EZB Italiener für die Banken

(Foto: Bobby Yip/Reuters)

Andrea Enria leitet bei der EZB künftig die Kontrolle der Banken. Das hat der EZB-Rat entschieden.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Der Rat der Europäischen Zentralbank EZB hat sich für Andrea Enria als neuen Chef ihrer Bankenaufsicht ausgesprochen, wie die Notenbank mitteilte. Der Italiener leitet seit fast acht Jahren die Geschicke der Europäischen Bankenaufsicht. Die Londoner EU-Behörde führt regelmäßig Stresstests für Europas Banken durch. Bei der EZB-Bankenaufsicht in Frankfurt wird Enria künftig die 115 größten Kreditinstitute der Euro-Zone direkt überwachen. Seine Berufung muss noch vom Europäischen Parlament abgesegnet werden. Danach befinden die EU-Staats- und Regierungschef über die Personalie. Enria würde der Französin Daniele Nouy nachfolgen, deren fünfjähriger Vertrag im Dezember ausläuft.

Enria, 57, setzte sich gegen die Vize-Gouverneurin der irischen Zentralbank, Sharon Donnery, 45, durch. Die Volkswirtin war lange Favoritin für den Posten. Sie gilt als versierte Expertin, die sich zuletzt stark um den Abbau fauler Krediten in den Bilanzen europäischer Banken kümmerte. Außerdem hatte das EU-Parlament deutlich gemacht, man wolle mehr Frauen in EU-Spitzenpositionen hieven.

Doch Enria war ein starker Gegenkandidat. Durch seine Arbeit bei der EU-Aufsicht ist er international auf höchster Ebene gut vernetzt. Er war in die Verhandlungen zur strengeren Bankenregulierung nach der Finanzkrise involviert und gilt zudem als unabhängig genug, um sich politischer Einflussnahme aus dem eigenen Land zu erwehren. Der italienische Bankensektor steht enorm unter Druck, die Institute haben faule Kredite im Wert von rund 200 Milliarden Euro in ihren Bilanzen. Die Hoffnung ist nun, der Italiener an der EZB-Aufsichtsspitze könne die Probleme dort direkter angehen. Kritiker befürchten dagegen, Enria könne im Umgang mit Italiens Banken zu handzahm sein.

Die Besetzung von EU-Posten ist eine sensible Angelegenheit. Natürlich spielt die Qualifikation der Bewerber eine wichtige Rolle, ebenso aber deren Nationalität und Geschlecht. Vielleicht wollte der EZB-Rat auch aus diesem Grund seine Abstimmung über die Personalie geheim durchführen. Normalerweise entscheidet das Gremium im Konsens. In dem 25-köpfigen Rat sind zwei Frauen vertreten, der Rest sind Männer. Die Notenbank steht daher schon lange unter öffentlichem Druck, mehr Frauen auf Chefposten zu setzen.

Die vertrauliche Abstimmung stellte sicher, dass niemand erfahren wird, welcher Notenbanker im Gremium für Enria oder Donnery gestimmt hat. Die Statuten erlauben dieses Vorgehen. EZB-Präsident Mario Draghi darf eine Geheimabstimmung veranlassen, sobald drei Ratskollegen eine solche gefordert haben. Genau das war geschehen.

Der Hauptnachteil für Donnery ergab sich durch eine andere Personalie: Mit dem irischen Notenbankchef Philip Lane machte sich ein weiterer Ire Hoffnung auf einen Spitzenposten. Er wird als Nachfolger von EZB-Chefvolkswirt Peter Praet gehandelt, der bald ausscheidet. Doch zwei Iren in zwei EZB-Spitzenämtern? Es schien kaum vorstellbar, dass das Land damit durchkommen könnte. Daher war man zuletzt davon ausgegangen, Lane könne auf seine Bewerbung verzichten. Doch das geschah nicht.

Mit Donnery's Niederlage sind Lane's Chancen nun gestiegen. Irland hofft als Gründungsmitglied der Währungsunion auf seinen ersten Spitzenposten. Für Italien ist die Berufung Enrias ein politisches Trostpflaster. Das Land verliert im nächsten Jahr drei EU-Topjobs. Draghi, die italienische EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und der italienische EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani müssen 2019 aufhören.

Sharon Donnery könnte dennoch bald aufsteigen, an die Spitze der irischen Zentralbank als Nachfolgerin des Kollegen Lane. Aber nur, wenn es der Harvard-Absolvent zur EZB schafft.