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Ex-Barclays-Chef vor Untersuchungsausschuss:Bekenntnisse eines Bankers

Ein schlichtes "Sorry" fand er ausreichend, um das Verhalten der Banken in der Finanzkrise zu entschuldigen. Doch dann ist Barclays' umstrittener Chef Bob Diamond über die Manipulationen der Bank gestolpert und musste vor den Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments. Dort versuchte er, die Notenbank mit in die Verantwortung zu nehmen.

Bob Diamond hat viel überstanden: Die Finanzkrise, alle Diskussionen über seine Millionen-Boni - doch nun hat er aufgeben. Dass sein Institut den wichtigsten Zinssatz für die Geschäfte der Banken untereinander manipuliert hat, war zu viel.

Zurückhaltung oder Zerknischung aber sind seine Sache nicht. An diesem Mittwoch startet er vor dem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments mit einer Liebeserklärung: "Ich liebe Barclays." Er habe 16 fantastische Jahre dort gehabt, und befürchte nun, dass die Welt Barclays nur noch mit "einigen Gruppen von Händlern identifiziere", die sich nicht richtig verhalten hätten. In diesem Stil geht es weiter. Eigentlich sei alles gut, nur einige hätten Fehler gemacht.

Die Unterstützung seitens der Aktionäre und von den Behörden für ihn sei zuletzt allerdings nicht mehr so stark wie früher gewesen, darum habe er sich entschieden, zurückzutreten.

"Keine Anweisung"

Die Bank hatte zuletzt eingeräumt, dass sie bei Berechnung des Referenzzinssatzes Libor falsche Angaben gemacht hatte. Zur Ermittlung des Libors fragte die britische Bankenvereinigung bei 15 Instituten die Zinssätze ab, zu denen sich die Institute bei anderen Banken Geld leihen können. Doch folgt man die Ausführungen Diamonds, entstand bei diesem Vorgehen ein Problem: Barclays drohte zu oft am oberen Ende der Spanne zu liegen. Wenn deshalb Gerüchte am Markt aufgekommen wären, dass es dem Institut schwerfalle, sich günstig Geld zu leihen, dann "hätte es möglicherweise ein Problem mit der Eigenkapitalbeschaffung geben können", sagte der bisherige Bankchef.

Die Erklärungen, die Barclays schon in den Tagen zuvor gemacht hatte, zeigt, wie brisant der Fall ist: Dem Institut zufolge war es 2008 davon ausgegangen, dass die Notenbank falsche Angaben des Geldhauses zur Ermittlung des Referenz-Zinssatzes Libor gutheiße. So habe man nach der Pleite von Lehman Brothers weitere Unruhe an den Märkten wegen steigender Refinanzierungskosten der Banken vermeiden wollen.

Vor dem Ausschuss bestätigte Diamond zwar intensive Kontakte zwischen Barclays und der Notenbank. Es habe allerdings keine Bitte seitens der Notenbank gegeben, den Zinssatz herunter zu setzen. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass es eine Anweisung war." Seine persönliche Angst sei gewesen, dass die Regierung Barclays keine eigene Rettung aus der Finanzkrise zutraute und deshalb eine Verstaatlichung der Großbank ins Auge fasste.

Pikante Kontakte zu Notenbankern

Weltweit laufen in der Sache Ermittlungen gegen mehr als ein Dutzend Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank und UBS. Denn die Bedeutung des Libors ist immens: Seine Entwicklung dient auch als Basis für variabel verzinste Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und weitere Transaktionen in einem Volumen von 360 Billionen Dollar.

Barclays hatte als erstes Geldhaus Fehlverhalten eingeräumt. Die Bank wurde von Behörden in den USA und Großbritannien zu einer Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Neben Diamond mussten auch Verwaltungsratschef Marcus Agius und der fürs Tagesgeschäft zuständige Vorstand Jerry del Missier ihren Hut nehmen.

In einem jetzt veröffentlichten neunseitigen internen Bericht äußert die Bank "tiefes Bedauern" über die Vorfälle. Das hätte niemals passieren dürfen, heißt es in dem Dokument, das einen Tag vor Diamonds Anhörung veröffentlicht worden ist.

Das Institut habe zur Aufarbeitung des Skandals in einer internen Untersuchung mehr als drei Jahre lang 22 Millionen Dokumente durchforstet und mehr als 75 Interviews geführt. Insgesamt habe das gut 100 Millionen Pfund gekostet.

Sprengstoff hatte in dem Bericht vor allem die Passagen, in denen es um die regelmäßigen Kontakte mit Vertretern der Notenbank geht. In einer Chronik zeigt Barclays auf, wann Manager mit Zentralbankern gesprochen haben. Besonders pikant ist dabei eine Notiz von Diamond, der damals noch an der Spitze der Investmentbanking-Sparte stand: Darin verweist der US-Amerikaner auf ein Gespräch mit dem Vize-Gouverneur der Bank von England, Paul Tucker, in dem dieser berichtet habe, dass ihn Regierungsvertreter angerufen hätten, um zu fragen, warum Barclays so hohe Zinsen bei der Libor-Festsetzung angebe. "Herr Tucker meinte, die Anrufe seien von hochrangigen Personen gekommen. Zudem meinte er, dass wir zwar bestimmt keinen Rat brauchten, es aber sicher nicht immer nötig sei, dass wir so hohe Zinsen wie zuvor angeben", schrieb Diamond dem Dokument zufolge in einem Brief an den damaligen Bankchef John Varley.

Daraus habe die Bank abgeleitet, dass es durchaus genehm sei, niedrigere Zinsen zu übermitteln. Die Bank von England äußerte sich nicht dazu. Der damals zuständige Finanzminister Alistair Darling wies die Darstellung aber zurück:

"Ich fände es absolut verwunderlich, wenn die Notenbank eine solche Empfehlung abgegeben hätte und ich kann mir auch keine Umstände vorstellen, in denen jemand speziell in meinem Verantwortungsbereich - dem Finanzministerium - so etwas getan hätte", sagte er dem TV-Sender Channel Four.

© Süddeutsche.de/Reuters/hgn/jab/bavo

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