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EZB:Die Notenbank sitzt in der Falle

Auf sie wird es 2021 ankommen - und wie: EZB-Präsidentin Christine Lagarde.

(Foto: Frederick Florin /AFP)

Die Bürger erleben steigende Preise, die EZB misst fallende. Dieses Problem müssen die Währungshüter lösen. Erst dann können sie gegen eine mögliche Inflation vorgehen.

Kommentar von Markus Zydra, Frankfurt

Den Geldwert sichern, das ist die Kernaufgabe der EZB. In den letzten Jahren lag die offiziell gemessene Inflationsrate zwischen null und ein Prozent. Stabiler konnten die Preise eigentlich kaum sein. Doch die Währungshüter möchten zwei Prozent Teuerung erreichen. Diese Zielmarke gilt seit 30 Jahren als Elle für alle wichtigen Zentralbanken. Früher war das sinnvoll, denn früher gab es Inflationsraten von fünf und mehr Prozent. Nach der globalen Finanzkrise 2008 verschwand die Inflation allmählich. Doch die Notenbanken hielten fest an ihrem Ziel. Um dorthin zu gelangen, hat die EZB über vier Billionen Euro in die Märkte gepumpt und den Leitzins bei null Prozent fixiert.

Währungshüter, die für höhere Preise kämpfen? Das klingt in etwa so, als ob ein Umweltminister den Giftausstoß fördert. Schwer vermittelbar. Die Notenbank sieht sich mit ihren Maßnahmen im Dienst der Bürger. Doch die Menschen nehmen die Welt ganz anders wahr. In ihrer Welt sind die Preise enorm gestiegen, für Lebensmittel, für das Dach über dem Kopf. Das Statistische Bundesamt meldete am Montag, dass die Preise für Wohnimmobilien um 7,8 Prozent zugelegt haben. Doch bezogen auf die Gesamtwirtschaft vermelden die Statistiker seit Monaten sogar sinkende Preise. Er ist zum Verrücktwerden, dieser Graben zwischen objektivierter Inflationsmessung und ihrer subjektiven Wahrnehmung. Und mittendrin, als mutmaßlicher Fall für die Couch, die EZB.

Inflation: Was war das nochmal?

Die Inflation ist hierzulande ein Gespenst aus ferner Zeit. Die Hyperinflation zu Zeiten der Weimarer Republik hat ihren festen Platz in den Geschichtsbüchern. Inzwischen verblassen auch die Erinnerungen an die Inflationsjahrzehnte der 1970er und 1980er. Nur die jetzt 55-Jährigen und Älteren waren bewusst dabei, der Rest der Bevölkerung kennt eine Welt ohne Inflation und geht vielleicht davon aus, dass es so bleiben könnte. Das sorgt für Übermut. Drei, vier, fünf Prozent Inflation - warum denn nicht? Das wäre doch gut für den Schuldenabbau. Solche Argumente hört man, weil mit dem Vergessen das Risiko wächst, die Gefahr zu unterschätzen.

Auch die EZB diskutiert, künftig höhere Inflationsraten zuzulassen. Doch zunächst müssen die Währungshüter das Problem der Messung lösen. Am Ende sind es Konsumenten, die täglich einkaufen und monatlich ihre Rechnungen bezahlen, auf deren Erfahrung es ankommt. Arme Menschen haben höhere Preissteigerungen zu tragen als reiche Menschen, weil Nahrung und Wohnen bei diesen Gruppen einen größeren Teil des Budgets ausmachen. Überhaupt gehören die hohen Immobilienpreise viel stärker in den Warenkörben berücksichtigt, um die Lebenswirklichkeit der Bürger abzubilden. Die EZB muss zusammen mit den Statistikbehörden entsprechende Änderungen vornehmen. Das ist ein Gebot der Legitimation.

Daran schließt sich die Frage an, wie stark die Inflation zurückkommt und wie die EZB damit umgeht. Zum Ersten: Durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie kann es im Zuge eines Aufschwungs im nächsten Jahr zu weiteren Verknappungen kommen. Das führt zu höheren Preisen. Die internationalen Handelskonflikte und weniger Mobilität könnten Produkte verteuern, weil sich die Verhandlungsposition von Arbeitnehmern für höhere Löhne verbessert. Dazu kommt das viele billige Geld der Notenbanken, das in besseren Zeiten zu einem starken Nachfrageschub auf Pump führen könnte. Höhere Inflationsraten sind also denkbar. Wie würde die EZB reagieren?

Eigentlich müsste sie bei stark steigenden Preisen ihre lockere Geldpolitik stoppen. Doch wagt sie das? Der Aktienindex Dax hat am Montag einen neuen Rekordstand erreicht, Grund ist die Nullzinspolitik der Notenbank. An den Börsen werden Schrottanleihen zu völlig überhöhten Preisen gehandelt. Grund ist die Geldpolitik. Gleichzeitig können sich die Regierungen der Euro-Zone zu rekordniedrigen Zinsen verschulden, weil die EZB die Staatsanleihen aufkauft. Wenn die Notenbank den Kurswechsel auch nur andeutet, drohen schlimme Verwerfungen an den Finanzmärkten.

Eine Wirtschaftswelt, die sich an billiges Geld gewöhnt hat. Börsen, die heiß laufen. Bürger, die in einer Welt mit steigenden Preisen leben, während die Notenbank fallende diagnostiziert. Was immer die EZB tun wird - die Rolle des Buhmanns scheint ihr sicher.

© SZ
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