Europäische Zentralbank:Locker bleiben ist gefährlich

Die Inflation steigt, doch die EZB macht weiter mit der lockeren Geldpolitik. Ein riskantes Experiment.

Kommentar von Markus Zydra

In Deutschland gehört Kritik an der lockeren Geldpolitik der EZB zum guten Ton. Mario Draghi musste sich in seiner Zeit als Notenbankchef viele böse Kommentare gefallen lassen. Doch der Italiener hatte ein überzeugendes Argument im Ärmel. Die Inflationsraten in der Euro-Zone waren stets sehr niedrig. Mit der Nullzinspolitik erfüllte die Notenbank daher ihre vornehmste Aufgabe, nämlich für stabile Preise zu sorgen.

Seine Nachfolgerin Christine Lagarde kann sich nicht mehr so ungezwungen auf dieses Argument berufen. Denn inzwischen steigen die Preise in der Euro-Zone. Im August lag die Inflationsrate mit drei Prozent recht deutlich über dem selbstgesteckten Ziel von zwei Prozent. Für Deutschland registrierte das Statistische Bundesamt im August sogar 3,9 Prozent: Wohnen, Energie und Lebensmittel sind teurer geworden. Das ist politisch brisant.

Die Haushalte mit geringen Einkommen leiden am stärksten, wenn Güter des täglichen Überlebens mehr Geld kosten. Gleichzeitig sind die Reichen der Gesellschaft in den letzten Jahren noch reicher geworden. Die lockere Geldpolitik trieb die Immobilienpreise und Aktienkurse nach oben. Davon profitierten aber nur Menschen, die sich diese Investments leisten konnten.

Eigentlich müsste die EZB bei steigenden Preisen ihre Geldpolitik straffen. Nun hat sie zwar beschlossen, die monatlichen Anleihekäufe ein wenig zu reduzieren. Doch die lockere Geldpolitik ist damit nicht gestoppt. Die alten Konflikte aus der Draghi-Ära zwischen "Tauben" und "Falken" brechen wieder auf. Erstere möchten billiges Geld bis ultimo. Letztere wollen die Hilfen deutlich zurückfahren. Lagarde hat sich in diesem Zielkonflikt salomonisch als "Eule" bezeichnet. Doch bald muss sie Farbe bekennen. Zum Ausbruch der Covid-Krise im Frühjahr 2020 waren sich alle einig über die 1,85 Billionen Euro Geldspritze. Keine Zeit für Auseinandersetzungen. Doch dieser Pakt hält nicht mehr. Die nationalen Zentralbankchefs im EZB-Rat verbreiten öffentlich ihre divergierenden Ansichten. Die Auseinandersetzung läuft zivil ab. Lagarde ist eine bessere Moderatorin, als Draghi es war. Doch sie muss nun dieselbe Streitfrage beantworten wie ihr Vorgänger: Wie viel Normalisierung der Geldpolitik ist überhaupt möglich?

Börsen und Finanzminister sind süchtig nach billigem Geld

Eine Erhöhung der Leitzinsen auf drei oder vier Prozent wie früher erscheint kaum vorstellbar. Zu süchtig sind die Börsen und Finanzminister der Euro-Zone nach billigem Geld. Es ist eine einfache Rechnung: Wenn die Zinsen steigen, steigen die Kosten für die Neuverschuldung. Einige Euro-Staaten können sich das nicht leisten. Die EZB schützt die Euro-Zone vor den Börsenspekulanten. Ihr Ankauf von Staatsanleihen garantiert niedrige Kreditzinsen für alle, auch für die finanzschwächsten Mitglieder. Der Effekt ist enorm: Griechenland kann zehnjährige Anleihen in etwa zum selben Zinssatz an den Finanzmärkten platzieren wie Großbritannien.

Auch die Börsen fürchten sich vor einem Zinsanstieg, denn dieser könnte an den Anleihemärkten ein Beben auslösen. Investoren haben in den vergangenen Jahren leichtfertig Unternehmenskredite vergeben, gerade in dem riskanten Ramsch-Sektor.

Die lockere Geldpolitik der EZB wirkt auf Staatshaushalte und Finanzmärkte wie ein Kortison. Sie unterdrückt den Ausbruch einer gefährlichen Entzündung. Draghis Versprechen "Whatever it takes" gilt felsenfest. In den vergangenen zehn Jahren gab es immer wieder Momente, in denen der Anfang vom Ende der lockeren Geldpolitik beschworen wurde. Bislang ist es stets beim Reden geblieben.

Die EZB ist inzwischen der größte Gläubiger der Euro-Staaten. Mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft nach Corona und den ehrgeizigen Investitionszielen im Kampf gegen den Klimawandel steigt der Geldbedarf noch mehr. Manche Ökonomen sagen, solange die Zinsen bei null Prozent liegen, seien hohe Schulden kein Problem. Mag sein. Aber was, wenn sie unrecht haben? Die Magie der Geldschöpfung durch Notenbanken scheint unwiderstehlich. Es ist ein gewagtes Experiment. Sollten die Inflationsraten dauerhaft ansteigen, muss sich die EZB entscheiden: Bremsen oder weiter volle Fahrt? Beide Wege bergen große Gefahren.

© SZ
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