Notenbanken:Auf dem Weg zu einer "grünen" Geldpolitik

Bankenskyline von Frankfurt am Main

Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt möchte die Kosten des Klimawandels bei ihrer Geldpolitik stärker berücksichtigen. Unter der EZB-Präsidentin Christine Lagarde fand neben der Einführung eines höheren Inflationsziels von exakt zwei Prozent auch die "grüne Geldpolitik" Eingang in die Notenbankwelt.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat das Thema Inflation mit den Risiken des Klimawandels verknüpft.

Von Markus Zydra

Schon zu ihrem Amtsantritt hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde eine stärkere Rolle der Notenbank im Kampf gegen den Klimawandel eingefordert. Damals rümpften viele Kollegen noch die Nase, nach dem Motto: Klimaschutz ist wichtig, aber als Währungshüter sollte man sich gefälligst um stabile Preise kümmern. Doch die Französin bewies in den vergangenen zwei Jahren viel Geschick, beide Sujets zu verknüpfen.

Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat in ihrem wegweisenden Bericht "Grüner Schwan" die möglichen Folgewirkungen des Klimawandels auf die Finanzwirtschaft aufgezeigt. Das Argument: Die Dekarbonisierung der globalen Wirtschaft wird zu Verwerfungen führen, die Einfluss auf die Inflation haben könnten, beispielsweise durch Knappheiten bestimmter Grundstoffe, die für die Umstellung wichtig sind.

Für Lagarde steht fest: Der Klimawandel könne, wenn man sich nicht darum kümmere, die Wirtschaft in einer Weise treffen, die Risiken für die Preisstabilität mit sich bringe. "Beides hängt intrinsisch zusammen und ist verbunden", so die EZB-Präsidentin, deren Institution auch für die Bankenaufsicht zuständig ist. Für den Finanzbereich ist die Berücksichtigung des Klimawandels gut zu erklären: Banken vergeben Kredite und deren Ausfallrisiko hängt auch davon ab, ob die kreditnehmenden Unternehmen für die Zukunft gerüstet sind. Nur ein Beispiel: Wer zu lange auf den Verbrennungsmotor in der Automobilindustrie setzt, könnte in finanzielle Schwierigkeiten geraten und womöglich seine Darlehen nicht mehr zurückzahlen.

Die EZB hat ihre geldpolitische Strategie im Sommer grundlegend reformiert. Neben der Einführung eines höheren Inflationsziels von exakt zwei Prozent fand auch die "grüne Geldpolitik" Eingang in die Notenbankwelt. Die Notenbank möchte konkret die Kosten des Klimawandels bei ihrer Geldpolitik stärker berücksichtigen. Dahinter steht der Gedanke, dass Unternehmen, die mit hohem Kohlenstoffdioxidausstoß produzieren, höhere Geschäftsrisiken tragen und durch schärfere Gesetze plötzlich ihre Marktchancen verlieren könnten. Europas Banken müssen daher im nächsten Jahr einen Klimastresstest absolvieren. Mit dem Ergebnis wird die EZB-Bankenaufsicht einen ersten Eindruck erhalten, wie riskant die Kreditportfolien der Institute sind.

Bis 2024 möchte die EZB auch ihre Prognosemodelle für Inflation und Wachstum mit Blick auf die Folgen des Klimawandels neu justieren. Auch die eigenen Leihgeschäfte sollen überprüft werden. Die Notenbank akzeptiert bei der Kreditvergabe an Banken Anleihen als Sicherheit. Da stellen sich völlig neue Fragen: Wie klimaneutral sind diese Anleihen? Muss darauf ein höherer Abschlag berechnet werden?

Die Frage ist nun, ob die Notenbank künftig die "Schmutzfinken" aussortiert

Die EZB beleiht nicht nur Anleihen, sie kauft diese Wertpapiere auch. Dabei handelt es sich vornehmlich um Staatsanleihen, aber auch Unternehmensanleihen wandern in die Bilanz der EZB. Die Frage ist nun, ob die Notenbank künftig ihren Bestand an Unternehmensschuldscheinen nach Umweltkriterien typologisiert und die "Schmutzfinken" aussortiert, sprich verkauft. Doch wäre das klug?

Die Bank of England weist darauf hin, dass eine Notenbank damit nicht viel erreichen würde. Denn der Schuldschein würde ja nicht verschwinden, sondern in den Besitz eines anderen Investors wandern. Darüber hinaus würde ein genereller Abverkauf von Wertpapieren, deren Unternehmen einen negativen CO2-Fußabdruck haben, auch solche Konzerne bestrafen, die einen ehrgeizigen Plan zur Klimaneutralität entwickelt haben. Die britische Notenbank möchte daher die Anreize für Unternehmen verbessern, in der Null-Kohlendioxid-Welt anzukommen.

Kunstaktion gegen Förderung fossiler Energien

Aktivisten verschiedener Initiativen liegen vor dem ehemaligen EZB-Gebäude in der Innenstadt von Frankfurt neben einem riesigen Mural auf den Asphalt. Das 300 Quadratmeter große Bild trägt den Schriftzug "Stop funding fossil fuels" und richtet sich gegen die Klimapolitik von EZB, Sparkasse, Commerzbank und Deutscher Bank.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Die Währungshüter stecken aufgrund des Richtungswechsels mittendrin in der politischen Klimadebatte. Greenpeace-Aktivisten landeten jüngst mit zwei Gleitschirmen auf dem Dach des EZB-Eingangsgebäudes und entrollten ein Banner mit der Aufschrift "Stop funding climate killers". Die Aktion richtete sich nach Angaben von Greenpeace "gegen die klimaschädliche Geldpolitik der Notenbanken".

Den einen geht die "grüne Geldpolitik" zu weit, den anderen nicht weit genug

Eine von Greenpeace und verschiedenen Forschungsinstituten veröffentlichte Studie zeigt nach Angaben der Organisation, "dass die EZB systematisch den Klimaschutz untergräbt". Die EZB und andere Währungshüter stecken in der Klemme: Den einen geht die "grüne Geldpolitik" zu weit, den anderen nicht weit genug.

Bislang fehlen klare Regeln dafür, was genau man unter einem "grünen" Investment versteht. Die EU-Kommission möchte noch im November einen Beschluss vorlegen zu dem EU-Nachhaltigkeitslabel. Hier handelt es sich um einen ab 2022 verbindlichen Leitfaden. Darin sind Kriterien aufgeführt, die Investments erfüllen müssen, um als "grün" zu gelten.

Wie knifflig die genaue Abgrenzung von "grün" und "braun" ist, zeigt der Streit darüber, ob Atomkraft und Gas in dieser Taxonomie als nachhaltig eingestuft werden sollen. Die Europäische Bankenaufsicht Eba prüft unterdessen, bei welchen Projekten man Banken bei der Kreditvergabe vielleicht einen regulatorischen "Bonus" geben könnte, indem man ihnen gestattet, für "grüne" Kreditgeschäfte weniger Verlustpuffer zurückzulegen. Ein solcher Bonus ist sehr umstritten, denn die meisten Regulatoren finden, dass der Blick aufs Kreditausfallrisiko im Mittelpunkt stehen sollte - und nicht die Färbung des Investments.

Die US-Notenbank Fed hält sich anders als die EZB und die Bank of England noch zurück mit "grüner" Geldpolitik. "Heute ist der Klimawandel kein Thema, das wir bei der Festlegung der Geldpolitik direkt berücksichtigen", sagte Fed-Chef Jerome Powell. "Wir untersuchen aber, welche Auswirkungen der Klimawandel auf unsere Aufsichts-, Regulierungs- und Finanzstabilitätsaufgaben hat." Powell machte deutlich, dass sich die Rolle der Institution in dieser Angelegenheit auf die Aufsicht über die Banken und das übrige Finanzsystem beschränke - der Rest sei Sache der Politik.

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