Weil die Lage im Iran-Krieg so unübersichtlich ist, war es jetzt richtig, abzuwarten. Je länger am Golf die Waffen sprechen, desto wahrscheinlicher ist jedoch eine weitere Zinserhöhung nach der Sommerpause“, sagte ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann. Halte die Hormus-Blockade an, dann könnten neben den Ölpreisen zum Herbst auch noch die Gaspreise stark steigen. „Dann wird es bei der Euro-Inflationsrate im Herbst richtig ungemütlich. Kriege sind inflationär, besonders dann, wenn sie die Öl- und Gasversorgung beeinträchtigen“, sagte Heinemann.
Bleibt Lagarde oder geht sie?
Lagarde äußerte sich auch zu den wiederholten Spekulationen, sie könne ihre Amtszeit aus politischen Gründen vorzeitig beenden. Anfang Juli antwortete sie auf die Frage, ob sie eine persönliche Beteiligung am französischen Präsidentschaftswahlkampf in Erwägung ziehe, um einen Kandidaten zu unterstützen oder sogar selbst zu kandidieren: „Ich werde mir selbst einige Fragen stellen.“ Wenige Tage später ruderte sie zurück und erklärte dem Sender Euronews, sie sei „keine Kandidatin für irgendetwas“. Am Donnerstag antwortete sie auf eine entsprechende Frage: „Sie werden mich nicht vor 2027 gehen sehen. Wenn Wolken am Horizont zu sehen sind, bleibt der Kapitän an Bord.“ Lagardes Mandat endet Ende Oktober 2027.
Sparkassen und Volksbanken zahlen sehr wenig Tagesgeldzins
Bankkunden haben bislang sehr wenig von der jüngsten Leitzinserhöhung der EZB profitiert. Nur jede sechste Bank in Deutschland hat den Aufschlag seit Juni zumindest teilweise an ihre Tagesgeldanleger weitergegeben, so auch eine aktuelle Auswertung von über 823 Banken und Sparkassen durch das Vergleichsportal Verivox. Bundesweit verfügbare Tagesgeldangebote bringen im Schnitt aktuell 1,38 Prozent. Vor dem letzten Notenbanktermin lagen sie bei 1,33 Prozent; die Durchschnittszinsen sind seitdem somit um 0,05 Prozentpunkte gestiegen. Bei den regionalen Geldhäusern müssen sich Tagesgeldanleger im Schnitt mit wesentlich niedrigeren Zinsen begnügen: Die Sparkassen zahlen durchschnittlich 0,41 Prozent aufs Tagesgeld. Bei den regionalen Genossenschaftsbanken, also insbesondere den örtlichen Volks- und Raiffeisenbanken, liegen die Zinsen im Schnitt bei 0,47 Prozent. In beiden Bankengruppen ging es bei den Durchschnittszinsen seit der EZB-Leitzinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten im Juni nur um 0,03 Prozent nach oben.
Ausgewertet wurden die unbefristeten Standardzinssätze der Geldhäuser. Sonderkonditionen, die nur für Neukunden oder Neuanlagen und auch nur für wenige Monate gültig sind, blieben unberücksichtigt.
